Ein Gespräch mit Aladin ­El-Mafaalani über die Reproduktion von Klassen­unterschieden im deutschen Bildungssystem

»Die Unterschiede haben nichts mit Leistung zu tun«

Der Erfolg von Schülerinnen und Schülern hängt noch immer stark von deren Herkunft ab. Anstatt Unterschiede zu kompensieren, reproduziert das deutsche Schul­system die Klassenverhältnisse.
Interview Von

Nach Ihrem Buch über Integration haben Sie sich nun mit dem Thema Bildung beschäftigt. Hat beides mit Klassenfragen zu tun?

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In meinem neuen Buch »Mythos Bildung« geht es konkret um Bildung und Klassenunterschiede. Die Verhältnisse von Kindern, die heute in der Unterschicht aufwachsen, sind mit denen vor 20 oder 30 Jahren nicht zu vergleichen. Solidarische Strukturen in der Unterklasse sind weggebrochen, das hat indirekt auch mit Hartz IV zu tun. Allerdings ist Hartz IV eher Symptom als Ursache. Die Unterklasse ist abgehängt, es gibt kaum noch Hoffnung, dass es bergauf geht. Dass Kinder in so resignierten Milieus aufwachsen, hatten wir in der jüngeren Vergangenheit nicht. Darauf sind die Bildungsinstitutionen nicht vorbereitet. Viele Menschen finden keinen respektablen Platz mehr in der Gesellschaft.

Am Geld alleine liegt es also nicht?

Wenn man sich das wirtschaftliche Lebensniveau der Unterklasse anschaut, dann ist das nicht so dramatisch schlechter geworden. Es geht nicht darum, ob die Sozialhilfe vom Satz her früher besser war als Hartz IV heute. Häufig ist Hartz IV sogar besser. Aber es geht um die Respektabilität und die Hoffnung, dass es einem selbst und den Kindern in Zukunft besser geht.

Ist Hartz IV noch immer ein Stigma?

Ein erhebliches Stigma. Und genauso ist es ein Stigma geworden, auf die Hauptschule zu gehen. Für einen im Vergleich zu früher kleiner gewordenen Teil von Kindern hat sich die Lage extrem verschlechtert. Auf dieses Problem sind die Bildungsinstitutionen nicht vorbereitet. Ungerecht war das Bildungssystem schon immer, aber diese Kinder erwischt es jetzt doppelt und dreifach.

Sie schreiben, dass die Ungerechtigkeit im Bildungssystem selbst ­angelegt sei. Die Schule, der einzige Ort in der Gesellschaft, der Ungleichheit ausgleichen könnte, sei die Grundlage für spätere Ungleichheit. Nach dem Gymnasium ging es früher zur Universität, nach der Realschule ins Büro und nach der Hauptschule in die Indus­trie oder ins Handwerk.

Mit dieser Aufteilung wurden die Unterschiede gerechtfertigt und sie waren auch funktional. Aber jetzt muss man überlegen, welche positive Funktion die Hauptschule noch haben kann. Die Bildungsexpansion war eine gute Sache und hat dafür gesorgt, dass alle klüger wurden. Vor allem die Mädchen haben davon profitiert. Aber die Klassenunterschiede bestehen weiter. Das gilt übrigens auch für Migranten: Wer aus einem migrantischen Akademikerelternhaus kommt, hat kaum Probleme im deutschen Schulsystem. Nur für diejenigen, die jetzt noch unten stehen, hat sich die Lage verschlechtert. Heute ist das Gymnasium die Schulform, die von den meisten Kindern und Jugendlichen besucht wird. Es gibt an den Hochschulen mehr Studierende, als es Auszubildende in der dualen Ausbildung gibt. Und viele Ausbildungsplätze werden auch noch von Abiturienten belegt. Das ist für sogenannte Arbeiterkinder in zweifacher Hinsicht von Nachteil. Ohne Abitur haben sie Probleme, einen Ausbildungsplatz zu finden. Wenn sie das Abitur schaffen, stellen sie fest, dass es nicht mehr so viel wert ist. Und dann kommt es auf andere Sache an.

Das, was Pierre Bourdieu »die feinen Unterschiede« nannte?

Diese feinen Unterschiede haben dann auch nichts mit Leistung zu tun. Wir ­sehen, dass bei Spitzenkarrieren gute Kontakte und das Wissen um das richtige Verhalten wichtiger sind als Noten und Engagement. Für diejenigen, die keine höheren Abschlüsse schaffen, die aus benachteiligten Milieus kommen, wird es jetzt ganz dramatisch. Das führt zu einer Situation, die wir so bisher nicht kannten. Dazu hat sich auch der Blick auf die Ungerechtigkeit verändert.

Wird das »kollektive Schicksal« nicht mehr wahrgenommen?

Das Scheitern wird individualisiert. Früher erkannte man, dass Menschen aus einer bestimmten Schicht Probleme im Bildungssystem haben. Das galt als Ungerechtigkeit. Heute glaubt man, dass sie selbst schuld an ihrer Lage sind. Die Aufsteiger interessieren sich nicht mehr für sie und die Solidarität untereinander hat abgenommen. Dazu kommt, dass es für die, die jetzt noch unten sind, demütigend ist zu sehen, dass viele ihrer ehemaligen Nachbarn ihre Situation verbessert, sie es selbst aber noch immer nicht geschafft haben. Dazu kommt dann immer mehr Druck. Vielen ist nicht klar, was es für Kinder bedeutet, in einem so resignierten und sich würdelos fühlenden Milieu aufzuwachsen. Ich forsche seit zwölf Jahren zum Thema Ungerechtigkeit im Bildungssystem und in dieser Zeit hat sich die Situation stark verändert. Man kann diese Entwicklung gut in einzelnen Stadtteilen sehen.

Zum Beispiel in der Dortmunder Nordstadt?

Solche Stadtteile haben fast allen Großstädte, aber am Beispiel der Nordstadt kann man sehr gut erkennen, was es bedeutet, wenn solidarische Strukturen schwinden. Viele Maßnahmen der Stadt, zum Beispiel Verbesserungen an den Schulen und in den Betreuungsangeboten, haben dazu geführt, dass viele aus der Nordstadt aufsteigen konnten. Die verlassen nun aber den Stadtteil. Das ist eigentlich gut, denn es zeigt, dass die Nordstadt keine Sackgasse ist. Aber für die, die bleiben, ist es bitter. Viele haben es geschafft, nur sie selbst nicht. Die Menschen resignieren. Aber die Lösung ist natürlich nicht, aus solchen Stadtteilen Sackgassen zu machen. Man muss weiter in die Köpfe investieren, aber man macht damit den Stadtteil nicht besser. Das muss den Verantwortlichen klar sein.

Erhalten einzelne nicht dennoch eine Chance?

Klar. Armut verdeckt Talent und das Talent muss man entdecken. Für eine Schülerin, deren Mutter gestorben und deren Vater Alkoholiker ist und die sich deshalb auch um die kleineren Geschwister kümmern muss, ist es eine Riesenleistung, wenn sie in der Schule mittelmäßig ist. Ohne diese Belastungen wäre sie herausragend. So schafft sie es gerade, durch den Tag zu kommen.

Arme können sich langfristige Ziele und Pläne nicht leisten, schreiben Sie.

Beides ist für viele Menschen Luxus. Wer erlebt, dass die Eltern nicht wissen, ob sie die nächste Miete bezahlen können, der Kühlschrank leer und kein Geld für Hefte und Stifte da ist, versucht, über den Tag zu kommen. Menschen in solchen Lebenssituationen sehen sich nicht als künftigen Starchi­rurgen oder Physik-Nobelpreisträgerin. Dazu kommt, dass Kinder und Jugendliche aus der Mittel- und Oberschicht ein größeres Selbstbewusstsein haben. Sie wissen, dass es ein Netz gibt, das sie auffängt. Und sie werden von ihren Eltern auch mehr ermutigt. Die wissen, dass sie ihr Kind unterstützen können, und haben in ihrem Leben selbst viel geschafft.

Sie beschreiben, dass Aufsteiger an jeder Schwelle überdurchschnittlich oft scheitern: auf dem Weg zum Abi, im Studium, bei der Promotion und sogar, wenn es um Vorstands- oder Professorenstellen geht.

Deshalb muss man sich die Mechanismen des Aufstiegs genau anschauen. Normalerweise würde man glauben, wer unter schwierigen Verhältnissen aufgewachsen ist, ist so robust, dass er den Rest schaffen wird. Es geht aber nicht nur um Leistung. Es geht auch um Netzwerke. Aufsteiger geben sich viel Mühe, müssen nebenbei arbeiten, können aber zum Beispiel nicht in den Tennisclub gehen, in dem man wichtige Kontakte bekommt, die einem weiterhelfen. Ich profitiere bis heute noch von einem Netzwerk, das ich während meines Studiums aufgebaut habe. Als Akademikerkind bin ich privilegiert aufgewachsen, hatte keinen Stress im Studium, Jobs habe ich angenommen, wenn sie mich interessiert haben, und konnte so wichtige Kontakte aufbauen und dabei die Kontakte meiner Eltern nutzen.

Haben Arbeiterkinder diese Chancen nicht?

Nein. Es kommt noch etwas anderes dazu: Das Typische an Arbeitern ist, dass sie ziemlich direkt und ehrlich sind. Das führt dann dazu, dass man, wenn man jemanden nicht mag, das auch sagt oder deutlich zeigt. Im akademischen Milieu gilt das schnell als taktlos. Was im akademischen Milieu typisch ist, ist, dass man ein loses großes Netzwerk hat. Man muss sich nicht mögen. Vielleicht schätzt man sich nur professionell, aber nicht persönlich. Da gibt es im Verhalten zwischen den Schichten große Unterschiede.

Sie wollen keine Revolution im Bildungssystem. Was wollen Sie stattdessen?

Ich habe in meinem Buch vier Ziele formuliert: Die Gesellschaft muss Ungerechtigkeit wieder als etwas erkennen, das beseitigt werden muss. Benachteiligte Kinder und ihre Familien müssen stärker gefördert werden. Das darf nicht auf Kosten andere Kinder gehen, aber es muss spezielle Angebote für sie geben. Lehrkräfte müssen sich wieder auf ihr Kerngeschäft, den Unterricht, konzentrieren können und von bürokratischen Aufgaben entlastet werden. Das Problem der Ungleichheit muss auch in ihrer Ausbildung Thema sein. Drittens dürfen wir von den Eltern nicht zu viel erwarten. Gerade Eltern aus der Unterklasse sind extrem durch ihren Alltag belastet – auf andere Weise stehen aber auch bildungsbürgerliche Familien heute aufgrund von Doppelkarrieren der Eltern sehr unter Durck. Deshalb brauchen wir viertens einen qualitativen Ausbau des Ganztagssystems, denn in dessen Rahmen können die Unterschiede der Herkunft am besten kompensiert werden. Zudem müssen die Strukturen an den Schulen und im Unterreicht klarer werden. Das Bildungssystem ist zu kompliziert.