Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 65

Lothar geht, der Regen kommt

Kolumne Von

Na also. Kaum hatte ich in der vorherigen Ausgabe dieser Kolumne (Jungle World 18/2020) wie ein selbstgefälliger weinender Schlosshund mein kleingärtnerisches Klagelied über den bis dato ausgebliebenen Regen angestimmt, schon goss es ordentlich. Drei Tage lang kam ausgiebig Wasser von oben und durchnässte den furztrockenen Boden. Da jubeln wir Kleingärtner und unsere entfernten Verwandten, die Bauern, im Chor. In weiser Voraussicht hatte ich kurz zuvor mit Geschick und Raffinesse meine vierteilige Wasserspeicheranlage installiert und sie mittels manuell filigraner Technik mit dem Regenfallrohr am Haus verbunden. Dort sammeln sich 1 500 Liter besten Regenwassers, womit ich meinem Garten in Zei­ten großer Trockenheit ausreichend und nachhaltig Wasser spenden kann, damit er niemals auf dem Trockenen sitzt. Trockenheit ist des Kleingärtners größte Sorge – neben vielen anderen.

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Freud und Leid gehen allerdings nach dem Regen Hand in Hand. So sehr ich mich freue, dass meine Pflanzen nun einen ordentlichen Wachstumsschub hinlegen, so sehr durchdringt mich der Welten Trübsal, weil das Unkraut genauso kräftig wächst. So ein Mist! Warum kann es keinen Regen geben, der einfach nur meinen Samen erreicht und einen Bogen um die nicht erwünschten Pflanzen macht? Man müsste den Regen gentechnisch verändern. Das muss ich mir mal durch den Kopf gehen lassen. Gentechnisch veränderter Regen, von mir erfunden. Da bin ich jetzt schon beeindruckt.

Und noch etwas Gravierendes ist seit der letzten Kolumne passiert: Lothar (Nachname: Wieler) ist weg. Hatte ich ihm dort noch mit meinen Versen der Bewunderung und Dankbarkeit ob seiner einfachen Erklärungen in der Coronakrise das ihm gebührende Denkmal gesetzt und ihn gar mit »unserem Loddar« (Nachname: Matthäus) auf eine intellektuelle Stufe gestellt, so hat er direkt nach Erscheinen das Weite gesucht und hält mittlerweile seinen coolen Verein, das Robert-Koch-Institut, die meiste Zeit aus dem medialen Blickfeld heraus. Auch wenn mir damit etwas fehlt, bin ich doch beeindruckt davon, wie wirkmächtig diese Kolumne ist. Hier werden regelrecht die Strippen der Welt gezogen.

Trotzdem ist der Abgang von Lothar ein Verlust. Es wird sein Geheimnis bleiben, warum seit Beginn der Coronakrise eigentlich immer die Professoren an den Mikrophonen stehen und Interviews geben, aber das einfache medizinische Fußvolk – die Hausärzte – so oft außen vor bleiben. Mich erinnert das an den eigentlich gar nicht so unsympathischen, aber eben sehr neoliberal daherkommenden französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der schon früh von »la guerre«, also dem Krieg sprach. Und bei den Lagebesprechungen in Kriegen stehen, wie wir es aus Filmen kennen, die Generäle am großen Tisch mit der großen Karte und erklären die Welt. Dabei verschieben sie elegant die Bataillone und gewinnen selbstverständlich ihre Schlachten. Auf dem Papier. Das einfache Fußvolk hat im Krieg andere Aufgaben. Es hat zu arbeiten und nicht zu gestalten. Fragt sich nur, ob man mit derartigem autoritär-patriar­chalem Getue die richtigen Niederungen, Abzweigungen und Wege in der doch arg komplexen Welt diesseits und jenseits von Corona findet. Bei der Suche hilft kein Navi und kein Google. Es könnte sich rächen, die Kreativität des Fußvolks außen vor zu lassen.

Weg ist nicht nur Lothar, sondern weg sind auch zwei Taubeneier. Wie das? Ein Taubenpärchen baute im Giebelbereich meines Dachs ein Nest. Zumindest versuchten die Tiere das. So richtig gelang es nicht. Aber wie es so ist, wenn Tauben unterwegs sind, entsteht ­unfassbar viel Dreck. Ich also die Leiter angestellt, flugs hoch geklettert und siehe da, der Nestbau war in der Tat nicht richtig gelungen. Zwei niedliche kleine Taubeneier lagen auf dem blanken Stein. Nun liegen sie nicht mehr dort. Ich habe sie in meine Obhut genommen und dem Mülleimer anvertraut. Und bevor jetzt irgendein sensibler Öko mit über seine Wangen kullernden Tränen einen Nachruf anstimmt, sei gesagt: Wer sich bereit erklärt, sechs Monate lang mein Dach und das Drumherum vom Taubendreck zu säubern, darf mir im Gegenzug gerne mit seinem Geheule und sonstigen Formen ablehnungswürdiger wimmernder Naturverbundenheit daherkommen. Nach der Entsorgung der Eier legte ich aus Gründen der Trauer und der gärtnerischen Anteilnahme Georg Kreislers bekanntes Lied auf und summe diese Zeile mit: »Der Frühling ist hier, geh’n wir Tauben vergiften im Park!« Und nein, keineswegs verstecke ich mich hinter dem toten Kreisler und missbrauche ihn als Kronzeugen. Mit Kreisler im Kopf verflüchtigen sich die sonst unvermeidlichen Gewissensbisse: »Kann’s geben im Leben ein größ’res Plaisir als das Taubenvergiften im Park?« Meine kleingärtnerische Welt füllt sich wieder mit Ordnung, Maß und Leidenschaft. Das Taubenpärchen sah ein, dass ich hier der uneingeschränkte Chef bin, und verdrückte sich.

Fassen wir zusammen: Der Regen kam, Lothar und die Tauben gingen. »Lebbe geht weider«, sagte der serbische Trainer Dragoslav Stepanović, nachdem er 1992 mit Eintracht Frankfurt denkbar knapp den Deutschen Fußballmeistertitel verpasst hatte. Da ist etwas dran.