Arbeitslos werdende SPD-Politiker

Sigi, der Lümmel von der Regierungbank

Die preisgekrönte Reportage. Sigmar Gabriel geht zur Deutschen Bank.

»Tendenzieller Fall der Profitrate? Noch nie gehört?« Es ist ein beißend kalter Januarmorgen. Eben ist der Aufsichtsrat der Deutschen Bank zusammengetreten, sitzt in der obersten Etage des südlichen Hauptgebäudes. Zum ersten Mal dabei: Sigmar Gabriel, der sich dazu entschlossen hat, seine knapp bemessene Freizeit häufig auch dem Wohl des beliebten Familienunternehmens »Deutsche Bank« zu widmen.
Schon nach wenigen Minuten wird klar: Hier prallen Welten aufeinander. Hier der monströse Kapitalbrocken, Vermittler zahlloser krummer Geschäfte, fragwürdiger Dienstbote der Mächtigen – da die Deutsche Bank. »Meine Herren, es scheint, niemand hier hat seinen Marx gelesen!« ruft Gabriel erstaunt aus, als er ein kurzes Referat über den Waren­fetisch und die Schatzbildung beendet. »Was Sie hier machen, ist letztlich ungezügelte Kapitalkonzentration! Da erwarte ich mir ehrlich gesagt in Zukunft mehr!« Ein frecher neuer Ton, der in den holzvertäfelten Räumen der Bank für Furore sorgt. Der ehemalige Popbeauftragte schafft es immer noch, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen!

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Paul Achleitner, Vorsitzender des Aufsichtsrats, verteidigt die Berufung Gabriels: »Wir wissen, dass die Glaubwürdigkeit der Deutschen Bank stark leidet, wenn wir Sozialdemokraten einstellen. Es ist klar, dass Herr Gabriel vor allem unsere Kontakte nutzen und Lobbyarbeit für sich selbst machen möchte. Da müssen wir wachsam bleiben.« ­Natürlich sei da auch die Angst gewesen, dass die Deutsche Bank ein bisschen ihre Seele verkauft: »Ein G’schmäckle bleibt, wie wir an der Börse sagen.«

Währenddessen redet sich Gabriel vor dem versammelten Aufsichtsrat in Rage: »Nehmen wir zwei Waren, etwa einen Rock und zehn Ellen Leinwand. Wenn die Deutsche Bank sich da einmischt, explodiert sofort der Mehrwert, das kann nicht sein. Wir müssen die Bank stärker sozialistisch aufstellen!«

Finanzexperten warnen, dass mit ­dem Zusammenbruch der Sozial­demokratie ein drastisches Überangebot an hochqualifizierten Spitzenpolitikern eintreten könnte, die alle irgendwie versorgt werden wollen: »Das wird eine Belastungsprobe für die Demokratie«, sagt Achleitner. »Aber ich denke, wir als Banken haben auch eine soziale Verantwortung, ­diese Menschen aufzunehmen.«