In Bayern wird über den Verzicht auf das bekannt sexistische »Donaulied« diskutiert

Ein Prosit der Übergriffigkeit

Im sogenannten Donaulied wird die Vergewaltigung einer Schlafenden besungen. Eine Petition fordert den Verzicht auf das beliebte Bierzeltlied. Auch seine Verteidiger haben mittlerweile eine Petition begonnen.

Das Ganze wirkt durchaus kurios. Da üben Passauer Studentinnen und Studenten Kritik an einem Lied, in dem die Vergewaltigung einer Schlafenden glorifiziert wird, und lösen damit eine Debatte über die bayerische Sangeskultur aus. Sogar Petitionen laufen mittlerweile gegen das sogenannte Donaulied. Dabei ist eine größere Diskussion längst überfällig, denn es geht um ein generelles Problem: Sexismus in Bierzelten.

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»Wenn man dieses Lied nicht mehr singen darf, gehen ja 80 Prozent der Volksfestlieder nicht mehr. Wo fangen wir an und hören auf?« Mit diesen Worten zitierte der Bayerische Rundfunk den Musiker Fabian Fenzl. Dieser kämpft für den Erhalt des Donauliedes, eines wichtigen Kulturguts – zumindest sieht mancher in Bayern es so.

Dass die besungene Vergewaltigung einer schlafenden Frau als harmlos beschrieben oder von manchen einfach nicht als solche erkannt werden will, ist unverständlich. Schließlich heißt es in dem Lied: »Ein schlafendes Mädchen am Ufer ich fand / Sie hatte die Beine weit von sich gestreckt / Ihr schneeweißer Busen war halb nur bedeckt / Ich machte mich über die Schlafende her.« Dass die Zeilen von einem schallenden »Ohohoholalala« unterbrochen werden, macht sie nicht harmloser. Dass es von Strophen wie »Mein Mädchen, mein Mädchen, was regst du dich auf / Für mich war es schön und für dich sicher auch« und »Hier hast du ’nen Heller und geh’ halt nach Haus / Und wasch dir den Schnickschnack mit Kernseife raus« noch weitaus hässlichere Varianten gibt, ebenfalls nicht. Dass dieser Text erst im Jahr 2020 Gegenstand einer größeren Diskussion wird, zeigt wieder einmal, dass Frauenverachtung gesellschaftlich immer noch akzeptabel sein kann.

Seinen Ursprung soll das Lied in einer 200 Jahre alten und etwas subtileren Version haben. Doch schon damals handelte das Stück eindeutig von einem sexuellen Übergriff. Die insbesondere in Bierzelten – und auch bei manchen Schulausflügen – oft gegrölte und zurzeit kritisierte Version entstand erst nach 1945.

Dennoch sprechen die Verteidiger des Donaulieds von einem »Kulturgut mit Tradition«. Bereits kurz nach dem Beginn der Unterschriftensammlung für die Passauer Petition, die mittlerweile über 31 000 Menschen unterzeichnet haben, meldeten sich Wirte, Politiker und Musiker wie Fenzl zu Wort. Von einer unnötigen Debatte ist die Rede. Dabei dürfte es den Befürwortern des Liedes gar nicht so sehr um das Stück an sich gehen. Vielmehr lautet die Botschaft: Nehmt uns nicht unsere Traditionen und Bräuche weg!

Zu diesem Brauchtum gehört der »Bierzeltsexismus«. Das Donaulied ist lediglich ein besonders herausstechendes Beispiel für ihn, worauf auch auch die Urheberinnen und Urheber der Petition »Bierzeltsexismus – Aktion gegen das Donaulied« hinweisen, die fordern, dass das Lied nicht mehr in Bierzelten und Kneipen in Passau gespielt wird. So singe der bekannte Schlagersänger Micky Krause in seiner entschärften Version zwar nicht von einer Vergewaltigung. »Aber auch er bedient sexistische Rollenbilder und Begriffe«, sagt eine Studentin von der Passauer »Aktion gegen Bierzeltsexismus« der Jungle World.

Das Donaulied ist kein Einzelfall. Der gesellschaftlich akzeptierte und teils glorifizierte Sexismus auf den sogenannten Volksfesten wie dem Münchner Oktoberfest wird in zahlreichen Liedern zum Ausdruck gebracht, wie unter anderem Fenzl mit seiner Klage über den drohenden Verlust von »80 Prozent der Volksfestlieder« selbst bestätigt. Übergriffiges und sexistisches Verhalten in Ton und Tat gehört zu den Gepflogenheiten in vielen Bierzelten. Und das will man sich an der Donau nicht nehmen lassen, weshalb Fenzl mit vier weiteren Mitstreitern die Petition »Rettet das Donaulied« begonnen hat. Mittlerweile haben 5 000 Personen unterzeichnet.

Während auch in Straubing und Regensburg mittlerweile nach dem Passauer Vorbild Petitionen gegen den Sexismus in Bierzelten und das Donaulied laufen, spazierten in den vergangenen Tagen junge Männer in Passau das Stück grölend an der Donau entlang. »Als wenn dann jemand tatsächlich am nächsten Tag zum Sexualstraftäter werden würde«, lautete die Rechtfertigung unter anderem in den sozialen Medien. Ein Prosit auf die bayerische Kultur!