Rezension der Comicadaption von Knut Hamsuns Roman »Hunger«

Aus dem Leben eines Hungerkünstlers

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Der Roman »Hunger« von 1888 war Knut Hamsuns erster internationaler Erfolg. Sein Anfang ist berühmt: »Es war in jener Zeit, als ich in Kristiania umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verlässt, ehe er von ihr gezeichnet worden ist.« Kürzlich erschien »Hunger« in einer neuen Übersetzung; nicht von einer Sprache in eine andere, sondern von einer Gattung in eine andere. Der norwegische Illustrator Martin Ernstsen hat den einflussreichen Roman in eine Graphic Novel übertragen. Darin geht der mittellose Erzähler durch Kristiania (wie Oslo bis 1924 hieß), hungert und hofft auf den großen Durchbruch als Schriftsteller. Er versetzt, was sich versetzen lässt (seine Knöpfe wird er nicht los), mag aber seine Notlage auch nicht zugeben und ersinnt irrwitzige Erklärungen für seine Situation. Die Figur ähnelt dem jungen Hamsun, wenn es für den Hungernden mal ganz schlimm kommt, erinnert sein Bildnis an ­Edvard Munchs »Schrei«. Besonders hinreißend sind die Darstellungen der alten untergegangenen Stadt Kristiania, die Hamsun so eindrücklich geschildert hat wie kein anderer. Ernstsen hat die Schilderungen Hamsuns getreulich nachgezeichnet und sich beim Texten kleine Neuerungen erlaubt. Der berühmte Eingangssatz lautet jetzt so: »Damals lief ich hungernd durch Kristiania, diese wunderliche Stadt, die keiner verlässt, ohne von ihr gezeichnet worden zu sein.« Karger also, ohne den Hamsun’schen Überschwang und der Situation des Darbenden durchaus angemessen. Man folgt dem Hungerkünstler auf seiner Wanderung durch die Stadt und seinen Begegnungen, etwa mit der schönen Unbekannten, der seine ganze Liebe gilt. Und möchten ihn schütteln, wenn er wieder einmal die Chance auf ein besseres Leben vergibt. Martin Ernstsen hat aufs Wunderbarste die Essenz des Romans erfasst und in Bilder umgesetzt.

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Martin Ernstsen: Hunger. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Avant-Verlag, Berlin 2019, 220 Seiten, 30 Euro