Das neue Album von Perfume Genius

Betörende Kaputtheit

Auf dem neuen Album des queeren Musikers Perfume Genius verschmelzen Musik, Tanz und Performance.

Kann Brüchigkeit schön sein? Diese Frage stellt der vietnamesisch-amerikanische Schriftsteller Ocean Vuong an den Anfang seiner Überlegungen zu »Set My Heart on Fire Immediately«, dem neuen Album von Perfume Genius. Um die Antwort vorwegzunehmen: Ja, Brüchigkeit kann natürlich schön sein, und nicht nur das, sie ist vielmehr Quelle der Freude und einer Zukunft, die sich der fragmentierte, verwundete und begehrenswerte queere Körper selbst ersingt. Vuong ist mit Erscheinen seines ­Romans »Auf Erden sind wir kurz grandios« selbst zu einem beachteten und preisgekrönten Vertreter migrantischer und queerer Positionen in den Vereinigten Staaten geworden. Er wählt – nebenher das krude Genre »Promotext« neu erfindend – so ­poetische wie blumige Worte für ein nicht minder expressives Album.

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Mike Hadreas, wie der Sänger Perfume Genius bürgerlich heißt, entfesselt auf besagtem Album gemeinsam mit dem Produzenten Blake Mills einen »soft storm« (Vuong), der weder Genregrenzen achtet, noch Furcht vor Theatralik kennt. Der Imperativ des Albumtitels stimmt auf den energischen, selbstbewussten Inhalt ein, der an die vorangegangen vier Alben anschließt, deren Verletzlichkeit und intime Verhandlung von Gewalterfahrungen aber mehr denn je um Tanz und Performancekunst erweitert werden. Das ganze Konzept des Albums, von den überbordenden Arrangements über die Texte bis hin zu den oberkörperfreien Promofotos und den sinnlichen Musikvideos, baut auf Expressivität und Körperkontakt.

Wie Perfume Genius Fatalismus mit an Kitsch grenzendem, klassischem Pop kontrastiert, erinnert an frühe Formen solcher subtilen Subversivität, etwa die zwischen Traurigkeit und Verruchtheit oszillierenden Balladen der Shangri-Las.

»Set My Heart on Fire Immediately« beginnt mit einem Seufzer. Es klingt, als würde Hadreas noch einmal tief Luft holen, bevor er in 13 ­exaltierten Songs über schwules Begehren, tradierte Vorstellungen von Maskulinität, Schmerz und Körperlichkeit singt. Zu einem Kraftakt wird dabei manchmal auch das aufmerksame Zuhören, etwa wenn Studien über Zerbrechlichkeit (»Moonlight«) allzu musicalhaft-manieriert klingen oder süßlicher Pop (»Without You«) arg kantenfrei gerät. Der Opener »Whole Life« fällt mit seinem Sechziger-Jahre-Sound, den Tremolo-Gitarren und schwelgenden Streichern in die zweite Kategorie. Er simuliert trügerische Idylle. Wie die ­fatalistische Feststellung »Half of my life is gone« mit an Kitsch grenzendem, klassischem Pop kontrastiert wird, erinnert an frühe Formen solcher subtilen Subversivität, etwa die zwischen Traurigkeit und Verruchtheit oszillierenden Balladen der ­Shangri-Las. Im doppelbödigen Text (»The mark where he left me / a clip on my wing / oh let it soften / I forgive everything«) arbeitet Hadreas mit Bildern des gezeichneten, verletzten Körpers. Der zweite Titel des Albums, »Describe«, zelebriert solche Brüchigkeit auch mit musikalischen Mitteln. In völligem Kontrast zum melodiösen Opener klingt »Describe« wie eine Hommage an Hadreas’ Heimatstadt Seattle. Dass Grunge und Alternative Rock momentan ein kleines Comeback feiern, lässt sich jüngeren Popveröffentlichungen von Yves ­Tumor bis Post Malone abhören, und auch bei Perfume Genius hinterlässt der Ausflug in die neunziger Jahre hör- und sichtbare Spuren. »Describe«, bereits im Februar vorab als Single veröffentlicht, kombiniert voluminöse Shoegaze-Gitarren mit sanftem Gesang. Ein wenig erinnert dieser wattig-noisige Sound an »Queen«, einen der Hits auf Perfume Genius’ Erfolgsalbum »Too Bright« von 2014, betont aber stärker und wiederum im Sinne von Brüchig- und Verletzbarkeit den Gegensatz von Singstimme und Instrument, von weich und hart.

Beim Video zu »Describe« führte Mike Hadreas selbst Regie. Es setzte die Zusammenarbeit mit der Choreographin Kate Wallich fort, mit der der Sänger im vergangenen Jahr das Tanzstück »The Sun Still Burns Here« entwickelte. Inmitten von Performerinnen und Performern von Wallichs Company bewegt sich Hadreas im Clip in einer ländlichen Umgebung, ehe er in einem Knäuel aus verschwitzten Gesichtern und Körpern verschwindet. Mit seiner rustikal-erotischen Optik irgendwo zwischen dem Horrorfilm »Midsommar« und Hippiekommune und dem freimütigen Umgang mit allerlei christlicher und heidnischer Symbolik erinnert »Describe« auch visuell an manchen Videoclip aus den neunziger Jahren. Wie einst R.E.M. im stilbildenden Video zu »Losing My Religion« arbeitet Perfume Genius mit deutlichen Bezügen zur barocken Bildwelt des italienischen Malers Caravaggio, etwa in der gelbbraunen Farbgebung und der Durchsetzung religiöser Motive mit bäuerlichen Alltagsszenen. Während der – auch im R.E.M.-Video dargestellte – Heilige Sebastian sich am Baum gefesselt windet, wird im Hintergrund Holz gehackt und Wäsche aufgehängt. Später wird sich Mike Hadreas mit einem zweiten Performer in einen Derek Jarmans Film »Caravaggio« zitierenden Messerkampf, der zugleich auch ein Tanz ist, begeben. Mit dem Text, einem knappen Abgesang auf eine vergangene Liebe (»His love it felt like ribbons / an echo in the canyon«), hat das Video vordergründig nicht viel zu tun. Vielmehr wird es zu einem eigenständigen Element innerhalb des Gesamtkonzepts von Perfume Genius, in dem queering als ein Prozess des lustvollen Zusammensetzens scheinbarer Gegensätze verstanden wird.

Mike Hadreas selbst beschrieb »Set My Heart on Fire Immediately« als eine Auseinandersetzung mit ­einer aus den Angeln gehobenen Welt: »Ich habe diese Songs als einen Weg geschrieben, geduldiger und bedachter zu sein – an all diesen chaotischen Fäden um mich herum zu ziehen und sie zu etwas Warmen, Fürsorglichen und Tröstlichen zu verweben.« Um innere Zerrissenheit und deren Kanalisierung in einer intimen Körperlichkeit geht es auch in »On the Floor«. Mitte März als zweite Single veröffentlicht, zeigt das ­Video den ölverschmierten, durchtrainierten Sänger im Tanzduett mit einem zweiten Mann. Die übertriebene Expressivität des Settings – zwei Männer, eine Landschaft – bricht sich erneut an der schunkeligen Musik und dem emotionalen Text (»The rise and fall of his chest on me / I’m trying but still it’s all I see«). Der an Madonnas »True Blue« erinnernde Track ist ein Beispiel für eine weitere pophistorische Facette, die auf »Set My Heart on Fire Imme­diately« immer wieder aufscheint: die achtziger Jahre, als Blütezeit des zugleich den Tanz, die Perfomance, den Gesang und die Schauspielerei beherrschenden Popstars.

Zu den musikalischen Höhepunkten in diesem Überschwang an Verweisen und Emotionen gehören zwei ruhige Stücke. Im Auge des »soft storm« wird in dem wunderbar warm klingenden »Jason« eine anrührend unschuldige Liebesszene gezeichnet, die in einem seltenen Anflug von Humor in der Zeile »I stole 20  dollars from his blue jeans / I’m pretty sure that he saw me« gipfelt. Ganz ohne Subversion geht es auf diesem Album nie, aber wie Hadreas’ Falsettgesang zu Cembalo und Streichern in Beatles-Manier die passenden, knappen Worte findet, berührt mehr als mancher musikalische Bombast an anderen Stellen der Platte. Auch das darauf folgende »Leave« transportiert mit seinem über einer schwer definierbaren Klanglandschaft geflüsterten Flehen (»Turn the camera on / and leave / begging like a dog / ignore me«) die Art von sexy Kaputtheit, die Ocean Vuong mit seiner Frage nach Schönheit im Bruch gemeint haben mag.

Perfume Genius: Set My Heart on Fire ­Immediately (Matador)