Frank Walter Steinmeier gratuliert dem Iran

Das total kritische Telegramm

Die preisgekrönte Reportage.
Kolumne Von

Post im Briefkasten der Mullahs in Teheran: das Glückwunschtelegramm des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier zum Jahrestag der islamischen Revolution 1979, das dieser gar nicht abschicken wollte! Nach Darstellung von Angestellten des Bundespräsidialamtes gab es zunächst zwei Optionen: kein Telegramm oder ein »sehr kritisches«, dessen Text schon einmal vorformuliert wurde. Am 7. Februar entschied Steinmeier schließlich, kein Telegramm zu senden – zu diesem Zeitpunkt war der sehr kritische Entwurf jedoch bereits an die deutsche Botschaft verschickt und von dieser an die ­iranischen Behörden weitergeleitet worden. Der Jungle World liegt dieser bisher einzigartige Beitrag zur Gattung »Kritische Gratulation« im vollen Wortlaut vor:

Anzeige

»Sehr geehrter, aber auch sehr problematischer Herr Khamenei, hiermit übersende ich Ihnen meine herzlichen, aber natürlich auch sehr kritischen Glückwünsche zum Jahrestag der Islamischen Revolution im Iran. Meine Frau und ich wünschen Ihnen eine schöne Feier im Kreise ihrer Lieben, hoffen aber auch, dass Sie gelegentlich darüber nachdenken, ob es wirklich so viel zu feiern gibt – Stichwort Menschenrechte! Ein heißes Eisen, das wir ­allzu oft vergessen.

Ich weiß, wie schwer es fällt, Kritik auszuhalten. Gerade an einem so schönen Tag wie diesem! Doch gerade, wenn es am schönsten ist, sollten wir für einen Moment innehalten, reflektieren, ob unser Handeln auch wirklich allen Menschen im Land gefällt. Ich weiß, wie schwer es ist, sich angesichts von unsachlichen Einwänden und mieser Stimmungsmache als Politiker auch mal zurückzuhalten. Aber ist so ein Feiertag nicht auch eine gute Gelegenheit, mal Zwölfe gerade sein zu lassen? Man muss auch gönnen können!

Ich sage es frei heraus: Uns allen hier würde ein Riesenstein vom Herzen fallen, wenn Sie das Strafrecht ein bisschen lässiger hand­haben könnten. Und auch in Sachen Israelkritik … Ich weiß aus meiner ­eigenen Partei, wie … aber das führt jetzt zu weit. Jedenfalls wäre es für uns sehr viel leichter, an der Rücknahme der Sanktionen zu arbeiten, wenn sich Ihre Seite auch mal ein bisschen zusammennehmen könnte. Nur ein bisschen!
Nun aber wieder zurück ans Büffet, hehe!

Mit kritischen Grüßen
Ihr Frank-Walter Steinmeier
Bundespräsident und Freund«

 

Aus der Urteilsbegründung: Leo Fischers preisgekrönte ­Reportagen sind in hohem Maße fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Geschehnissen sind unbeabsichtigt.