Zahlreiche Spieler und Vereine der National Football League haben sich den Protesten in den USA angeschlossen

Knien erlaubt

Nachdem zahlreiche Spieler und Vereine des American Football sich den Demonstrationen unter dem Motto »Black Lives Matter« ­angeschlossen haben, gesteht die National Football League ein, dass die Unterdrückung der symbolischen Spielerproteste in den Vorjahren ein Fehler war

Die Liste der Demonstrationen gegen Polizeigewalt in den USA ist mittlerweile so lang, dass es bei Wikipedia das Format sprengen würde, sie alle auf einer Seite aufzuzählen – deshalb gibt es nun nach Bundesstaaten getrennte Listen. Zu den Prominenten, die sich in Pressekonferenzen, über Twitter oder auf Instagram geäußert haben, gehören viele Sportler. Michael Jordan, ehemaliger Superstar im Basketball und für viele Fans immer noch der beste Spieler aller Zeiten, der sich normalerweise bei politischen Themen bedeckt hält, kündigte Spenden von insgesamt 100 Millionen US-Dollar für Projekte gegen Rassismus an, verteilt über zehn Jahre. Spieler und Trainer des American-Football-Profiteams Denver Broncos nahmen unter dem Motto »If you ain’t with us, you against us« geschlossen an Protesten teil.

Anzeige

Jeffrey Lurie, der Eigentümer der American-Football-Mannschaft Philadelphia Eagles, sagte, die Menschheit kämpfe derzeit zwar gegen die Covid-19-Pandemie. »Hier in unserem Land haben wir aber während unserer gesamten Geschichte gegen eine unerbittliche soziale Pandemie gekämpft. Systemischer Rassismus, Diskriminierung, Gewalt und Unter­drückung von Minderheiten – das war unsere Vergangenheit und das ist unsere Gegenwart. Es ist, wer wir sind. Wir müssen ehrlich zu uns selbst sein und das eingestehen«, so Lurie. Sogar ESPN, der Sportsender, dessen Präsident Jimmy Pitaro noch im vergangenen Jahr bekräftigte, dass politische Themen auf dem Kanal nichts verloren hätten, weil dieser Sport­berichterstattung für alle mache, stellte sich im gesamten Programm gegen Rassismus und Polizeigewalt.

US-Präsident Donald Trump dagegen forderte ein hartes Durchgreifen gegen die Protestierenden – während alle noch lebenden früheren Präsidenten sich dezidiert gegen Rassismus aussprachen und Trump für sein Vorgehen mehr oder minder deutlich kritisierten. Trumps Gefolgschaft dagegen hat für die Demonstrationen kein Verständnis. Unter einem Tweet der Denver Broncos über die Proteste kommentierten Hunderte User beleidigt, sie wollten in Zukunft lieber keine Spiele der NFL mehr sehen, wenn dort solch »kommunistisches Verhalten« gefördert werde.

»Systemischer Rassismus, Diskriminierung, Gewalt und Unterdrückung von Minderheiten – das war unsere Vergangenheit und das ist unsere Gegenwart.« Jeffrey Lurie, Eigentümer der Philadelphia Eagles

Die NFL und deren Verwaltung hielten sich dabei lange bedeckt. Erst als am zehnten Tag nach dem Tod George Floyds ein Video von mehreren bekannten Spielern in allen größeren sozialen Medien gepostet wurde, änderte sich das. Davante Adams, Jamal Adams, Saquon Barkley, Anthony Barr, Odell Beckham Jr., Ezekiel Elliott, Stephon Gilmore, DeAndre Hopkins, Eric Kendricks, Jarvis Landry, Marshon Lattimore, Tyrann Mathieu, Patrick Peterson, Sterling Shepard, Michael Thomas, Deshaun Watson und Chase Young – allesamt Superstars – und mit dem Quarterback der Kansas City Chiefs, Patrick Mahomes, auch der most valuable player (wertvollste Spieler) des letztjährigen Superbowl –, waren in dem Video zu sehen. Sie forderten die Liga auf, endlich klar Stellung gegen den allgegenwärtigen Rassismus zu nehmen. »Was muss geschehen?« fragte Hopkins in dem Video. Landry sagte: »Muss erst einer von uns durch Polizeibrutalität ermordet werden?« Im Chor diktierten die Spieler der NFL das erwünschte Statement: »Wir, die National Football League, verurteilen Rassismus und die systematische Unterdrückung schwarzer Menschen. Wir, die National Football League, geben zu, dass es falsch war, friedliche Proteste unserer Spieler stummzuschalten. Wir, die National Football League, glauben, dass schwarze Leben zählen.« Das Video hatte der Wide Receiver des NFL-Teams New Orleans Saints, Michael Thomas, ­organisiert, nachdem er sich mit dem bei der NFL beschäftigten Video-Editor Bryndon Minter unterhalten hatte, der das Video dann professionell schnitt und produzierte.

Die Spieler bezogen sich auf den Fall Colin Kaepernick (Jungle World 38/2016, 34/2018, 43/2018). Der damalige Quarterback der San Francisco 49ers hatte sich 2016 entschlossen, gegen Polizeigewalt und Rassismus zu protestieren, indem er während der Nationalhymne vor den Spielen zunächst einfach nur sitzen blieb oder sich, wenn er als Spieler auf dem Feld stand, hinkniete. Seinem Beispiel folgten so viele Spieler, dass Trump damals die Teameigentümer aufforderte, jeden Spieler sofort zu entlassen, der während der Nationalhymne nicht ordentlich stehe,»mit militärischen Gruß oder der Hand auf dem Herzen«. US-Vizepräsident Mike Pence verließ sogar das Stadion der Indianapolis Colts, weil Spieler bei der Nationalhymne gekniet hatten.

Die NFL entließ die protestierenden Spieler damals zwar nicht, aber sie verbot es, sich während der Hymne hinzuknien. Und der damals 29jäh­rige Kaepernick, der seinen Vertrag nach der Saison mit den 49ers gekündigt hatte – da er in den Planungen des Vereins wohl nur noch in der Reserve einen Platz gehabt hätte –, fand kein Team mehr, das ihn verpflichten wollte. Er führte Gespräche mit einigen Vereinen, bekam aber nie die Gelegenheit zu einem Probetraining. Ob das an seinen Protesten lag oder auch andere, eher sportliche Gründe eine Rolle spielten, ist nach wie vor Spekulationen vor­behalten. Zwar ging Kaepernick mehr oder minder erfolgreich gegen die Liga vor Gericht, weil er annahm, auf eine Schwarze Liste gesetzt worden zu sein. Das Verfahren endete 2019 mit einem Vergleich, der eine Schweigevereinbarung beinhaltete. Allerdings verloren viele andere Spieler, die sich ebenfalls an den Protesten beteiligt hatten und ebenfalls als Sprecher der Bewegung aufgetreten waren, weder ihre Stellen noch hatten sie Schwierigkeiten, bei anderen Teams unterzukommen. Aber das waren eben auch keine Quarterbacks. Diese gelten automatisch als das ­Gesicht des Teams, deswegen werden an sie vermutlich andere Maßstäbe angelegt.

Umso bedeutender ist die Beteiligung von Patrick Mahomes an dem Video der Spielerprominenz. Während sich andere Quarterbacks mit deutlichen Statements zurückhielten – Dak Prescott von den Dallas Cow­boys spendete als Beitrag zum Protest eine Million US-Dollar, um die Bildung und Ausbildung von Polizisten zu verbessern –, engagierte sich der Quarterback der Chiefs ohne Rücksicht auf mögliche persönliche Nachteile.

Der Appell der Spieler hatte Erfolg. Roger Goodell, der Commissioner der NFL, war mit politischen Äußerungen bislang immer sehr vorsichtig, insbesondere wenn er sich vorher nicht mit dem Gremium der 32 Teameigner der NFL abgestimmt hatte. Nun ließ er ein eigenes Video veröffentlichen – aufgenommen in seinem Keller. Goodell entschul­digte sich zunächst bei den Spielern und gab zu, dass es falsch gewesen sei, 2016 nicht auf ihre Proteste zu hören. Dann wiederholte er die von den Spielern in ihrem Video diktierten Sätze und fügte hinzu, dass er persönlich mit den Spielern protestieren und Teil der dringend notwendigen Veränderungen im Land sein wolle. »Ohne schwarze Spieler gäbe es keine NFL«, so Goodell.

Aus der NFL hieß es lediglich, man habe das Thema vorher in einer internen Videokonferenz besprochen. Die Teameigner seien nur kurz vorab darüber informiert worden, dass in wenigen Minuten Goodells Video veröffentlicht werde. Der Druck, schnell zu handeln, muss sehr hoch gewesen sein. Die Vereine stimmten anschließend über ihre eigenen Kanäle dem Statement Goodells öffentlich zu. Es bleibt abzuwarten, welche Folgen dieses Eingeständnis für den Sport und die beteiligten Personen haben wird.