Prorussische Netzwerk verbreiten in Deutschland ihre Sicht der Lage in der Ukraine

Propaganda in Dokuform

Prorussische Netzwerke wollen ihre Version der Ereignisse in der Ukraine verbreiten.

Mit seiner Fassade im modernen Sowjetstil wirkt das »Russische Haus der Wissenschaft und Kultur« neben den schicken Geschäften an der Berliner Friedrichstraße etwas aus der Zeit gefallen. Das Gebäude gehört dem russischen Staat, der hier unter anderem Kultur für die Diaspora bietet. Auch das Publikum, das sich an dem regnerischen Abend des 30. Januar im Kinosaal versammelte, stammte mehrheitlich aus dem Kalten Krieg. Viele der eher älteren Menschen sprachen russisch. Der ostdeutsche Filmemacher Wilhelm Domke-Schulz, der jahrelang unter anderem für den MDR arbeitete, stellte seinen neuen Dokumentarfilm »Remember Odessa« vor, präsentiert von der russischen Botschaft.

Raunend warb der Regisseur für seinen Film.

Am 2. Mai 2014 starben in der ukrainischen Hafenstadt Odessa bei Kämpfen zwischen Anhängern des Euromaidan und prorussischen Demonstranten 48 Menschen. Es sei ein Thema, um das »westliche Politik und Massenmedien seit Jahren einen riesengroßen Bogen« machten, hieß es in der Veranstaltungsankündigung. Ähnlich raunend warb der Regisseur für seinen Film. Deutsche Redaktionen hätten ihn schroff abgewiesen, sagte Domke-Schulz dem von Russland finanzierten Sender RT (früher Russia Today). Deshalb sei der Film eigenständig produziert worden, die Premiere fand Moskau statt. Er habe kaum noch Hoffnung, den Film in Deutschland regulär ins Fernsehen oder in die Kinos zu bringen.

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Tatsächlich zeigt der Film erschütternde Szenen. Wenige Wochen nach dem Umsturz in Kiew eskalierte in Odessa die Gewalt. Man sieht verwackelte Aufnahmen aus den Straßenkämpfen: Steine und Molotowcocktails werden geworfen, vereinzelt wird geschossen. Auf beiden Seiten sind einige Demons­tranten bewaffnet, bei den Auseinandersetzungen sterben sechs Menschen. Gegner des Euromaidan verschanzen sich im »Haus der Gewerkschaften« und werden umzingelt. Dies wird ihnen zum Verhängnis, 42 Menschen sterben, nachdem das Gebäude in Brand geraten ist. Bis heute hat die korrupte ukrainische Justiz keinen einzigen der Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen. Domke-Schulz dokumentierte auch die Gedenkveranstaltung der »Mütter von Odessa« 2018 und nationalistische Demonstrationen, auf denen der Sieg »der ukrainischen Ordnung« gefeiert wurde. Ein Demonstrant erzählt dem deutschen Filmemacher, dass er sich die Ukraine als ein prosperierendes Mitglied des freien Westens vorstelle.

Nach der Filmvorführung redet Oleg Muzyka, ein ernster Mann mit Seitenscheitel, der damals in Odessa den Anti-Maidan anführte. Mittlerweile lebt er als anerkannter politischer Flüchtling in Berlin. Neben ihm sitzt Frank Schumann, bis 1992 Redakteur bei der Jungen Welt. Schumann und Muzyka veröffentlichten 2019 mit anderen Journalisten ein Buch mit Texten und Interviews über die Ereignisse in Odessa und präsentierten es auf der Leipziger Buchmesse. In Deutschland wurde es wegen eines Rechtsstreits mittlerweile vom Markt genommen. Seit Jahren reist Muzyka durch Europa und verbreitet seine Version der Ereignisse. Er behauptet, einer unterdrückten Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen. Andere bezeichnet er als Lügner. Die »Gruppe 2. Mai«, eine unabhängige Kommission von Journalisten und Einwohnern von Odessa, hat eine öffentlich dokumentierte Untersuchung des Vorfalles erarbeitet. Sie kommt wie eine Untersuchungskommission des Council of Europe zu dem Schluss, dass niemand geplant habe, ein Feuer zu legen. Muzyka bestreitet das und spricht von einem »Massaker«. Die »Gruppe 2. Mai« erhalte Geld von westlichen Stiftungen, weswegen Muzyka die Untersuchung in seinem Buch »eine bestellte Arbeit« nennt. Die Gruppe habe eine Zusammenarbeit mit ihm nach seinen Angaben abgelehnt, weil er »Mitglied einer politischen Kraft sei«.

Oleg Muzyka gehört einem prorussischen Netzwerk an, das in ganz Europa aktiv ist. Organisiert sind die Beteiligten in der NGO »Global Rights of Peaceful People«, die sich bei der OSZE für die ihrer Ansichtz nach unterdrückte russische Minderheit in der Ukraine einsetzt. 2016 gelang der Gruppe ein kleiner geopolitischer Coup: Ukrainer aus Muzykas Netzwerk reisten wochenlang mit Vertretern linker und rechtspopulistischer Parteien durch die Niederlande und machten Stimmung gegen das Assozierungsabkommen zwischen der Ukraine und der EU. Dass die Niederländer knapp dagegen stimmten, ist wohl auch ihr Erfolg.

Doch Muzykas unermüdliche Öffentlichkeitsarbeit hat auch etwas Absurdes. Abseits von Alternativmedien, altlinken Grüppchen und dem verschwörungstheoretischen Friedensmilieu findet er kaum Beachtung. Allerdings zielt er nicht nur auf das deutsche Publikum. Viele seiner Auftritte dokumentiert Muzyka im Internet, oft arbeitet er direkt dem prorussischen Online-Medium »News Front« zu. Dieses verbreitet Horrorgeschichten über die Ukraine und die dortigen Nationalisten. Das ist auch der Tenor Muzykas: Die Verhält­nisse seien schlimm und russenfeindlich. Unter Beschwörung sowjetischer Geschichtsmythen setzt er die ukrainischen Nationalisten von heute mit Nazis gleich: »Anstelle von Juden werden Russen oder russisch Sprechende sein«, heißt es in seinem Buch.

Diese Propaganda wirkt glaubwürdiger, wenn man suggeriert, dass sie in Europa Unterstützung findet. Dabei helfen Bilder, die Muzyka bei öffentlichen Auftritten zeigen. Zum Beispiel mit dem »deutschen Regisseur und Dokumentarfilmer Wilhelm Domke-Schulz«, der bei der Premiere seines Films in Berlin »die Glückwünsche des dankbaren deutschen Publikums entgegennahm«. Das vermeldet »News Front« nach der Vorführung von »Remember Odessa«. Nicht erwähnt wird, dass den Film in Deutschland kaum jemand sehen wird. Stattdessen wird der Eindruck erweckt, dass auch in Deutschland vermehrt Menschen die Regierung der Ukraine kritisieren. Und wer, heißt es weiter, könne »den Nationalsozialismus besser einschätzen als die Deutschen?«