Proteste im Irak: Worum es geht

1848 und 1968 in Bagdad

Achtundvierziger Revolutionären täte gefallen, was sich da gerade in Bagdad abspielt. Und ein Hauch von 1968 ist auch dabei. Aber wer interessiert sich dafür schon im Europa von heute?

Ende Januar fand in Wien ein Mena-Watch-Gespräch über die Protestbewegungen im Libanon, im Irak und im Iran statt. Dabei ging es u.a. um die Bedeutung, die Nationalismus (oder besser: der positive Bezug auf die eigene Nation) für die demonstrierenden, meist jugendlichen Menschen in der Region hat. Ich habe damals zu verdeutlichen versucht, welch revolutionäres Potenzial darin steckt, dass die Demonstrierenden sich nicht mehr an alten Konfliktlinien entlang religiöser oder ethnischer Unterschiede orientieren, sondern den Begriff der Citizenship ins Zentrum ihrer Forderungen stellen. Die Menschen wollten: „libanesische oder irakische Bürger und Bürgerinnen sein, und zwar im Sinne einer gleichen, abstrakten Staatsbürgerschaft. Hier in Europa klingt das nach dem 19. Jahrhundert, aber das Konzept des Citizenship kann im heutigen Nahen Osten Leute wirklich begeistern. Bislang war für die Einzelnen die Herkunft entscheidend: Man war nicht Bürger eines Staates, in dem dieselben Gesetze für alle gelten, sondern Angehöriger einer religiös oder ethnisch definierten Gruppe, für die beispielsweise im Zivilrecht jeweils eigene Gesetze Gültigkeit haben. Die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe war ausschlaggebend dafür, wie und in welchem Ausmaß man am vorhandenen Reichtum beteiligt wurde, und welchen Schutz man vor der Wut anderer Gruppen genießen konnte.“

Anzeige

Als Beispiel dafür, wie weit sich die Demonstranten im Irak und im Libanon von diesem Ordnungssystem distanzieren, erwähnte ich den neu erwachten Stolz auf die Nationalflaggen: „Diese Fahnen, die ja eigentlich den Staat repräsentieren, gegen den sie demonstrieren, eignen sie sich in der Hoffnung darauf an, eine Nation zu werden, in der sie Bürger sind.“

Nun macht in den sozialen Medien das Foto einer Irakerin die Runde, die mit einem Schild auf einer Demonstration erschien. Darauf ist zu lesen: „Lasst uns alle Religionen verlassen und Iraker werden.“

Bagdad
Quelle: workers against sectarianism Facebook

 

Was gläubigen Menschen wie Blasphemie erscheinen mag, bringt genau auf den Punkt, worum es dieser Protestbewegung im Kern geht: endlich freie und gleiche Bürger eines Rechtsstaates Irak zu werden, in dem nicht mehr religiöse, ethnische oder andere Zugehörigkeiten eine zentrale Rolle spielen.

Was man heutzutage in einem Europa der Identitäten und Kulturalismen, in dem zusätzlich wachsende Demokratiemüdigkeit oder sogar offener Hang zum Autoritarismus herrschen, nicht verstehen mag, wäre bei den europäischen Revolutionären von 1848 auf begeisterte Resonanz gestoßen. Denn wofür diese damals auf die Barrikaden gingen, fordern ganz ähnlich heute junge Leute auf den Straßen des Irak, des Libanon anderer arabischer Länder.

Ein Hauch von 1968

Aber in Bagdad geht es bei weitem nicht nur um 1848, sondern ein wenig auch um 1968. Muqtada as-Sadr, schiitischer Kleriker und populistischer Politiker, der die Proteste erst unterstützte, sich seit einiger Zeit aber auf die Seite des Iran und gegen die demonstrierenden Menschen stellt, rief kürzlich dazu auf, die Demonstranten sollten sich doch bitte sittlich, islamisch korrekt und vor allem nach Geschlechtern getrennt in unterschiedlichen Zelten versammeln. Daraufhin wurde auf Twitter ein GIF verbreitet, das as-Sadr eine deutliche Antwort gibt und kaum einer Kommentierung bedarf.

In den sozialen Medien brach ein Sturm los, ein Wettbewerb, wer sich am besten über Sadr lustig machen könne. Diese Reaktionen zeigen nur einmal mehr, dass die ganzen alten Narrative nicht mehr funktionieren wollen, alt und abgestanden wirken und von Tag zu Tag fauliger riechen.

Ein populärer Slogan in Bagdad lautete vor einiger Zeit und brachte 1846 und 1968 wunderbar zusammen: „Die Trennung von Staat und Religion ist viel besser als die von Mann und Frau“.

Und damit wäre man wieder bei dem grundlegenden Dilemma angelangt, das ich in Wien so umschrieb: Es gibt einen enormen Willen zur Veränderung, aber er trifft auf dermaßen dysfunktionale Systeme und Strukturen, dass eine graduelle Veränderung oder Reformierung fast nicht möglich ist – und am Horizont lauert stets die Horrorvorstellung des failed state mit all seinen schrecklichen Konsequenzen.

Beitrag zuerst erschienen auf Mena-Watch