Agnès Vardas letzter Film fragt nach dem Glück

Madame Cinéma

Die französische Filmemacherin Agnès Varda hinterlässt mit ihrem letzten Film einen Kurs zur Frage: Kann man Glück filmen?

Wer von den Großen lernen will, hat seit einiger Zeit im Internet die Möglichkeit dazu: Die Plattform »Master Class« bietet Kurse mit Stars an. Zwar sind es nur Videokurse, aber dennoch: Wer von Annie Leibovitz das Fotografieren lernen will, von Anna Wintour Nachhilfe in Sachen »Leadership« bekommen möchte oder sein Stimmchen von Christina Aguilera trainieren lassen will, der wird hier fündig.

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Wer wissen will, wie man Filme macht, kann auch statt an den Computer ins Kino gehen, denn im neuen und letzten Film von Agnès Varda gibt die »Großmutter der Nouvelle Vague« auch eine Art Kurs. Ein Theatersaal ist zu einem Kinosaal umfunktioniert worden, auf der Bühne, neben der Leinwand, nimmt die kleine Frau mit dem Pagenschnitt Platz und fängt an, über ihre 65 Jahre andauernde Filmkarriere zu sprechen.

Varda war immer beides, Spielfilmregisseurin und Dokumentarfilmerin. So lassen sich in ihren fiktionalen Filmen oftmals dokumentarische Aufnahmen finden, während ihre Dokumentationen voller inszenierter Szenen sind. »Die Realität zeigen, aber mit Phantasie«, sagt sie dazu. Beides kommt am besten zusammen in Vardas Film »Jane B. par Agnès V.« von 1988, ein Film über Jane Birkin, betrachtet mit den Augen von Agnès Varda. So sieht man nicht nur Interviews mit Birkin über ihr Leben, sondern sie auch in verschiedenen Rollen, die dazwischengeschnitten sind: als griechische Göttin, mittelalterliche Prinzessin, Flamencotänzerin, als Jeanne d’Arc, als Cowboy, als Jane, die Gefährtin von Tarzan, und eben auch als Jane Birkin selbst.

Statt »Jane B. par Agnès V.« nun »Varda par Agnès«: So heißt der letzte Film der im vergangenen Jahr verstorbenen Filmemacherin. Sie studierte erst Literatur und Psychologie, ließ sich zur Fotografin ausbilden und fing dann an, Filme zu machen. »La Pointe courte« hieß ihr Erstling von 1955, mit »Cléo de 5 à 7« (»Cleo – Mittwoch zwischen 5 und 7«) wurde sie 1962 berühmt.

Kann man Glück filmen? Varda hat es versucht. Ihr Film »Le Bonheur« von 1965 trägt das Stichwort im Titel, so viel Glück hat der Protagonist dann aber doch nicht, der im Film seine Frau betrügt. Was Glück sein könnte, sieht man aber immer wieder in den Kamerafahrten durch die ­Natur: Zu Mozart fährt man an gelben Sonnenblumen vorbei, eine Familie räkelt sich auf dem saftigen, grünen Gras. Für die Natur hat die Filme­macherin eh eine Schwäche: »Les Plages d’Agnès« von 2008 war ein Film über die Strände, an denen sie im Laufe ihres Lebens lebte. In Paris gibt es zwar keine Strände, aber das hielt Varda nicht auf. In der Rue Daguerre im 14. Arrondissement ließ sie kurzerhand einen Strand auf der Straße vor ihrem Haus aufschütten. Während Jungs im Sand spielen, sitzen für die Kamera Frauen in Bikinis an Computern, Vardas Büro ist für den Film nach draußen verlegt worden.

Es wirkt schon fast ironisch, dass die gebürtige Belgierin Varda jahrzehntelang in genau der Straße lebte, die nach dem Erfinder der Fotografie, Louis Daguerre, benannt ist. Da­guerreotypie nennt man eine Fotografie nach seinem Verfahren, meist ein Porträt von einem Menschen. »Daguerréotypes« nannte Varda ihre Filmporträts der Menschen, die sie 1975 als Nachbarn hatte. In »Varda par Agnès« erzählt sie, dass sie am liebsten die Umwelt filme, die ihr vertraut sei. In »Daguerréotypes« tauchen die alltäglichen Protagonisten auf: der Drogist, der Metzger, die Bäckerin, denen sie mit der Kamera durch ihr Leben folgt. Hier, wie in vielen anderen Filmen, konfrontierte sie Privates mit Sozialem, und darüber hinaus die Welt mit sich selbst. »Die anderen faszinieren und motivieren mich, erregen meine Neugier, verwirren und begeistern mich«, sagt Varda in ihrem letzten Film.

Zum 100. Jubiläum des Films drehte sie wieder einen Spielfilm, stellte sich den Film als »Monsieur Cinéma« vor (»Les Cent et Une Nuits de Simon Cinéma«, 1995, deutscher Titel: »Hundert und eine Nacht«), der von Michel Piccoli gespielt wird und zu seinem Geburtstag allerhand Besuch bekommt: von Marcello Mastroianni über Anouk Aimée, Alain Delon, Catherine Deneuve bis hin zu Robert De Niro, Jeanne Moreau und Hanna Schygulla.

Agnès Varda war immer beides, Spielfilmregisseurin und Dokumentarfilmerin.

Doch die Filmindustrie veränderte sich. Studios finanzierten immer weniger Filme, Kinos schlossen. Zugleich kamen die ersten handlichen Videokameras auf den Markt, und Varda machte die Not zur Tugend: Ohne Filmteam konnte sie mit dem kleinen Gerät in der Hand filmen und auf »Bilderjagd« gehen. Es ergaben sich dadurch auch neue Möglichkeiten für ihre Dokumentarfilme, denn von da an konnte sie sich den Menschen, für die sie sich interessierte, viel leichter nähern. Auf Märkten traf sie arme Menschen, die liegenge­bliebenes Obst und Gemüse mitnahmen, und fing an, mit ihnen zu sprechen. Ihr Film »Les Glaneurs et la ­Glaneuse« (»Die Sammler und die Sammlerin«), schon im Titel eine ­Referenz auf das berühmte Gemälde von Jean-François Millet, dass Frauen bei der Ernte auf einem Feld zeigt, hatte diese Sammler zum Thema. 2000 erschienen, war seine Machart zu der Zeit noch außergewöhnlich: nicht nur der Gebrauch der Videokamera, sondern auch Vardas Auftreten als Regisseurin und gleichzeitig als Figur. Man hört ihre Stimme, sieht ihre Hände. Der Film führte sie dann auch in das Metier der Bildenden Kunst, die Bilder von der Kartof­fel­ernte, die sie machte, inspirierten sie zu ihrer Installation »Patatutopia« die sie erstmals 2003 auf der Bien­nale in Venedig zeigte. Eine dreikana­lige Videoinstallation, in der es wieder Kartoffeln zu sehen gab, viele davon herzförmig.

Seitdem waren ihre Filme eher in Ausstellungshäusern als im Kinosaal zu sehen, dazu kamen ihre Installa­tionen, die sogenannten »Filmschuppen«: aus Metall gefertigte Umrisse eines kleinen Hauses im hellen Ausstellungsraum, an dem lange Filmstreifen ihrer Filme befestigt sind, deren einzelne Filmbilder nicht mehr blitzschnell auf eine große Leinwand projiziert werden, sondern in aller Ruhe, zwar kleiner, aber gewissermaßen im Original angeschaut werden können. Ein wenig Wehmut schwingt da schon mit, wenn man die Filmstreifen dort hängen sieht, aber so ist Varda – sie recycelt.

Als Varda 2017 den Ehrenoscar verliehen bekam, erzählte sie in ihrer Dankesrede, dass sie ihr Leben lang versucht habe, an die Essenz des Films heranzukommen, und in jeden Film eine neue Struktur ausprobiert habe: duale Narration, Echtzeit, das Arbeiten mit Laiendarstellern und die »Schule der Bescheidenheit«, die Dokumentation. Was sie dort nicht erzählt, was aber genauso dazugehört, führt sie in »Varda par Agnès« aus: Durch das Hinsehen verändert sich das Alltägliche. Varda erzählt, sie habe Dinge gefilmt, die sie nicht verstanden, aber empfunden habe. Das klingt etwas übersinnlich, man versteht es aber sofort, wenn man einen ihrer Filme gesehen hat. Und was man außerdem versteht, ist, was Film überhaupt ist: nicht das Anhalten von Zeit, sondern das Begleiten von Zeit, das Erspüren, dass sie vergeht.

Varda par Agnès (Frankreich 2018). Buch und Regie: Agnès Varda