Der umstrittene spanische Epidemiologe Fernando Simón Soria

Epidemiologe mit Datenproblem

Spaniens oberster Krisenmanager in der Pandemie, Fernando Simón Soria, ist umstritten, doch inzwischen erfreut er sich wachsender Popularität.
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Anfangs galt Fernando Simón Soria als der große Abwiegler in der Pandemie. Dann, als Spanien das europäische Land mit den meisten Covid-19-Fällen war, fungierte der Sprecher des Sonderausschusses der Regierung zur Bekämpfung der Pandemie wochenlang als Überbringer schlechter Nachrichten; mittlerweile ist sein Gesicht auf zahlreichen Memes in den sozialen Medien zu sehen. Am Samstag sagte Simón auf ­einer Pressekonferenz, die Pandemie im Land sei »weitestgehend ausgestanden«. In der vergangenen Woche seien lediglich 249 neue Fälle mit ­Covid-19-Symptomen erfasst worden.

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Ministerpräsident Pedro Sánchez vom sozialdemokratischen PSOE feierte die 48 Stunden ohne einen offiziellen Todesfall »als Errungenschaft aller Spanier«. Am 15. Juni sollen in Mallorca erste Urlauber aus Deutschland empfangen werden. Immerhin geht es um jene zwölf Prozent des gesamt­spanischen Bruttoinlandsprodukts, das der Tourismussektor beisteuert.

Wie schnell Spanien vom am härtesten von der Pandemie betroffenen EU-Staat zum »sicheren Reiseziel« mutiert, erstaunt Epidemiologen wie Jeffrey Lazarus vom Barcelona Institute for Global Health. »Die Zahlen machen uns verrückt«, sagte er der Financial Times und: »Wir haben ganz sicher ein Datenproblem.«

Ende 1991 geriet Fernando Simóns Konvoi in Burundi während des Bürgerkriegs in einen Hinterhalt, er überlebte mit knapper Not.

Auf dem Höhepunkt der Pandemie Ende März und Anfang April waren in Spanien täglich fast 1 000 Todesfälle zu verzeichnen, insgesamt wurden zu Beginn dieser Woche offiziell mehr als 27 000 Todesfälle und mehr als 240 000 Infektionen bestätigt. Ein Hauptproblem in Spanien sind allerdings die regionalen Befugnisse in ­Sachen Gesundheit und vor allem ­Altenpflege: Das Gros der Opfer erlag in Heimen dem Virus, in der konser­vativ regierten Region Madrid etwa macht dies rund 6 000 von insgesamt 8 700 Todesfällen aus. Viele Infektionen betreffen zudem Mitarbeiter von Krankenhäusern und Gesundheits­zentren. Zudem mangelte es an Tests und nach wie vor, wie in vielen anderen Ländern, an deren Zuverlässigkeit.

Aber von statistischen Diskrepanzen wie der, dass nach offiziellen Angaben aktuell 72 Todesfälle pro Woche vorliegen, während zuletzt lediglich null bis fünf pro Tag vermeldet wurden, lässt sich Fernando Simón nicht aus der Ruhe bringen. Als Ende Mai das Gesundheitsministerium neue Kriterien festlegte, verschwanden wie von Geisterhand 2 000 Todesfälle über Nacht aus der Statistik, was sich Simón unter anderem »mit der Löschung von Doppelmeldungen« erklärte.

Seit Monaten nun liefert Simón tagtäglich in detaillierten, ausufernden Pressekonferenzen live im staatlichen Rundfunk TVE Neuigkeiten zum Pan­demieverlauf. Im Februar hatte er prognostiziert, in Spanien sei im Allgemeinen das Ansteckungsrisiko gering – eine fatale Fehleinschätzung. Ende März erkrankte er selbst an Covid-19, wies aber nur vergleichsweise leichte Symptome auf und erschien nach zwei Wochen Pause wieder im Rampenlicht. Simón kommt seine praktische Felderfahrung zugute. Nach dem Medizin­studium in seiner Herkunftsstadt Saragossa spezialisierte er sich an der London School of Hygiene and Tropical Medicine und am Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten auf die Fach­bereiche Epidemiologie und Öffentliche Gesundheit.

In den neunziger Jahren war er in Afrika tätig, vor allem in Burundi und Mosambik. Ende 1991 geriet sein Konvoi in Burundi während des Bürgerkriegs in einen Hinterhalt, er überlebte mit knapper Not. Bei Ebola-Ausbrüchen war er an Ort und Stelle, in Mosambik sowie später in Ecuador und Guatemala war er mit der Behandlung von Malaria-, Tuberkulose- und Aids-Patienten betraut. Der spanische Künstler Marco Pascual konnte Simón damals eine Woche in Burundi besuchen und sagte der Lokalzeitung Diario del Alto Aragón, dieser habe »jeden Vormittag in seiner Sprechstunde über 120 Patienten untersucht. Am Nachmittag und Abend kümmerte sich der Mediziner um die mehr als 60 stationären Patienten des Feldspitals.«

Simón arbeitet bis zu zwölf Stunden täglich, in Pandemiezeiten eher noch mehr; da ist es nur normal, dass er mit tiefen Augenringen, Dreitagebart und Coronahaarschnitt (ergo: keinem) vor die Kameras tritt. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass er zum nationalen Krisenmanager bei einem Seuchenausbruch wird: 2014, während der Ebola-Epidemie in Spanien hatte er bereits ein ähnliches Amt wie jetzt inne. Bereits seit 2012 leitet Simón das Koordinations-Zentrum für gesundheitliche Notfälle und Alarmwarnungen, das dem Gesundheitsministerium unterstellt ist.

Insbesondere die Opposition, der rechtskonservative Partido Popular (PP) und die rechtsextreme Vox-Partei, wird nicht müde, Simóns Rücktritt zu fordern. Erst wegen Simóns anfäng­licher Unterschätzung der Krankheit, dann wegen des andauernden Streits über die Genehmigung der Demonstration am 8. März, dem Weltfrauenkampftag, in Madrid, die der Rechten zufolge maßgeblich zur Verbreitung des Virus beigetragen habe; laut der Tageszeitung El Pais halten Experten allerdings die Verbreitung des Virus etwa in den Einrichtungen des öffentlichen Personenverkehrs für viel relevanter als die ­Demonstration Anfang März. Die Regierung unter dem Sozialdemokraten Pedro Sánchez (PSOE) hielt an Simón fest.

Trotz alledem erfreut sich Fernando Simóns wachsender Popularität: Ein Friseurgeschäft etwa verpasste ihm virtuell einen Haarschnitt und nutzte das Bild, um die Wiedereröffnung anzukündigen.