Der Roman »Oreo« über eine schwarze Jüdin

No roots, more fun

Als Tochter einer Schwarzen und eines Juden wächst Christine als doppelte Außenseiterin in Philadelphia auf: Fran Ross schildert in ihrem 1974 erschienenen Roman »Oreo« den spielerischen Umgang mit Identitäten.

»Oj gewalt, was ’n das für ’ne verfickte Scheiße?« Sprachlich bewegt sich Christine Clark schon seit ihrer Kindheit zwischen den Kulturen. Jiddische Schimpfwörter zählt die in Philadelphia lebende junge Frau ebenso zu ihrem Vokabular wie den schwarzen Straßenjargon und den Südstaatenakzent ihrer Großmutter Louise Clark, der zäh »wie Maisgrütze« war. Wegen ihrer jüdisch-afroamerikanischen Herkunft wird Christine nach dem dunklen Keks mit der hellen Cremefüllung »Oreo« genannt; es ist eine Bezeichnung für Schwarze, die »weiß« geworden sind, die ihre Herkunft hinter sich gelassen haben und zum weißen Establishment gezählt werden.

Der Roman »Oreo«, der 2015 in den USA wiederentdeckt wurde, sprengt mit seinem überbordenden Stil sämtliche Lesegewohnheiten.

Christine beziehungsweise Oreo ist die Protagonistin von Fran Ross’ Debütroman, der 1974 in den USA erschien, allerdings kurz darauf schon wieder vergessen war. Niemand interessierte sich Mitte der Siebziger für eine junge Frau, die mühelos die jüdischen und die afroamerikanischen Traditionen verbinden beziehungsweise überwinden konnte, die mit Sarkasmus Identitätskonzepte zerlegte und sich über afroamerikanische Klischees von Männlichkeit ebenso lustig machte wie über Stereotype jüdischer Kultur. Nachdem der Roman von der Presse wie vom Publikum ignoriert worden war, verfasste die 1935 in Philadelphia geborene, 1985 in New York City verstorbene Autorin keinen weiteren. Mit ihrer Protagonistin hatte sie die Herkunft aus einer jüdisch-afroamerikanischen Familie sowie den Umzug von Philadelphia nach New York gemein.

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In New York will die 16jährige Oreo ihren Vater aufspüren und den Umständen der kurzen Ehe ihrer Eltern samt ihrer Geburt auf die Spur ­kommen. Oreo, die Tochter von Helen Clark Schwartz, einer Afroamerikanerin, und Samuel Schwartz, einem jüdischen US-Amerikaner, ist gemeinsam mit ihrem Bruder Moische bei ihren Großeltern mütterlicherseits aufgewachsen, nachdem sich ihre Eltern getrennt hatten. Ihr Vater – »der Schmock« – ist nach New York City abgehauen, während sich ihre Mutter mit Gelegenheitsjobs an allen mögliche Orten der USA durchschlägt. Die Eheschließung von Helen und Samuel ist von deren Familien nicht sonderlich gut aufgenommen worden: »Als Frieda Schwartz von ihrem Schmuel erfuhr, dass er ein schwarzes Mädchen heiraten würde, stieß sie ein Geschrei sondergleichen aus und erlag einem rassistischen / mein-Sohn-ein-Gammler-Herzinfarkt«, heißt es über die Familie Schwartz. Auch die mütterliche Seite der Familie ist wenig begeistert: »Als James Clark aus dem süßen Mund von Helen Clark erfuhr, dass sie einen Judenjungen heiraten und demnächst Helen Schwartz heißen werde, brachte er eben noch ein gekrächztes ›Goldberg!‹ hervor, bevor er auf der Stelle zu einem halben ­Hakenkreuz versteinerte.« Dies ist der Tonfall, in dem Ross sich all jene ­Vorurteile vornimmt, die Juden und Afroamerikaner gegeneinander hegen. Oreo lässt sich davon nicht beirren: »›Mir saacht kein Nigger nich, was ich zu tun und zu lassen hab. Der kricht von mir so’n klop in’ie kischkes!‹ Bei Stress verfiel sie immer in die Rhetorik ihrer hellhäutigen schwarzen Großmutter und ihres (mutterbedingt) dunkelhäutigen weißen Großvaters gleichzeitig.«

Oreos Vater Samuel ist Schauspieler und Synchronsprecher, er spielt zum Zeitpunkt der Trennung von seiner Frau Helen gerade den Aigeus, Vater des Theseus in der griechischen Mythologie. Von diesem Stoff inspiriert, hinterlässt er seiner Tochter einen Zettel mit »einem Schwall farchadetene Anweisungen«, mit deren Hilfe Oreo ihn später einmal aufspüren soll. So ist der Roman auch eine Heldenerzählung, denn ebenso wie Theseus auf der Suche nach seinem Vater zahlreiche Abenteuer bestehen muss, begegnen auch Oreo auf ihrem Weg nach New York zahlreiche Gauner, Tierquäler und Zuhälter. Der Theseus-­Mythos strukturiert den Roman, alle handelnden Figuren sind griechischen Vorbildern nachempfunden; ergänzt werden sie mit jüdischen und afroamerikanischen Stereotypen. Konsequent wird die Geschichte aus einer feministischen Perspektive ­geschildert. Von ihrer Mutter weiß Oreo, dass die Unterdrückung der Frau darauf beruht, dass Männer »Frauen zu Klump prügeln«, was wiederum Oreo dazu motiviert, dieses Verhältnis umzukehren. So trifft sie etwa auf den schwarzen Zuhälter Parnell, den sie, als er eine seiner Prostituierten schlecht behandelt, mit ­einem Spazierstock verprügelt. Um sich zu rächen, beauftragt er Kirk, einen debilen Afroamerikaner mit Riesenpenis, mit der Vergewaltigung Oreos: »Kirks Gerätschaft stieg auf wie eine vom Erzengel Gabriel bei der letzten Party der Weltgeschichte herumgepustete Papierschwalbe.« Nachdem Kirk ausgeschaltet ist, muss auch Parnell selbst dran glauben: »Sarkastische Bumse von Kop bis Zeh, ein hochironischer Fuß im Mund, spöttische Wort-Kracks, tritweiser Schlagabtausch, pihkweise Satire – kurz, die komplette Persiflage auf Parnell.« Es folgen eine Persiflage auf die afroamerikanische Männlichkeit, den griechischen Heldenmythos ­sowie den jüdischen Bildungsroman. So schlägt sich die Heldin bis zu ­ihrem Vater durch, um schließlich auch das Geheimnis, das ihrer Geburt zu lüften.

Humor ist die zentrale Waffe der Autorin, mit der sie der Idee einer Wesenhaftigkeit der »afroamerikanischen Identität« und der »jüdischen Identität« angreift.

Es ist ein Humor, mit dem einige Jahre später auch Lou Reed das Thema Herkunft bearbeitete: »I wanna be black, have natural rhythm«, sang Reed 1978 in seinem Song »I Wanna Be Black«, »Shoot twenty foot of jism too/And fuck up the jews«. Der 1942 als Lewis Allan Rabinowitz geborene Musiker machte sich in diesem Song über die Identifikation vieler US-amerikanischer Juden seiner Generation mit der afroamerikanischen Community lustig. Die Sehnsucht danach, schwarz zu sein, war eine Strategie, sich zumindest ­imaginär über die mit der eigenen Herkunft verbundenen Erwartungen und Zuschreibungen zu erheben. Hier ähneln sich die Strategien von Reed und Ross: Hinter dem Spiel mit Klischees steckt die Suche nach einem Weg hinaus aus einengenden Identitätskonzepten, gegen die eine Generation junger Juden kämpfte. Ihre afroamerikanischen Zeitgenossen waren zu dieser Zeit wegen ihrer Geschichte stärker mit der Suche nach einer eindeutigen schwarzen Identität beschäftigt. Vermutlich fand das Buch aus diesem Grund in der afroamerikanischen Community keinen Nachhall, anders als der kurze Zeit später erschienene Roman »Roots« von Alex Haley, der eine eindeutige schwarze Identität konstruiert hat und so ein klares Identifikations­modell vorgibt.

»Oreo« dagegen überfordert die Leser auch heutzutage noch: Das Buch, das 2015 in den USA wiederentdeckt und als wichtiger Beitrag zur afroamerikanischen und amerikanisch-jüdischen Literaturgeschichte wiederveröffentlicht wurde, sprengt mit seinem überbordenden Stil sämtliche Lesegewohnheiten. »›Oreo‹ ist ein großartiger Versuch, der Komplexität menschlicher Identitäten gerecht zu werden – kein identitätspolitisches Statement, sondern eine literarische Antwort auf die damals wie heute brennende Frage nach Verbindungen zwischen angeblichen Gegensätzen, die in den herrschenden Narrativen kaum ­vorkommen«, schreibt Max Czollek im Nachwort zur deutschen Ausgabe. Das Buch spiegelt die ­Komplexität von Herkunft in einer Form, die ebenso vielstimmig ist wie seine Protagonistin, die im Laufe des Buches in zahlreiche Rollen schlüpft. Eingestreut sind Diagramme, Rezepte, Aufzählungen, Werbeanzeigen, Briefe, es finden sich unterschiedliche Stimmen und Sprachen, Stile und literarische Anspielungen. Der jamaikanische Autor Marlon James (»Eine Geschichte von sieben Morden«) vergleicht das Buch daher mit der musikalischen Struktur von Jazz: »Die konstante dialektische Spannung des Romans erinnert an Jazz. Free Jazz, der willentlich mit Poesie und Kakophonie, Musik und Lärm, Bedeutung und Unsinn, schwarz und jüdisch spielt.«

Fran Ross hat gezeigt, dass schon die Frage nach der Selbstdefinition problematisch ist, weil sie eine Wahrheit hinter dem Spiel voraussetzt. Oreo hat solche Festlegungen für sich überwunden: »Zwei Jahre nach dem Finale dieses Buches wird sie zum Idealbild sämtlicher sagen- und folkloreumwobenen Schönheiten gereift sein – egal welche Nationalität, welche ethnische Zugehörigkeit.«

Fran Ross: Oreo. Aus dem amerikanischen Englisch von Pieke Biermann. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2019, 288 Seiten, 22 Euro