Die Befreiung von Lohnarbeit und Naturzerstörung gehören zusammen

Keine zweite Klasse

Nur weil es kaum Klassenkampf von unten gibt, sollte man nicht vom Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit absehen.
Disko Von


Wie kann sich die Linke im neuen Jahrzehnt ­orientieren? Soll sie sich auf ­Sozialpolitik in den Parlamenten oder auf neue soziale Bewegungen mit Massenprotesten konzen­trieren? Johannes Simon kritisierte den populistischen Versuch der Sammlungs­bewegung  »Aufstehen«  ­(»Jungle World« 2/2020), Martin Brandt das Konzept der »neuen Klassenpolitik« (3/2020). Lothar Galow-Bergemann richtet den Blick (4/2020) zurück auf die konkrete Frage der Arbeitszeitverkürzung. Christoph Wimmer plädierte für die Selbstorganisierung im Klassenkampf (5/2020).

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Meine erste Erfahrung mit Lohnarbeit liegt über 30 Jahre zurück. Die Tief­druckerei, in der ich in den Achtzigern arbeitete, hatte einen kämpferischen Betriebsrat. Aber das Bewusstsein, sich als Klasse formieren und politisch kämpfen zu können, über die Interessen im Betrieb hinaus, das war wenig aus­geprägt. Die Druckindustrie unterlag 1984 schon der technologischen Umwälzung durch elektronische Daten- und Textverarbeitung und dem Einsatz von Mikroprozessoren. Der Bleisatz war bereits Geschichte.

Der national gedachte Reformismus ergibt keinen Sinn mehr, Klassenkampf dagegen sehr.

Es war die Phase des Rollback in allen Bereichen, nachdem es in den sechziger Jahren in der Hochphase der fordistischen Massenproduktion in ­Industriebetrieben eine Phase der Revolte an den Fließbändern und der h­arten, auch wilden Streiks quer durch Westeuropa gegeben hatte. Zugleich hatte es Aufbrüche in der Frage der Geschlechter und der sexuellen Orientierung gegeben, im universitären, (sub-)kulturellen Bereich und in der Reproduktion. Die Lohnquote am gesellschaftlichen Einkommen war gestiegen, es gab eine Umverteilung von oben nach unten.

Auch deswegen forcierten die Kapital­besitzenden die durch die Entwicklung der Mikroprozessoren technisch plötzlich mögliche Veränderung weg von der fordistischen Großserienproduktion hin zur postfordistischen Kleinserienproduktion für sich im Konsum ausdifferenzierende Submilieus: weg vom reinen Taylorismus, hin zur Kombination von Fließband und Gruppenarbeit; weg vom tarifvertraglich regulierten Normalarbeitsverhältnis, hin zu prekären Teilzeitjobs und Leiharbeit. Die Klassengegensätze sind dadurch nicht verschwunden: Die Lohnarbeit wurde ausdifferenziert und weiter flexibilisiert, vom nationalen Markt ging es hin zum globalisierten kapitalistischen System.

Der national gedachte Reformismus ergibt da keinen Sinn mehr, Klassenkampf dagegen sehr. Das mögliche Zusammenkommen sowohl von Klassenkernen als auch von sich verdichtenden Kämpfen hat immer auch eine trans­nationale Dimension. Kosmopolitischer Kommunismus ist daher eine Perspektive. Durch die technologische Entwicklung wurde eine Internationalisierung von Produktionsabläufen möglich, mit der diejenigen, die die Produktionsanlagen besitzen, eine extreme Zuspitzung entgrenzter Konkurrenz durchsetzten: Mit der sich verschärfenden weltweiten Standortkonkurrenz zwischen den nationalen Wettbewerbsstaaten wurde die Stabilisierung na­tionaler Absatzmärkte durch garantierte Lohnquoten und den Sozialstaat überflüssig. Austeritätspolitik und Deregulierung ermöglichten auch in den kapi­talistischen Metropolen den Ausschluss ganzer Bevölkerungsgruppen aus der gesellschaftlichen Teilhabe, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg nur in den Staaten der Peripherie im Süden üblich war. Die traditionellen Industrien sind deshalb geschrumpft, aber nicht verschwunden: In der Druckindustrie waren 1980 223 864 Lohnarbeitende beschäftigt, 2019 immerhin noch 131 070. Andere Industrien und Gewerbezweige ohne Tarifverträge sind entstanden. Die Erosion traditioneller Lohnarbeitsverhältnisse veränderte auch die Rolle des sogenannten männlichen Familien­ernährers. So kam es nicht nur zur ­materiellen Verunsicherung der männlichen Facharbeiter, sondern auch zu neuen flexiblen Chancen für Frauen, Eingewanderte, Minderheiten, niedrig wie höher Qualifizierte im Bereich der Lohnarbeit.

Dass diese Chancen genutzt werden, ist nicht die Ursache der Abwertung der männlichen weißen Arbeiter. Die Rahmenbedingungen kritisch zu ana­lysieren, die durch das Kapitalverhältnis gesetzt werden, ist die Voraussetzung, um soziale Bewegungen und ihre Möglichkeiten zu untersuchen. Dann würde schnell deutlich, dass eine Bewegung wie »Unteilbar« zwar Anknüpfungspunkte für radikale linke Interventionen bietet, aber keine Perspektive der Befreiung von Ausbeutung und Diskriminierung. Dafür gänzlich untauglich ist der nebulöse Linkspopulismus von »Aufstehen« gegen »die da oben«. ­Ressentiments gegen das »eine Prozent« und die diffusen »Eliten« sind ein antisemitisch aufladbares Feindbild, das nicht politökonomisch hergeleitet wird. Soziale Bewegungen entstehen weder durch Promiaufrufe noch durch Parteitage, sondern durch die Selbstermäch­tigung Aufbegehrender.

Eine emanzipatorische Bewegung konnte »Aufstehen« bereits in der Konstruktion als vom Apparat her gedachte, von prominenten Repräsentanten dominierte Initiative nie sein. Das berücksichtigt Johannes Simon nicht (Jungle World 2/2020). Vielmehr verwechselt er die Kampagnen »Aufstehen« und »Unteilbar« mit sozialen Bewegungen. Ebenso wie Martin Brandt (Jungle World 3/2020) fehlt bei ihm auch die analytische Trennung von vorrangig parlamentarisch agierenden Parteien wie der Linkspartei einerseits und sich gesellschaftlich organisierenden sozialen Bewegungen wie »Fridays for Future« andererseits. Ebenso wie Lothar Galow-Bergemann (Jungle World 4/2020) reduziert Brandt Klassenkampf auf etwas dem Kapitalismus Immanentes – eine verkürzte Kritik.

Denn Antikapitalismus braucht eine radikale Kritik der politischen Ökonomie, die auf Klassenkampf als Ablehnung der Lohnarbeit und des stummen Zwangs zu ihrer Ausführung basiert. Es gilt, Verteilungskämpfe innerhalb des Kapitalismus nicht als den ganzen Klassenkampf zu verstehen. Wenn das Aufbegehren gegen die Lohnarbeit, gegen Ausbeutung, Entfremdung und Zwang Bestandteil der Verteilungskämpfe ist, dann weisen diese als Klassenkampf über den Kapitalismus hinaus – sonst sind es legitime, notwendige, aber den notwendigen Bruch mit dem Kapitalverhältnis nicht bereits beinhaltende Verteilungskämpfe. Klassenkampf ist nicht denkbar ohne die Absicht, die Klassenverhältnisse in einer ausbeutungsfreien Gesellschaft aufzuheben; dies im Bewusstsein da­rüber, dass die Arbeiterklasse an sich in Deutschland im Nationalsozialismus in die Volksgemeinschaft der Täter der Shoah überführt wurde. Die Arbeiterklasse für sich oder ihre Fragmente sollten sich nach dieser Geschichte nur als sozialer Prozess neu konstituieren, mit einer transnationalen und antiherrschaftlichen Ausrichtung. Die Vorstellung einer statischen Klasse als ­einer einheitlichen Gemeinschaft war immer schon falsch und grenzte Widersprüche ebenso wie Frauen und Zugewanderte aus. Traditionelle Linke ­behaupten gerne die Existenz »der Klasse« für sich, um sich zu deren Vertretern aufzuschwingen; es ist eine Legitimation für ihre Stellvertreterpolitik. Eine Arbeiterklasse für sich, als politisches Subjekt, als Selbstermächtigung, ist aber nur fließend als verdichtetes soziales Verhältnis möglich, nicht als essentialisierte, quasi institutionalisierte soziale Einheit.

Klassenkampf ist nicht mit einer kapitalismusim­ma­nenten Zielvorstellung denkbar. Ziel ist die Abschaffung der Lohn­arbeit und damit die Abschaffung der Klassen. Durch die Per­spektive des Bruchs mit der Kapitalverwertung, durch sein antagonistisches Moment ist der Klassenkampf an den Bruch mit dem umweltzerstörerischen Wachstumsfetisch der Kapitalverwertung gekoppelt. Der Kampf gegen die Lohnarbeit kann mit dem Kampf gegen die Klimaveränderung zusammengehen, wenn beides ra­dikal gedacht wird: gegen die Ausbeutung der Natur, gegen die Ausbeutung der Lohnarbeitenden.

Die Befreiung von der Lohnarbeit und der Naturzerstörung kann nur von unten funktionieren. Nicht über die Apparate von Wahlparteien, die durch die Parlamentsarbeit dominiert werden, sondern über soziale Bewegungen von unten und über radikale linke Kerne in ihnen.

Angesichts der Marginalität radikaler linker Strömungen sowohl des Klassenkampfs als auch der Kritik der klimazerstörerischen Wachstumslogik des Kapitalverhältnisses ergibt es keinen Sinn, Planspiele für das Zusammenführen von Kampagnen und Bewegungen wie »Unteilbar« und »Fridays for Future« zu entwickeln, wie dies in den ersten drei Beiträgen dieser Reihe angestrebt wurde. Vielmehr gilt es, sich an konkreten Kämpfen zu beteiligen, wie es Christopher Wimmer fordert (Jungle World 5/2020), und die eigenen Arbeitsbedingungen nicht aus der Kritik der Verhältnisse auszuklammern. Es ist befreiend, »kollektiv in Opposition zum Lohnarbeitsverhältnis zu treten«. Aber dass die Sphäre der »Zirkulation ins Zentrum rückt« (Jungle World 5/2020), ist zweifelhaft. Kurzfristige Aufstände in der vermittelten Zirkulationssphäre ersetzen den Klassenkampf gegen die Lohnarbeit nicht. Die Klassen werden wenn überhaupt, dann in der Produktion aufgehoben werden. Es geht im Klassenkampf nicht nur um den Erdbeerkuchen, es geht um die ganze Bäckerei.