In der Coronakrise bittet die türkische Regierung die Bevölkerung um Spenden

Brot und Spenden

Auch in Istanbul haben viele Menschen Angst vor Covid-19. Die türkische Regierung versucht die Bevölkerung mit Brotlieferungen zu beruhigen. Präsident Erdoğan forderte Bürger und Unternehmen auf, für Bedürftige zu spenden.

An den vergangenen beiden Wochenenden kamen in Istanbul von der Regierung beauftragte Brotlieferanten in die Stadtviertel. Die Lieferanten fuhren durch die Straßen und riefen über Lautsprecher: »Ekmekçi!« (Der Brot­lieferant!) An beiden Wochenenden galt in Istanbul, wie in 30 anderen türkischen Städten und Provinzen auch, eine Ausgangssperre wegen der Covid-19-­Pandemie. Nur im Gesundheitswesen Beschäftigte und andere Berufsgruppen mit Sondererlaubnis durften sich in der Stadt bewegen. Die Brotliefe­ranten sollten die Bevölkerung beruhigen und ein Gefühl von öffentlicher Organisation in der Krise vermitteln.

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Doch an deren Effizienz herrschen berechtigte Zweifel. Die Regierung berief zwar bereits im Januar ein Expertenteam ein. Die Kommunikation des Krisenmanagements beschränkte sich seither aber auf Ansprachen des Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Der macht Europa für die Lage in der Türkei verantwortlich: Von dort sei die Krankheit eingeschleppt worden. Der erste mit Covid-19 Infizierte, der in die Türkei einreiste, wurde jedoch, wie auch in vielen anderen Ländern, nicht ermittelt. Das lässt Raum für Spekulationen.

Neutrale Informationen über die Lage zu erhalten, ist nicht leicht, da es in der Türkei keine frei berichtenden Medien mehr gibt.

Einige sehen in den 20 000 Pilgern, die im saudi-arabischen Mekka waren und nach dem 8. März zurückgekehrt sind, die Verursacher der Krise. Zwar wurden nach Angaben des türkischen Gesundheitsministers, Fahrettin Koca, Pilger in Studentenwohnheimen der Hauptstadt Ankara und im zentral­türkischen Konya untergebracht, um von dort aus bei Anzeichen einer Erkrankung in ein Krankenhaus verlegt werden zu können. Viele waren aber in ihre Heimatregionen gereist, ohne getestet oder unter Quarantäne gestellt zu werden. Genauere Erkenntnisse darüber, wie viele der Pilger sich infiziert hatten, gibt es nicht. Lediglich in der Stadt Isparta wurde am 1. April ­gemeldet, von insgesamt 268 Infizierten seien 245 Mekka-Pilger. Vermutlich werden auch Rückkehrer von Geschäftsreisen aus China oder den USA das ­Virus unbemerkt eingeschleppt haben.

Die Streitigkeiten zwischen der türkischen Regierung und der von der oppositionellen Republikanischen Volkspartei (CHP) regierten Stadtverwaltung von Istanbul tragen wenig dazu bei, das Vertrauen der Bevölkerung zu stärken. Die Regierung leitete kürzlich ein Verfahren gegen den ihrer Ansicht nach unrechtmäßigen Spendenaufruf von CHP-Bürgermeistern für Maßnahmen gegen die Covid-19-Pandemie ein. Stattdessen sollen die Bürger nun über ein auf Anweisung Präsidenten eingerichtetes System per Mobiltelefon dazu gebracht werden, für Bedürftige zu spenden. Auch Unternehmen rief Erdoğan zu Spenden auf.

Ein Aktionsplan der Istanbuler CHP-Stadtverwaltung lässt trotz Forderungen der Partei nach einer dauerhaften Ausgangssperre in der Stadt ebenso auf sich warten wie andere Maßnahmen außer der Desinfektion von öffentlichen Verkehrsmitteln. Anfang der Woche empörte sich die CHP-Verwaltung des Stadtteils Kadıköy darüber, dass die Regierung den Republikanischen Kindertag am 23. April verboten habe. An diesem Tag finden traditionell Paraden und andere Veranstaltungen statt.

Die Einhaltung der Ausgangssperre wurde in Istanbul wenig überprüft. Die Polizei kontrollierte an Verkehrsknotenpunkten und vereinzelt in den Stadtvierteln. Reporter, die sich nach wie vor durch die Stadt bewegen dürfen, mussten oft nicht einmal ihren Presseausweis zeigen. Vermutlich sind auch die ­Ordnungskräfte um ihre Gesundheit besorgt. Ihre Schutzanzüge sind nicht einheitlich. Einige tragen eine Art Gasmaske. Mitarbeiter der Stadtverwaltung in überdimensionierten Plastikanzügen sprühen großflächig De­sinfektionsmittel in Busse. Ob es gesund ist, diese einzuatmen, sei dahingestellt. Seit vergangener Woche dürfen Supermärkte in Istanbul nur noch mit Mundschutz betreten werden. Auf der Straße sind kaum noch Menschen ohne Mundschutz zu sehen.

Neutrale Informationen über die Lage zu erhalten, ist nicht leicht, da es in der Türkei keine frei berichtenden Medien mehr gibt. In den sogenannten sozialen Medien kursieren Behauptungen jeglicher Art über den Stand der Coronakrise, die kaum verlässlich sind. Fotos von Hamsterkäufen in Istanbul wurden zunächst in den sozialen und dann auch in den konventionellen Medien im In- und Ausland zu Bildern einer Massenpanik stilisiert. Vor Ort war von einer Panik jedoch nichts zu bemerken. Außer in einigen Vierteln ­Istanbuls kam es am Abend des 10. April vor Inkrafttreten der Ausgangssperre um Mitternacht offenbar auch in Ankara, Izmir und anderen größeren Städten zu Hamsterkäufen. Die Ausgangssperre war erst kurz nach zehn Uhr abends angekündigt worden. Die Menschen in Istanbul reagieren prag­matisch auf die Krise, auch wenn große Angst und Verunsicherung herrschen. Wer keine Schutzmaske hat, wickelt sich Tücher um Mund und Nase. In den Nachbarschaften waren die Menschen am vergangenen Wochenende auf die Ausgangssperre vorbereitet und hielten sich an diese.

Nach Angaben des türkischen Gesundheitsministeriums waren am ­vergangenen Samstag rund 82 300 Infektionen nachgewiesen, etwa 12 231 davon in Istanbul. Es gibt allerdings Zweifel an den offiziellen Zahlen. Der Generalsekretär des türkischen Ärzteverbandes, Bülent Nazim Yılmaz, meint, diese würden falsch erhoben. »Das ­Gesundheitsministerium listet nur die eindeutig positiven Ergebnisse als ­Covid-19-Fälle. Alle anderen typischen Coronasymptome fallen unter den Tisch«, sagte Yılmaz der Süddeutschen Zeitung. In China seien 40 Prozent der Patienten, die zunächst negativ getestet worden seien, später als Covid-19-Fälle diagnostiziert worden. »Diagnose und Einstufung also sollten nicht nur nach dem Testergebnis, sondern nach allgemeinen klinischen Bewertungen erfolgen«, so Yılmaz. »Wäre das so, wären die Zahlen für die Türkei längst höher.«

In den sozialen Medien kritisieren Nutzer, in manchen Regionen würden Menschen mit leichten Symptomen ohne Test mit Erkältungsmedikamenten nach Hause geschickt. Die Kapazitäten für Tests sind in der Türkei gering. Yılmaz warnt vor Panikmache. Diese werde zu einem Sturm auf die Krankenhäuser führen, die sich nur mit den schweren Fällen beschäftigen sollten.

Nach dem niedergeschlagenen Putschversuch von 2016 wurden Yılmaz zufolge über 15 000 Personen per Regierungsdekret aus dem Gesundheitswesen entlassen. In Istanbul gibt es nach Yılmaz’ Angaben mehr als 50 000 Fachärzte; auf 100 000 Bewohner kommen 219 Fach-, Allgemein- und ­Assistenzärzte. Die Türkei habe aber insgesamt nur 153 000 Mediziner. In Deutschland, das etwa so viele Einwohner hat wie die Türkei, gab es nach ­Angaben der Bundesärztekammer 2018 rund 392 400 berufstätige Ärzte.

Am Montag kündigte Erdoğan an, von diesen Donnerstag bis Sonntag werde erneut eine Ausgangssperre in Istanbul sowie 30 anderen Städten und ­Provinzen gelten.