Das Coronavirus und die deutsche ­Leitkultur gehen nicht Hand in Hand

Shake hands?

Cocolumne Von

Thema Händeschütteln. Was wir dieses Jahr nicht schon alles gelernt haben! Nazis gibt man nicht die Hand (sie zum Vizepräsidenten des Landtags zu wählen, ist dann aber okay) und in den Zeiten von Corona schüttelt man nicht einmal der Kanzlerin die Flosse, auch nicht als Innenminister. Für Deutsche ist das eine echte Herausforderung. Sie lieben das Händeschütteln. Selbst ihrem Hund wollen sie unbedingt die Hand geben beziehungsweise: Hunde sollen ihnen gefälligst ihr Pfötchen reichen. Coco kann damit nichts anfangen. »Pfötchen geben« kennt sie nicht, kann sie nicht und will sie nicht. Ihre Begrüßungsriten sind vielfältig – vom komplett wahnsinnigen Herumtanzen, grinsend das Maul aufreißen, minutenlangen Niesen übers direkte Anspringen bis zu der Geste: Kopf auf den Boden zwischen die Vorderbeine und den Popo heftig wackelnd in die Luft strecken.

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Doch wie geht es nun weiter mit dem Händeschütteln? 2017 hatte es der damalige Bundesinnenministers Thomas de Maizière (CDU) in seinen Zehn-Punkte-Katalog für eine deutsche Leitkultur hineingeschrieben. Und jetzt? Kann es ein Deutschland ohne Händeschütteln geben? Müssen wir quasi zwangsläufig wieder zum »Sieg Heil« wechseln? Auch »Gesicht zeigen« war für de Maizière »Ausdruck unseres demokratischen Miteinanders«. Aber mit Schutzmaske vor dem Mund? Droht erneut der Untergang des Abendlandes? Allerdings konkurriert dieser Untergang mittlerweile mit immer mehr anderen Weltenden. Börsencrash, Blackout, Bienensterben. Welche Apokalypse ist schlimmer? Gehen wir wegen des Klimawandels ein oder am Virus? Da kann man sich kaum entscheiden. Die Debatten ähneln sich. Die Zahl der Corona- ist wie zuvor die der Klimaexperten über Nacht explodiert und wer zugibt, nichts zu wissen, verweist auf Wissenschaftler – und zwar genau auf jene, die das sagen, was man zwar nicht weiß, aber zu wissen meint, also irgendwie zu ahnen glaubt oder fühlt oder halt irgendwo gelesen hat. »Nur ein Schnupfen!« die einen. »Ich will, dass ihr in Panik geratet!« die anderen. Schaut man sich die Diskussionen in den sozialen Netzwerken und Talkshows an, könnte man denken, die (deutsche) Menschheit zerfiele in zwei Lager: Coronagretas und Coronaleugner. Im Alltag ist es dann gar nicht so und die meisten Leute verhalten sich ganz vernünftig. Auf eines kann man jedoch wetten: Sobald sich abzeichnet, dass sich alle auf eine Lesart einigen und 97 Prozent der Wissenschaftler dieses oder jenes sagen, wird die AfD die Gegenposition einnehmen und sich ein großes neues Wählerpotential erschließen.

Angesichts dieser absehbaren destruktiven Dynamik möchte man sich eigentlich an den Hunden ein Beispiel nehmen. Denn Hunden gegenüber sieht Cocos Begrüßungsritual ganz anders aus: Sie leckt ihnen am Arsch. Das mag nicht gut fürs Klima, fürs Abendland oder gegen Corona sein, aber es ist angesichts der Apokalypse konsequent.