Im spanischen Fußball gab es einen Spielabbruch wegen antifaschistischer Parolen

Spielabbruch wegen Antifaschismus

Erstmals wurde in Spanien ein Profifußballspiel wegen Beleidigungen abgebrochen. Fans hatten den ukrainischen Spieler Roman Sosulja wegen seiner extrem rechten Gesinnung beschimpft.
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»Scheißnazi!« und »Raus aus Vallecas!« tönte es von den Rängen. Die Sprüche richteten sich gegen den ukrainischen Nationalspieler Roman Sosulja beim Auswärtsspiel seines Clubs Albacete Balompié bei Rayo Vallecano im Dezember. Auf Transparenten waren Sprüche wie »Meide Nazis, wenn du den Streifen trägst!« zu lesen, in Anspielung auf das Dress von Rayo, ein weißes Shirt mit rotem Streifen. Bereits 2017 hatten die Fans von Rayo gegen ihren eigenen Club heftig protestiert, als dieser Sosulja per Leihvertrag verpflichten wollte, und so den Transfer verhindert (Jungle World 10/2017).

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Rayo Vallecano, manchmal als »FC St. Pauli Spaniens« bezeichnet, ist ein 1924 gegründeter Club mit starker linker und antifaschistischer Tradition aus den südlichen Madrider Stadtteilen Puente und Villa de Vallecas mit ihren insgesamt etwa 330.000 Einwohnern. Zu den Fans zählen die antifaschistische Gruppe »Bukaneros« sowie auch die Band Ska-P, die die Vereinshymne geschrieben hat und in Deutschland für ihr antisemitisches Stück »Intifada« kritisiert wurde.

Zur Halbzeit beim Stand von 0:0 brach der Schiedsrichter José Luis López Toca das Zweitligaspiel wegen der Schmähgesänge von den Tribünen ab. Das war eine Premiere, noch nie war eine spanische Erst- oder Zweitligapartie »wegen Beleidigungen von den Tribünen« beendet worden; nicht als Fans von Real Madrid eine Banane auf Roberto Carlos warfen, nicht als 2006 Fans von Saragossa Samuel Eto’o vom FC Barcelona rassistisch beschimpften, nicht als Marcelo und Dani Alves als »Affen« und mit »Uh-uh-uh«-Sprechchören beleidigt wurden.

Der spanische Ligaverband drückte in einer Stellungnahme seine »volle Unterstützung« für die Schiedsrichterentscheidung aus, man müsse »die Werte des Fußballsports schützen«. Selbst der Präsident von Rayo, Raúl Martín Presa, kritisierte seine Fans: »Das ist Fußball, hier geht es nicht um Ideologie oder Klassenkampf.« Javier Tebas, der spanische Ligapräsident, sagte: »Bei Rayo wollen sie keine Nazis. Und was, wenn ein anderes Team morgen keine Homosexuellen will?« Tebas hat selbst eine extrem rechte Vergangenheit in der Fuerza Nueva, einer Nachfolgeorganisation der faschistischen Falange, und hegt Sympathien für die rechtsextreme Partei Vox.

Die Ultras des Vereins FK Dnipro gelten als Rekrutierungsmilieu für rechtsextreme Paramilitärs, wie das Regiment Asow.

Der spanische Fußballverband verurteilte Rayo Vallecano zu einer Geldstrafe von 18 000 Euro. Zudem muss der Verein zwei Heimspiele bestreiten, in denen die Fanblöcke gesperrt sind, aus denen antifaschistischen Rufe ertönt waren. Eine Berufungskommission setzte die Strafe zunächst aus. Wann das Spiel gegen Albacete vor leeren Rängen wiederholt wird, ist noch offen. Der linke Kolumnist Gerardo Tece schrieb auf dem Online-Portal Contexto y Acción: »In einer gesunden Gesellschaft würde die Rayo-Fangemeinde mit Auszeichnungen für ihre sport­liche Aktion gewürdigt werden und nicht bestraft.«
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verteidigte Sosulja als »coolen Profi und wahren Patrioten«. Sosulja selbst forderte von den Fans von Rayo eine Entschuldigung. Er sagte, er sei »kein Nazi, sondern lediglich ein Patriot, der sein Land unterstützt«.

Ein Blick auf Sosuljas Social-Media-Kanäle ergibt ein anderes Bild. Der spanische Journalist und Rechtsextremismusexperte Antonio Maestre untersuchte beispielsweise Sosuljas Twitter-Account. Dort gibt es ein Bild, auf dem der Nationalspieler vor einer Tafel mit einem Spielstand von 14:88 posiert. Es handelt sich um einen bei Rechtsextremen beliebten Zahlencode. Die »14« steht für einen rassistisch-nationalsozialistischen Schwur, der aus 14 Worten besteht; die »88« steht für »Heil Hitler«. Auf einem anderen Bild posiert Sosulja neben einem Poster von Stepan Andrijowytsch Bandera. Der ukrainische Nationalist ist bekannt für seine Kollaboration mit der SS und der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, seiner Beteiligung an Pogromen gegen Juden und anderen Verbrechen.

 

Ein anderes Bild zeigt Sosulja mit drei ausgestreckten Fingern über dem Herzen, das ist der Gruß der neonazistischen Gruppe Stolnyi Grad. Während der ukrainischen Maidan-Bewegung und als der Krieg gegen russisch unterstützte Separatisten begann, war Sosulja Spieler beim rechtsnationalistischen ukrainischen Club FK Dnipro. Die Ultras des Vereins (unter anderem »Dnepr White Boys«) gelten als Rekrutierungsmilieu für rechtsextreme Paramilitärs, wie das Regiment oder Bataillon Asow, dessen Wappen das in Neonazikreisen beliebte Symbol der Wolfsangel enthält und bis 2015 zudem die sogenannte Schwarze Sonne zeigte. Sosulja fotografierte sich mit einem T-Shirt, das Alexander »Daring« Ruzak zeigt, ein 2014 im Krieg getötetes Mitglied des Bataillon Asow. Carles Viñas, Professor für Zeitgeschichte an der Universitat Barcelona, charakterisierte Sosulja als »Ultranationalisten und Ultrapatrioten, der mit Neonazigruppen kollaboriert und zusammen agiert hat«.

»Mit dem Krieg im Osten in den separatistischen Regionen, wie im Donbass, konnten sich die Neonaziorganisationen weiter etablieren«, sagte die deutsch-ukrainische Kulturaktivistin Julia Portnowa der Jungle World. »Neonaziattacken kommen in der Ukraine immer häufiger vor, besonders linke Kulturorganisationen und -institutionen sowie deren Veranstaltungsorte werden immer öfter von Nazis attackiert. Es werden Ausstellungen gestürmt, ­Lokale verwüstet und immer wieder werden linke Aktivistinnen und Aktivisten bedroht, verprügelt oder sogar ermordet.« Besonders häufig richteten sich die Überfälle gegen Roma, Homosexuelle, systemkritische Künstlerinnen sowie politische Aktivisten, so Portnowa. Die Überfälle seien professionell organisiert. »Neonazis haben in der Ukraine einen festen Stellenwert«, berichtet die 30jährige, sie würden in weiten Teilen der Gesellschaft verharmlost und als Beschützer der ukrainischen Nation betrachtet.

Über das Regiment Asow sagt sie, es handele sich um »paramilitärische Kampftruppen, die im Auftrag des ukrainischen Staats im Donbass« kämpften. »Sie unterstehen jedoch keiner staatlichen Führung. In gewisser Weise sind sie Nazisöldner, mit Kämpfern aus allen Teilen des Landes, die sich als Verteidiger einer ›reinen‹ Ukraine sehen.« Militärisch sei die Ukraine bei Kriegsbeginn auf sie angewiesen gewesen. Die Regierung habe mit ihrer Politik aber den Nazis in die Hände gespielt und die Akzeptanz solcher Gruppen forciert.

Die Tatsache, dass die Übergänge zwischen Nationalismus und offenem Neonazismus – im übrigen nicht nur in der Ukraine – fließend sind, ändert freilich nichts daran, dass der Abbruch der Partie Rayo Vallecano gegen Albacete Balompié viel über den spanischen Fußball aussagt. Nachdem jahrelang rassistische, sexistische und homophobe Schmähungen ignoriert worden waren, mussten die »Werte des Fußballs« ausgerechnet dann verteidigt werden, als die linken Fans eines antifaschistischen Clubs sich gegen die ­extrem rechte Haltung eines gegnerischen Spielers wendeten.