Terrence Malicks neuer Film »Ein verborgenes Leben«

Die Banalität des Guten

Terrence Malick erzählt in seinem dreistündigen Epos »Ein verborgenes Leben« die authentische Geschichte des Widerstands eines Einzelnen im Nationalsozialismus: Der österreichische Bauer Franz Jägerstätter weigert sich, für die Wehrmacht zu kämpfen, und bleibt im Angesicht der drohenden Hinrichtung bis zum bitteren Ende standhaft.

Vater, wenn sie mich einberufen, dann kann ich nicht gehen. Wir töten unschuldige Menschen. überfallen andere Länder. Und für die Priester sind das alles Helden, die Soldaten, die das tun.« Mit diesen Worten offenbart Franz Jägerstätter dem Pfarrer, was ihn bewegt. Der Kirchenmann antwortet: »Glaubst du nicht, man soll auch die Konsequenzen seines Handels sehen, auch für die deinigen? Dein Opfergang würde für niemanden gut sein.« Damit ist der Konflikt umrissen, um den es im Film »Ein verborgenes Leben« geht: Franz Jägerstätter, ein österreichischer Bauer, weigerte sich aus Gewissensgründen, für die Wehrmacht zu kämpfen.

Anzeige

Der US-amerikanische Regisseur Terrence Malick (»Badlands«, »Der schmale Grat«, »Tree of Life«) erzählt die authentische Geschichte des österreichischen Kriegsdienstverweigerers auf Grundlage der Biographie »Er folgte seinem Gewissen. Das einsame Zeugnis des Franz Jägerstätter« von Gordon Zahn.

Die Glaubensfrage drängt sich bisweilen in den Vordergrund und lässt den Nationalsozialismus nurmehr zu einer Folie für die Handlung werden. Klar unterschieden wird bei Malick aber zwischen der Instititution der Kirche, der Religion und dem Glauben des Einzelnen.

1907 als Sohn einer Magd und eines Bauern in St. Radegund geboren, wuchs Franz Jägerstätter in einer frommen katholischen Familie auf. Wegen seiner Bedenken gegen eine aktive Kriegsteilnahme als Soldat suchte er Rat bei Bischof Josef Fließer, doch Jägerstätter hatte den Eindruck, dass der Bischof nicht wagte, offen zu sprechen, weil er ihn nicht kannte. Später verweigerte Jägerstätter den Kriegsdienst bei der Wehrmacht, wurde verhaftet und nach kurzer Zeit im Gefängnis 1943 im Alter von 36 Jahren in Brandenburg durch das Fallbeil hingerichtet. Am 26. Oktober 2007 wurde er von Papst Benedikt XVI. seliggesprochen.

In dem beklemmenden Film fragt Malick danach, ob der Einzelne seiner konkreten historischen Situation zumindest geistig entfliehen kann. Kann man unter grausamsten Bedingungen seine Aufrichtigkeit bewahren? Der Film zeigt eine kräftezehrende Befragung der persönlichen Überzeugung angesichts der Todesdrohung, die der Nationalsozialismus für Abweichler bereithielt.

Österreich nach der Eingliederung ins Deutsche Reich: Am Rand der idyllischen Gemeinde St. Radegund liegt der Hof der Jägerstätters. Hier lebt das Bauernpaar Franz und Franziska mit seinen drei Töchtern. Die Familie ist glücklich mit ihrem Leben. »Wir lebten über den Wolken. Wie einfach das Leben da noch war. Keine Sorgen schienen uns erreichen zu können«, heißt es im Film. Dann wird Franz 1940 zur militärischen Ausbildung einberufen. Die Vorbereitung auf den Kriegseinsatz, die er widerwillig mitmacht, bestärkt nur seine pazifistische Grundüberzeugung. Den Nationalsozialismus hält er für falsch, den Krieg will er nicht unterstützen. Erfolglos sucht er Hilfe beim Pfarrer und beim Bischof. Als er nach der Einberufung den Dienst in der Wehrmacht verweigert, wird er inhaftiert und gefoltert. Die Nachbarn beginnen, seine Frau und die Kinder verächtlich zu machen, anzuspucken und mit Dreck zu bewerfen, während Franz in Berlin der Prozess gemacht wird. Weil er weiter an seinen Überzeugungen festhält, wird er 1943 wegen »Wehrkraftzersetzung« hingerichtet.

Das Schicksal des unbeugsamen Bauern wird auf so beklemmende Art erzählt, dass es bisweilen schwer erträglich ist, dem Film zu folgen. Die Befragung des Gewissens wird in ausgedehnten Szenen und langen Panoramafahrten als quälender Prozess darstellt. Diese Langsamkeit verstärkt das Mitleiden mit der Famile Jägerstätters, bis es kaum mehr auszuhalten ist. »Ein verborgenes Leben« ist aufgebaut wie ein Passionsspiel, das die einzelnen Leidensstationen des Protagonisten abgeht, bis die Erzählung an ihr bereits bekanntes Ende gelangt. Immer wieder ­hadert Jägerstätter mit seinem Glauben, elend, einsam, verlassen sitzt er in seiner Zelle, um schließlich Trost in der eigenen Überzeugung zu ­finden und seinen letzten Gang zu gehen.

»Ein verborgenes Leben« beeindruckt durch eine eindringliche Inszenierung, wozu mehrere Aspekte beitragen. Zuallererst sind die beiden Hauptdarsteller zu nennen: In jeder Sekunde spricht aus August Diehl der gütige Mensch, der einfach leben will und mit sich grundsätzlich im Reinen ist. Er gibt einen virilen, zähen Burschen völlig jenseits des er­wartbaren Klischees des friedfertig-schwächlichen Bauern. Diehl gelingt es, die Selbstbefragung seiner Figur körperlich sichtbar werden zu lassen. Das passiert in leisen Gesten, seine Mimik ist so unauffällig wie beredt. Nicht minder überzeugend spielt Valerie Pachner seine Ehefrau, die ihn in seiner Entscheidung unterstützt. Wenn die Kamera zwischen dem inhaftierten Franz und seiner Frau Franzska hin- und herwechselt, entsteht ein stiller, mitreißender Dialog.

Einige historische Abweichungen wurden dem Film inzwischen nachgewiesen. Anders als bei Malick dargestellt, wäre Jägerstätter bereit gewesen, Sanitätsdienst in der Wehrmacht zu leisten, im Film wird Jägerstätter ein entsprechendes Dokument vorgelegt, das zu unterzeichnen er ablehnt, weil er keinen Eid auf Hitler schwören möchte.

Die Glaubensfrage drängt sich bisweilen in den Vordergrund und lässt den Nationalsozialismus nurmehr zu einer Folie für die Handlung werdent. Klar unterschieden wird bei Malick aber zwischen der Institution der Kirche, der Religion und dem Glauben des Einzelnen. Wie einen großen Stein, der auf ihm lastet, schleppt Franz die Gewissensqual mit sich. Weil der Film aus dem Briefwechsel zwischen Franz und Franziska zitiert und  die Schauspieler, so oft es geht, die manchmal eigentümliche Wortwahl und Satzstellung ihrer Vorbilder übernehmen, entfaltet die Darstellung eine besondere Kraft.

Bestehen die Spielszene sehr oft aus intimen Zweierkonstellationen, so sind sie in phantastische Panoramen eingebettet. Der Film operiert mit der Ästhetik des Erhabenen, wenn er die Bergwelt in einer fast übernatürlichen Schönheit zeigt. Wolkenlandschaften und Vogelperspektiven, Almansichten in der To­talen und Sonnenstrahlenfeuerwerke visualisieren eine Art Metaphysik der Freiheit, eine weltliche Spiritualität, die den Regisseur in vielen seiner Filme interessiert. Da erscheint jedes noch so kleine Korn einer Ähre in den leuchtendsten Farben. Dieser Rückgriff auf die Natur ist ein typisches Stilmittel für die Filme Malicks. Es soll den Unterschied zwischen natürlicher Freizügigkeit und der Enge der Zivilisation ausdrücken. Deshalb sind die wenigen Stadtszenen auch verwaschen gehalten, in eher schäbiger Optik. Das ist manipulativ, aber allein aufgrund der Qualität der Naturfotografie kann man sich der Wirkung kaum erwehren.

Die Natur wird in Malicks Filmen zu einem weiteren Protagonisten, der im Dialog mit den Figuren deren Emotionen spiegelt. In den Sinn kommt einem Hannah Arendts Formel von der »Banalität des Bösen«. Angesichts des mutigen Widerstandsakts der Jägerstätters könnte man von der Banalität des Guten sprechen. So wie Adolf Eichmann kein Monster sein musste, um den Massenmord zu organisieren, so sind Franz und Franziska Jägerstätter keine übermenschlichen Helden. Malick überhöht sie nicht, sondern zeigt sie als Menschen. Franz Jägerstätter ließ sich nicht korrumpieren, das ist beeindruckend genug. Er ­bekommt oft zu hören, dass kein Mensch etwas von seinem Widerstand erfahren werde, sein Opfer mithin sinnlos sei. Es kam anders. Über Jägerstätter wurden mehrere Filme gedreht. Malicks dreistündiges Epos, das der Regisseur und Drehbuchautor als inneres Kriegsdrama inszeniert, bewahrt das Andenken Jägerstätters. Der Film endet mit einem Zitat der viktorianischen englischen Schriftstellerin George Eliot, dem auch der Titel entstammt: »Das Wachstum des Guten in der Welt hängt in gewissem Grade von un­historischen Taten ab, und dass die Dinge für dich und mich nicht so schlecht bestellt sind, verdanken wir zum großen Teil jenen, die getreulich ein Leben im Verborgenen gelebt haben und in Gräbern ruhen, die niemand besucht.«

Ein verborgenes Leben. (USA/Deutschland 2019). Buch und Regie: Terrence Malick. Darsteller: August Diehl, Valerie Pachner, Maria Simon. Kinostart: 30. Januar