Homestory #18

Auch wenn es um die Vibes zwischen Bürgerrechten und Infektionsschutz nicht so gut bestellt ist: Die Berlinerinnen und Berliner scheinen die Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 mit jener stoischen Gelassenheit zu nehmen, für die sie schon in vergangenen Jahrhunderten bekannt waren. Auch die Redaktionsmitglieder der Jungle World, die sich mit wenigen Ausnahmen seit Wochen nicht mehr gesehen haben, scheinen eine solche Haltung angenommen zu haben. Die Show muss schließlich weitergehen. Aber wie haben sich die Kollektivmitglieder in ihren heimischen Büros eingerichtet? Klar ist: Die Büroarbeit ist seit ­Corona häuslicher geworden. Aber wird dadurch das Zuhause auch büroartiger?

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Zu den sonderbaren Erscheinungen der Coronawelt gehört, dass rechte »Prepper«, die früher damit prahlten, monatelang von gehorteten Raviolikonserven leben zu können, offenbar keine vier Wochen im Lockdown ertragen. Hedonistische Linke, darunter auch nicht wenige Kollektivmitglieder Ihrer Lieblingszeitung, fangen hingegen ohne mit der Wimper zu zucken damit an, auf ihrem Balkon Subsistenzwirtschaft zu betreiben. Wenn auch mit wechselndem Erfolg. Tomaten, Gurken, Zucchini, Zuckerschoten und ein paar Kräuter hat eine Kollegin aus dem Layout gepflanzt. »Allerdings hatten die armen Pflänzchen nicht genug Licht im Innenhof und sind größtenteils vergeilt«, sagt sie. Andere haben damit begonnen, ihre Vorratskammer mit selbstgemachten Einmachgurken zu füllen. Ein Kollektivmitglied hat sich einen beeindruckenden ­Vorrat an Mineralwasser der Marke Gerolsteiner zugelegt. »Ist Heilwasser, soll gegen Corona helfen«, erfahren die Kolleginnen und Kollegen in der internen Telegram-Gruppe für »Kaffeeküchenklatsch«, die sich mittlerweile zum vielleicht wichtigsten Kommu­nikationskanal der Redaktion entwickelt hat. »Wirklich?« will da einer wissen, der offenbar die Wissenschaftlichkeit dieser Behauptung bezweifelt. »Gerolsteiner ist so ähnlich wie Warsteiner«, bekommt er von anderer Seite zu hören. Warsteiner sei als Bier »so was Ähnliches wie Corona, völlig logisch, dass das gegen Corona hilft«.

»Bäm! Der Weltuntergang kann kommen!« funkt ein Kollege dazwischen – und hinterlässt wirklich Eindruck. Denn er kann stolz eine Serie von Bildern selbstgemachter Pasta präsentieren. In langen, wurmartigen Fäden sieht man diese von einer auf einem Küchentisch aufgestellten und sehr professionell wirkenden Holzapparatur hängen. »Halb Weizenmehl, halb Hartweizengrieß, Ei, Öl, Wasser – das sollten Spaghetti werden«, erklärt der Kollege, obwohl man die Intention eigentlich auch so gut erkennt. Büroatmosphäre strahlen die Bilder jedenfalls nicht aus. Wohl aber jene eingangs erwähnte Mentalität, sich von der Krise das Leben so wenig wie möglich vermiesen zu lassen.