Ein Besuch in drei bedrohten Berliner Kollektivkneipen

Keine letzte Runde

Drei Berliner Kollektivkneipen bangen um ihre Existenz – die Schließung wegen der Covid-19-Pandemie ist aber nur eines der Probleme.
Reportage Von

Die gesamte Gastronomie ist in der Krise: Um die Covid-19-Pandemie einzudämmen, sind Bars, Cafés und Restaurants seit dem 14. März geschlossen – niemand weiß, wie lange noch. Bund und Länder versprechen für die nahe Zukunft stufenweise Lockerungen für die Branche, doch auch danach werden linke, kollektiv organisierte Projekte wie K-Fetisch, Syndikat und Meuterei in Berlin um ihre Existenz kämpfen müssen. Aufgeben wollen sie nicht – doch ihre Gegner sind einschüchternd.

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»Für uns ist die Situation mit unserem Vermieter Akelius bedrohlicher als die Coronakrise«, erklärt Şenol, der zum elf Personen starken Cafékollektiv K-Fetisch gehört. Vor acht Jahren wurde das Projekt mit feministischem und antirassistischem Selbstverständnis in der Neuköllner Wildenbruchstraße eröffnet. Vor der Coronakrise fanden dort neben dem Cafébetrieb auch Diskussionsveranstaltungen, Mobilisierungstreffen und Lesungen statt. So wurde der Laden schnell zu einem wichtigen Ort für die linke Szene, das Kollektiv will aber auch »für die ganze Nachbarschaft« da sein. Daher sind die Preise niedrig und es gibt keine Getränkekonsumpflicht.

Mit einer baldigen Rückkehr zum normalen Betrieb rechnen die Kollektive nicht.

Um die coronabedingte Schließung des Ladens zu bewältigen, habe das Kollektiv staatliche Zuschüsse erhalten, berichtet Mascha, die ebenfalls im Kollektiv ist. »Doch die sind nicht so hoch, dass wir die nächsten Monate locker überleben werden.« Zusätzlich hat das Kollektiv über eine Spendenkampagne mehr als 18 000 Euro gesammelt. Mit einer baldigen Rückkehr zum normalen Betrieb rechnet es nicht. »Das wird noch sehr lange dauern«, räumt Şenol ein. Seit Mitte Mai öffnet das Café wieder, um »Cappuccino, Bananenbrot und Aperol Sprizz« to go anzubieten, wie es in einer Ankündigung auf Facebook heißt.

Doch wie erwähnt bereitet der share deal, mit dem der schwedische Immobilienkonzern Akelius das Haus erworben hat, den Kollektivmitgliedern noch mehr Sorgen als die coronabedingte Schließung. Mit solchen Deals wechseln statt Immobilien lediglich die Unternehmensanteile den Besitzer. Dem Mieterecho zufolge übernahm Akelius 90 Prozent des vormaligen Eigentümers. So entfallen die Grunderwerbssteuer und eine Prüfung des Bezirks, ob durch den faktischen Eigentümerwechsel der Milieuschutz gefährdet werde. Der Kauf sorgte für Kritik: Beim Bezirksamt Neukölln ist von einer Aushebelung des Vorkaufrechts die Rede. Das Bezirksamt Neukölln hat angeordnet, die Verträge zur Verfügung zu stellen, damit diese geprüft werden können. Akelius legte dagegen beim Verwaltungsgericht Einspruch ein – ohne Erfolg. Die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts steht noch aus.
Der Vermieterwechsel stellt ein existentielles Problem für das Kollektiv dar, da der Mietvertrag im Oktober 2021 ausläuft. Über eine Verlängerung wollte Akelius bislang nicht verhandeln. Eine benachbarte Bürogemeinschaft musste schon ausziehen, nachdem ihre Miete verdoppelt worden war. Mit der Öffentlichkeitskampagne »Für eine Zukunft mit K-Fetisch« ­wollen nun Anwohnerinnen, Gäste und Mitarbeitende Druck machen. Zu ihren Forderungen zählen eine finanzierbare Mietvertragsverlängerung und eine langfristige Perspektive für den Laden.

Die Kampagne hat bereits einen ersten Erfolg gezeitigt: Der geplante Petitionsstart am 7. Mai wurde vorübergehend ausgesetzt, nachdem bekannt geworden war, dass Akelius nun doch mit dem Bezirk verhandelt. Das bestätigte auch Ralf Spann, der Geschäftsführer von Akelius, der Jungle World. Weitere Fragen wollte das Unternehmen allerdings nicht beantworten. Wenn es bis Ende Juni keine zufriedenstellende Lösung gibt, solle die Petition dann doch beginnen, heißt es in einer Pressemitteilung von »Für eine Zukunft mit K-Fetisch«.

Das Kollektiv beteiligt sich an den Treffen der Mieterinnenvernetzung »Stopp Akelius Berlin!«, in der Betroffene sich gegen die Praktiken des Unternehmens wehren. Mit über 3 000 Wohnungen ist Akelius auch ein Ziel der Kampagne »Deutsche Wohnen & Co. enteignen«, die die Wohnungsbestände von großen Immobilienkonzernen durch einen Volksentscheid vergesellschaften will. Seit über 300 Tagen prüft Innensenator Andreas Geisel (SPD) bereits die Zulassung des Volksentscheids. Zu den Unternehmen, die die Initiatoren der Kampagne enteignen möchten, gehört auch die britische Firma Pears Global Real Estate. Vor zwei Jahren war der Name Pears in Berlin noch kaum bekannt, erst als der Mietvertrag des alteingesessenen Kneipenkollektivs Syndikat 2018 auslief, enttarnten dessen Betreiberinnen den Konzern hinter einem Labyrinth von ausländischen Briefkastenfirmen. Laut seiner inzwischen offline gegangenen Website besitzt Pears Global über 6 500 Wohnungen und Gewerbeeinheiten in Berlin. Der Tagesspiegel und das Recherchenetzwerk Correctiv konnten bislang 3 000 dieser Wohnungen ausfindig machen. Das 1985 in der Neuköllner Weisestraße gegründete Kollektiv ver­weigerte die Schlüsselübergabe. Verhandlungsversuche scheiterten, das Unternehmen lehnte jegliche Kontaktaufnahme ab. Im November vergangenen Jahres hat ein Gericht die Kündigung für rechtmäßig erklärt. Nach einer abgelehnten Berufung legte das Landgericht Berlin einen Räumungstermin für den 17. April fest – der allerdings wegen der Covid-19-Pandemie ausgesetzt werden musste.

Nun hängt die Zukunft der Kneipe in der Schwebe. Auch ohne Mietvertrag und trotz derzeitiger Schließung muss das Kollektiv jeden Monat ein Nutzungsentgelt bezahlen. Wegen des Räumungstitels kann die Kneipe keine Hilfen in Anspruch nehmen. »Löhne können wir gerade gar nicht auszahlen«, sagt Christian vom Syndikat. Gibt es einen aktuellen Plan? »Wir haben keinen. Wir warten erst mal die Situation ab.« Er rechnet nicht damit, dass die Berliner Kneipen vor Ende des Jahres wieder aufmachen dürfen. Das würde das Syndikat aber nicht überleben, so Christian weiter. Mittlerweile habe eine Firma, die das Haus im Interesse der jetzigen Mieter, inklusive des Kneipenkollektivs, bewirtschaften will, Pears Global ein Kaufangebot gemacht, doch eine Reaktion sei bislang ausgeblieben. Das Kollektivmitglied hofft, dass aufgrund der Krise und dadurch bedingter Leerstände »Vermieter nicht mehr Traummieten aufrufen können«.

Auch das Kneipenkollektiv Meuterei in Kreuzberg muss um seine Existenz bangen. Das Projekt in der immer stärker gentrifizierten Reichenberger Straße gibt es seit zehn Jahren. »Wir versuchen, eine Brücke zwischen der linksradikalen Szene und der Nachbarschaft zu bauen«, sagt Emil, eines von 13 Kollektivmitgliedern, »aber es ist unklar, wie lange es uns noch geben wird.« Der Mietvertrag der Meuterei ist im Mai 2019 ausgelaufen, über eine Verlängerung wollte die Firma Zelos Properties nicht verhandeln. Stattdessen erhielt das Kollektiv ein Kaufangebot, gefordert wurden 750 000 Euro. »Das ist absurd. Das ist mehr, als damals für das ganze Haus bezahlt wurde«, sagt Emil. Der Räumungsprozess am 23. März wurde nach Ausbruch der Pandemie auf unbestimmte Zeit ausgesetzt.

»Wir stellen uns seit Anfang der Krise natürlich die Frage: Wie lange lohnt sich das für uns?« sagt Leonie, die auch im Kollektiv ist. Für den bevorstehenden Prozess habe das Kollektiv Geld zurückgelegt, es wäre aber schade, dieses nur für den kurzfristigen Erhalt des Ladens zu nutzen, so Leonie weiter. Einen Teil der staatlichen Zuschüsse habe das Kollektiv zwar bekommen. »Wenn die Krise noch drei Monate dauert, ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein«, sagt sie. Das Kollektiv hat sich gegen eine Crowdfunding-Kampagne entschieden und ruft stattdessen dazu auf, Geld für andere politische Projekte zu spenden, die keine staatliche Hilfe beantragen können.

Neben der Meuterei könnten auch das Syndikat und das K-Fetisch mit einem Schlag aufgeben müssen – selbst wenn alle drei die Pandemie-Schließung mit knapper Not überstehen. Das wäre nicht nur ein großer Verlust für die linke Szene, sondern für die ganze Stadt. Auf Anfragen der Jungle World ­reagierten Pears Global Real Estate und Zelos Properties nicht.