IDF-Musiker bei der Gedenkfeier in Auschwitz

HaTikvah heißt Hoffnung

Für israelische Musiker muss der Wehrdienst keinen Karriereknick bedeuten. Tal Leder (Text und Fotos) hat mit einem jungen Musiker gesprochen, der von den Israel Defense Forces gefördert wird und bei der Gedenkveranstaltung zur Befreiung von Auschwitz gespielt hat.
Von

Über 200 Holocaust-Überlebende und Repräsentanten aus mehr als 50 Ländern versammelten sich am 27. Januar am Standort des ehemaligen deutschen Konzentrationslagers Auschwitz-­Birkenau in Polen, um den 75. Jahrestag der Befreiung des Lagers durch sowjetische Truppen zu begehen. ­Unter ihnen waren auch der ehemalige KZ-Häftling Gerhard Mannheimer und sein Enkel Itay, die mit der israelischen Delegation, angeführt von Staatspräsident Reuven Rivlin, an der Zeremonie teilnahmen.

Für Itay Mannheimer, der gerade seinen Wehrdienst im Musikkorps bei den israelischen Streitkräften (IDF) leistet, war es der erste Besuch an dem Ort, an dem über eine Million Juden ermordet wurden. Als Trompeter spielte er zu Ehren der Opfer die israelische Nationalhymne.

Für Itay Mannheimer, der gerade seinen Wehrdienst im Musikkorps bei den israelischen Streitkräften (IDF) leistet, war es der erste Besuch an dem Ort, an dem über eine Million Juden ermordet wurden und der wie kein anderer für die Shoa steht. Als Trompeter des Armeeorchesters spielte er zu Ehren der Opfer die israelische Nationalhymne. Das Stück – »HaTikva« bedeutet Hoffnung – wird der 19jährige auch Ende April an Jom HaShoah, dem offiziellen Holocaust-Gedenktag in Israel, während der Zeremonie im Museum Yad ­Vashem vor geladenen Staatsgästen vortragen.

Anzeige

»Mit meinem Großvater den Ort zu besuchen, wo er als Häftling so viel Leid erlebte, ist schon ergreifend«, sagt der junge Israeli. Sein Großvater entstammt einer jüdischen Familie aus Stuttgart. Als 14jähriger kam Gerhard Mannheimer mit seiner Familie 1942 nach Auschwitz und überlebte als Einziger das Todeslager. »Ironischerweise hat ihm der KZ-Arzt Josef Mengele – der ›Todesengel von Auschwitz‹ – das Leben gerettet«, erzählt Itay Mannheimer. »Ein SS-­Offizier hatte meinen Opa und weitere jüdische Kinder in die Gaskammer gebracht, als plötzlich Mengele die schwere Tür öffnete. Wutentbrannt brüllte er, dass nur er dazu befugt wäre, und holte meinen Groß­vater aus verletztem Stolz wieder aus dem sicheren Tod zurück.«

Der junge Musiker im Rang eines Obergefreiten der israelischen Armee spielt das Blechblasinstrument seit seinem siebten Lebensjahr. Im vergangenen Jahr hat er die berühmte Thelma Yellin High School of the Arts in in Givatayim nahe Tel Aviv abgeschlossen und anschließend seinen dreijährigen Wehrdienst begonnen. Schon während der Musterung war ihm die Aufnahme in das Programm für »Außergewöhnliche Musiker in der Armee« angeboten worden. Junge Soldaten können in diesem Förderprojekt ihr musikalisches Talent auch während des Militärdienstes weiterentwickeln. »Das Programm verbindet eine Tätigkeit innerhalb der Armee und die Ausbildung als Musiker im Ensemble«, ­erzählt Mannheimer.

Der Einfluss des Militärs auf die ­israelische Musik ist nicht unbedeutend. Das Israel Defence Forces Orchestra wurde 1948 während des Unabhängigkeitskrieges gegründet, nachdem die Musikkapellen der zionistischen Untergrundorganisation Hagana, aus der die IDF hervorgeganen sind, zum professionellem Orchester zusammengeführt worden waren. Die Einheit besteht aus Soldaten mit musikalischer Erfahrung, ihre Basis befindet sich bei Tel Aviv. Das Ensemble spielt während mili­tärischer Zeremonien auf Armeestützpunkten, bei offiziellen Besuchen von Staatsoberhäuptern und Militärs sowie bei staatsoffiziellen Feierlichkeiten wie dem Unabhängigkeitstag Israels. Neben dem Hauptorchester besitzt sie einen rabbinischen Chor und weitere Kapellen.

Die Militärkapellen hatten von Beginn an die Aufgabe, die im Krieg kämpfenden Soldaten zu unterhalten und patriotische Werte zu vermitteln. Ihre Popularität in der israelischen Gesellschaft war so groß, dass die Trennung zwischen militärischem und zivilem Kulturleben kaum möglich war. Die Militärführung sowie der Armeesender Galei Tzahal förderten die Lehakot Tsva’iyot (Militärmusikgruppen) nach Kräften. So wurde diese zur einer Art Talentschmiede für Interpreten und Komponisten, aus der seit den sechziger Jahren Stars wie Arik Einstein, Yardena Arazi, Shlomo Artzi und Idan Raichel hervorgegangen sind. Zahlreiche Mitglieder aus dem IDF-Orchester nutzen das Musikkorps als Sprungbrett für eine Karriere.

»Unser Programm erlaubt es den Musikern, trotz des Soldatenlebens ihr Können als Musiker zu verbessern«, sagt auch Oberstleutnant Liran Cordoba vom militärischen Erziehungs- und Bildungswesen, dem das IDF-Orchester unterstellt ist. »Es ist sehr wichtig, dass neben ihrer musikalischen Weiterentwicklung ihr Wehrdienst immer noch aussagekräftig sein muss«, erzählt der Offizier. »Das bedeutet richtiger Militärdrill mit Nachtmärschen, Schießstandübungen und so weiter.«

Das Auswahlverfahren für die Förderung ist streng. Die aus professionellen Musikern bestehende Jury akzeptiert höchstens drei bis vier Prozent der Soldaten. »Natürlich haben wir auch Rekruten, die bereits vor ihrem Wehrdienst berühmt waren«, erklärt Cordoba. »Das haben wir zu berücksichtigen und wir arbeiten mit ihnen zusammen, um sicherzustellen, dass ihre Karrieren während ihres Dienstes nicht negativ beeinflusst werden.«

Das Orchester tritt auch im Ausland bei Zeremonien und Konferenzen auf. Seinen guten Ruf verdankt es nicht zuletzt seinem langjährigen Direktor Izhak Graziani, der das Ensemble über 40 Jahre lang leite­te. »Er war es, der die israelischen Streitkräfte im besten Sinne marschieren ließ«, sagte der Dirigent und Komponist Yoav Talmi erst kürzlich im israelischen Fernsehen. Talmi erlangte 1963 im Alter von erst 19 Jahren Berühmtheit, als er einen von Graziani ausgeschriebenen Wettbewerb für das offizielle Marschlied der IDF gewann. »Ihm verdankt das Orchester zahlreiche Reformen, zahlreiche Musiker schafften es unter seiner Leitung zu Weltruhm«, erklärt Talmi. »Mit seiner feinfühligen Art konnte er sein Ensemble sogar in kürzester Zeit auf die unangenehmsten Situationen vorbereiten.«

Der 2003 verstorbene Graziani wurde 1924 als Sohn einer sephardischen Familie in der bulgarischen Stadt Russe geboren. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er ­zunächst in einem Arbeitslager festgehalten, schaffte es aber später nach Sofia, wo er an der Musikakademie studierte und Trompete spielte. Im Jahr 1948 wanderte er zusammen mit seiner Familie nach Israel aus.

Während seiner langen Karriere dirigierte er das IDF-Orchester von 1962 an bei zahlreichen staatlichen Anlässen und Zeremonien – einschließlich der Ankunft des ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat im Jahr 1977 in Israel. »Er arbeitete mit Leonard Bernstein zusammen und arrangierte Dutzende israelischer Lieder«, erzählte Talmi: »Bis zu seinem Ruhestand 2003. Drei Monate danach starb er.«

Wie der ehemalige Direktor des IDF-Orchesters so spielt auch der junge Obergefreite Itay Mannheimer Trompete. Voller Ehrgeiz hofft er auf eine lange und große künstlerische Karriere. »Musik ist eine internationale Sprache und verbindet die Menschen«, sagt er. »Grazianis Traum war es, eines Tages die Nationalhymnen von Ägypten, Jordanien, Syrien und des Libanon zu dirigieren. Vielleicht kann ich in seine Fußstapfen treten und mehr als nur die Hälfte seines Traums verwirklichen.«