Die Bedeutung von Solidarität und Bündnissen im Klassenkampf

Für immer solidarisch

Von »Lesbians and Gays Support the Miners« bis zur Unterstützung von Streikenden bei Amazon: Außerbetriebliche Solidarität hilft nicht nur den Arbeiterinnen und Arbeitern.

diskoIst die Klassenfrage zurückgekehrt? Johannes Simon findet, es sei Zeit, sich wieder an der Arbeiterklasse zu orientieren (»Jungle World« 2/2020). Martin Brandt kritisiert die »neuen Klassenpolitik« (3/2020). Lothar Galow-Bergemann richtet den Blick auf die konkrete Frage der Arbeitszeitverkürzung (4/2020). Christopher Wimmer fordert die Selbstorganisierung im Klassenkampf (5/2020). Gaston Kirsche misstraut den Deutschen (6/2020), selbst wenn sie Arbeiter sind. Ernst Lohoff  kritisiert die Verwässerung des Klassenbegriffs durch die »neue Klassenpolitik« (7/2020). Sabine Nuss sagt: Die Rede von der »Rückkehr der Klasse« ist Unsinn, sie war nie weg (8/2020). Warum die Klassenkampf unverzichtbar bleibt, erklärt Charlotte Mohs (9/2020).

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»Pride« – so heißt ein Film, der im Herbst 2014 in die deutschen Kinos kam. Er widmete sich einem weitgehend vergessenen Kapitel der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung, der Solidarität mit dem Streik der britischen Bergarbeiter, der in den Jahren 1984 und 1985 in Groß­britannien und vielen anderen Ländern auch von Menschen unterstützt wurde, die nicht in Großbetrieben arbeiteten, ja nicht einmal Gewerkschaftsmitglieder waren.

Im Zentrum des Films: Lesbians and Gays Support the Miners (LGSM), eine Gruppe Schwuler und Lesben, die in London lebte und hauptsächlich aus Studierenden, Schülerinnen, Schülern, Künstlerinnen und Künstlern bestand, die kulturell viel von den Bergarbeitern trennte. Bergarbeiter war ein Männerberuf, Frauen waren höchstens in der Verwaltung tätig. Die gewerkschafts­nahen Frauenorganisationen bestanden vor allem aus den Ehefrauen und den Verwandten der Bergarbeiter. In den Bergarbeiterdörfern galten Schwule und Lesben bestenfalls als Exoten aus den fernen Großstädten.

Die zentrale Figur in dem Film ist Mark Ashton, ein charismatischer Jungkommunist und Schwulenaktivist aus Nordirland, der in früher Jugend bei einem längeren Aufenthalt in Bangladesh mit der dortigen Armut konfrontiert und dadurch politisiert wurde. Ashton fand jedoch bei seinem Vorhaben, die Bergleute zu unterstützen, nicht nur Zustimmung bei Lesben und Schwulen. »Was gehen die uns an, die unterstützen uns doch auch nicht«, sagten manche, als er begann, Spenden für die miners zu sammeln.

Die Lesben und Schwulen aus London waren für die Mehrheit der Bevölkerung in den walisischen Bergbaugebieten wie die Wesen eines anderen Sterns.

Es gelang der kleinen Gruppe dennoch, Geld zu sammeln. Als sie aber in die Streikregion fuhren, um die gesammelten Spenden zu übergeben, wären sie fast gescheitert. Denn die Lesben und Schwulen aus London waren für die Mehrheit der Bevölkerung in den walisischen Bergbaugebieten wie ­Wesen von einem anderen Stern. Allerdings gerieten sie an einen Gewerkschafter, der den Anspruch der Bergleutegewerkschaft ernst nahm: Alle Unterdrückten sollten sich die Hände reichen und gemeinsam für die Befreiung kämpfen. Die Ankömmlinge aus der Londoner Subkultur waren endgültig in den Kreis der Bergleute auf­genommen, als auf einer Versammlung im Gewerkschaftsbüro eine Frau die Gewerkschaftshymne anstimmte, die von der Solidarität aller Unterdrückten handelte.

Mag »Pride« stellenweise etwas kitschig geraten sein, die darin geschilderten Ereignisse sind ebenso verbürgt wie das Engagement von Mark Ashton. Der Gründer von LGSM starb 1987 im Alter von 26 Jahren an Aids. Die Solidaritätsbewegung mit dem letzten großen britischen Bergarbeiterstreik war der Höhepunkt seiner kurzen politischen Karriere.

LGSM ist ein wichtiges Beispiel für Streiksolidarität, die Menschen außerhalb von Betriebs- und Gewerkschaftskreisen zeigen, und sie ist ein Beispiel dafür, dass kulturelle Differenzen im gemeinsamen Kampf an Bedeutung verlieren. Die Lesben und Schwulen und die miners waren von sehr unterschiedlicher Unterdrückung betroffen, doch sie ließen sich nicht durch ihre ­jeweiligen sozialen und kulturellen Unterschiede trennen, sondern »reichten sich die Hände in Solidarität«, wie es in einer Bergarbeiterhymne heißt.

Die geschilderten Ereignisse haben eine Vorgeschichte, die im Film aus­gespart bleibt. In Großbritannien der späten siebziger Jahre gingen Sub­kultur und proletarische Politik schon einmal zusammen: Ein zentraler ­Moment war der Streik der Beschäftigten der Firma Grunwick Film Processing Laboratories von 1976 bis 1978. Es war der längste Ausstand migrantischer Beschäftigter, den London je gesehen hatte, und die Streikenden ­waren überwiegend Frauen aus Asien, die eigentlich als schwer organisierbar galten. Mit dem Grunwick-Streik gelang es erstmals, die britischen Gewerkschaften für die Belange von Frauen aus Asien zu interessieren. Solidarität erfuhren sie zudem aus verschiedenen Teilen der außerparlamentarischen Linken, so auch von organisierten Schwulen. Auch Arthur Scargill, der Vorsitzende der  National Union of Mineworkers, mobilisierte viele Bergleute, mit denen er sich am Solidaritätsstreik beteiligte. Diese gemeinsame Erfahrung von Schwulenbewegten und ­Arbeitermilitanten schuf die Grundlage für die Solidaritätsaktion des LGSM sieben Jahre später. Das breite solidarische Bündnis aus Teilen der linken Subkultur, Gewerkschaften und verschiedenen marxistischen Strömungen setzte die Zusammenarbeit bis zum großen Bergarbeiterstreik fort, der Mitte der achtziger Jahre dann als letzte große Schlacht gegen den Thatcherismus verloren ging.

Fast zur selben Zeit wie der Streik der britischen miners fand in der Bundesrepublik eine große gesellschaft­liche Auseinandersetzung statt: Der Kampf um die 35-Stunden-Woche wurde nicht nur in den Betrieben geführt, sondern war auch ein gesellschaftlicher Konflikt. Künstlerinnen und Künstler solidarisierten sich ebenso wie Studierende und Erwerbslose. Es ging um ein Modell für die Zukunft unter gründlich veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Dieser Kampf war noch vom Gedanken geprägt, dass durch schrittweise Reformen die Arbeitszeit verkürzt und die Arbeits­bedingungen im Kapitalismus humanisiert werden könnten. Die Zeit, als der Begriff »Reform« für die Subalternen zu einem Schreckenswort wurde, sollte erst noch kommen.

In den folgenden Jahren nahm der gewerkschaftliche Organisierungsgrad stark ab. Zu den Branchen, in denen die DGB-Gewerkschaften bald nur noch eine Minderheit vertraten, gehört der Einzelhandel. Als die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi 2008 dort den Streik um die Durchsetzung eines Tarifvertrags begann, war klar, dass angesichts des niedrigen Organisationsgrads die Aus­einandersetzung über den Betrieb hinaus ausgeweitet werden musste. Der Streik kam nur zustande, weil er von vielen Beschäftigten getragen wurde, die es satt hatten, immer länger zu arbeiten und mit ihrem Lohn kaum über die Runden zu kommen. Zu dieser Zeit hatten verschiedene Gruppen der ­außerparlamentarischen und postautonomen Linken gewerkschaftliche Arbeit als Kampffeld entdeckt. Dieses Interesse gründete darin, dass die Prekarisierung der Lebens- und ­Arbeitsverhältnisse auch vor der akademischen Mittelschicht nicht haltmachte, der viele außerparlamentarische Linke angehörten.

An diese Erfahrung knüpft die außerbetriebliche Solidarität mit streikenden Amazon-Beschäftigten an, die 2013 in Leipzig begann. Bald bildeten sich auch Solidaritätsgruppen in anderen Städten, die in Kooperation mit den Kolleginnen und Kollegen eigene Aktionen planten. Am symbolisch zum »Black Friday« ausgerufenen 24. November 2017 blockierte das Bündnis »Make Amazon Pay« in der Berliner Innenstadt ein Amazon-Auslieferungslager. Die Aktion mag symbolisch gewesen sein, zeigte aber, dass die Beschäftigten bei Amazon beim Kampf für ihre Rechte nicht alleine sind.

Auch auf einer anderen Ebene hat die außerbetriebliche Solidarität Spuren hinterlassen: Sie vermittelte Kontakte zwischen den Beschäftigten von Amazon-Standorten in Deutschland und denen in der Amazon-Filiale im polnischen Poznań. Die Mehrheit von ihnen ist in der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft IP (Arbeiter-Initiative) ­organisiert, die eigentlich nicht zu den Bündnispartnern von Verdi gehört. Diese Vernetzungsarbeit durch Externe erweitert also das Aktionsfeld. Zudem wird deutlich, dass außerbetriebliche Solidarität sich nicht in Zuarbeit für die DGB-Gewerkschaften erschöpft.

In Arbeitskämpfen zeigt sich konkret, wie rassistische und patriarchale Unterdrückung und kapitalistische Ausbeutung zusammenwirken. Diese Erfahrung haben solidarische Linke beim Charité-Streik ebenso gemacht wie bei der Amazon-Kampagne. Die Belegschaften dort sind eben nicht ausschließlich weiß und männlich. Solche Klassifizierungen sind eher Projektionen einer postmodernen Linken ohne Bezug zu realen sozialen Konflikten wie dem lange andauernden Kampfzyklus vornehmlich migrantischer Logistikbeschäftigten in Norditalien. Unterstützt von der Basisgewerkschaft Cobas versuchten sie ab 2014, mit Streiks, Demonstrationen und ­Blockaden für ihre Rechte zu kämpfen. Sie hatten nicht nur Konzerne wie Ikea und einige Discounter gegen sich, sondern auch die Politikerinnen und Politiker, die die Region zu einem Eldorado der internationalen Logistikindustrie machen wollten. Es kam häufig zu Auseinandersetzung mit der Polizei, die Streikende verprügelte und kriminalisierte. Doch diese konnten trotzdem immer wieder erfolgreiche Abschlüsse erzielen. Es ist Bärbel Schönafinger zu verdanken, diesen Kampf mit dem Film »Die Angst wegschmeißen« in Deutschland bekannt gemacht zu haben.

2016 gab es mehrere Versuche von radikalen Linken, sich mit den Logistikarbeiterinnen und -arbeitern zu solidarisieren, als man zu Kundgebungen und Protesten vor Ikea-Filialen in Berlin und Hamburg aufrief. Zu der Zeit bestreikten Beschäftigte die Lagerstätten in Norditalien. Doch die Resonanz war äußerst gering. Ein Großteil der außerparlamentarischen Linken diskutiert lieber darüber, ob man den Kampf ­gegen Rassismus und Patriarchat vernachlässigt, wenn man Arbeitskämpfe unterstützt.