Die Zahl der Attacken auf homo- und transsexuelle Menschen in Berlin ist hoch

Mehrfach diskriminiert

Ein lesbenfeindlicher Übergriff in Berlin zeigt: Auch in einer als tolerant geltenden Stadt leben sexuelle Minderheiten gefährlich. Homosexuelle Frauen erhalten dabei zu wenig Aufmerksamkeit.

Ina Rosenthal ahnte nichts Böses, als sie am Christopher Street Day, dem 27. Juni, auf der belebten Neuköllner Schillerpromenade Material für einen Imagefilm zum Thema »queere Räume in der Coronakrise« drehen wollte. Doch weit kam die Leiterin des im Schillerkiez ansässigen Vereins »Rad und Tat – Offene Initiative Lesbischer Frauen« (RuT) nicht: Kaum hatten ihr Kameramann und sie mit dem Drehen begonnen, stellten sich ihnen drei junge Männer in den Weg. Sie beschimpften und bedrohten sie. »Scheiß Lesbe, ich hau’ dich kaputt!« und »Scheiß Lesbenräume!« waren dabei noch die weniger deftigen Verbalat­tacken. Rosenthal und ihrem Kameramann wurde Gewalt angedroht. Was beide besonders betroffen machte: Die vielen vorbeikommenden Schillerkiez-Hipster dachten nicht daran, sich einzumischen. Sie gingen einfach weiter. Da die wüsten Beschimpfungen nicht nachließen, riefen Rosenthal und der Kameramann die Polizei. Erst nachdem sechs Polizisten zur Unterstützung an­gerückt waren, konnten sie ihre Arbeit fortsetzen.

Die Dunkelziffer bei den Übergriffen ist hoch, da längst nicht alle Taten zur Anzeige gebracht werden.

Berlin steht weltweit in dem Ruf, eine besonders tolerante Stadt zu sein. Doch Statistiken zeigen: Die Zahl der Attacken auf homo- oder transsexuelle Menschen ist hoch, und die Angriffe beschränken sich keineswegs auf als spießig geltende Bezirke wie Lichtenberg oder Marzahn-Hellersdorf. 2019 war der Bezirk Mitte Spitzenreiter, ­gefolgt von Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln. Nach Angaben der ­Berliner Staatsanwaltschaft ist die Zahl der Verfahren wegen Übergriffen auf Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle respektive Transgender und ­Intersexuelle (LGBTI) seit fünf Jahren kontinuierlich gestiegen. Gab es 2015 noch 97 Verfahren, waren es 2019 schon bis Oktober 261.

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Die Dunkelziffer ist hoch, da längst nicht alle Taten zur Anzeige gebracht werden; möglicherweise steigen die Zahlen auch, weil anteilig mehr Vorfälle angezeigt werden. Es sei denkbar, dass »mehr Fälle aus dem sehr hoch einzuschätzenden Dunkelfeld ins Hellfeld« kommen, heißt es von Maneo. Dieses schwule Antigewaltprojekt erfasste deutlich mehr Fälle als Polizei und Staatsanwaltschaft. Ihre Fallzahl stieg von 2018 auf 2019 um 32 Prozent auf 559. Bei 176 Fällen handelte es sich um Beleidigungen, bei 153 um Körperverletzungen. Maneo zufolge richteten sich 395 Angriffe gegen Schwule und männliche Bisexuelle, 83 gegen Transmenschen und 47 gegen lesbische oder bisexuelle Frauen.

Im Allgemeinen wird homophobe Gewalt eher als Gewalt gegen Männer verstanden. Doch sind auch viele Lesben Anfeindungen und Gewalt ausgesetzt und leiden zum Teil unter Mehrfachdiskriminierungen. Die Unterschiede, die gesellschaftlich zwischen heterosexuellen Männern und Frauen gemacht werden, gelten bisweilen auch für Schwule und Lesben. Fast überall nehmen die Menschen Schwule eher als gesellschaftliche Gruppe wahr. ­Dabei leben in Deutschland vermutlich mehr nichtheterosexuelle Frauen als Männer. Wie eine Vergleichsstudie des Berliner Marktforschungsinstituts Dalia in neun europäischen Ländern 2016 ergab, bezeichneten sich in sieben der neun Länder deutlich mehr Frauen als homo-, bi- oder transsexuell als Männer. In Deutschland fühlen sich der Studie zufolge 8,4 Prozent der Frauen und 6,4 Prozent der Männer der Kategorie LGBTI zugehörig.

Eine Ursache der geringeren Wahrnehmung sei das »schlechte Image« lesbischer Frauen, sagt Ina Rosenthal im Gespräch mit der Jungle World. Sie gälten oft als »verbissen«, »griesgrämig«, »spaßbefreit« und »humorlos«. Daran hätten ein paar schöne Vor­zeigegesichter in den Medien nicht viel geändert. Dabei »haben wir auch eine ganze Menge Spaß«, so Rosenthal. Schwule Männer hingegen umwehe eher eine Aura von Glamour, Glanz und Style, weswegen heterosexuelle Frauen eher auf schwule Partys gingen als auf lesbische. Allgemein sei die Solidarität anderer Frauen zur lesbischen Minderheit wenig ausgeprägt. Dabei habe die lesbische Community »seit den siebziger Jahren immer unegoistisch und Seite an Seite« mit an­deren für Frauenrechte gekämpft, betont Rosenthal. Lesbische Frauen seien gegen das Abtreibungsverbot, antiquierte Scheidungsgesetze und gegen Gewalt in der Ehe auf die Straße gegangen. Doch heterosexuelle Frauen machten sich lesbische Themen fast nie zu eigen. Und heterosexuelle Männer sowieso nicht.

Rosenthal kritisiert jedoch auch manche lesbische Frauen: Viele Promi­nente, die sich als schwul geoutet haben, hätten ihre Community mit großzü­gigen Spenden oder Schirmherrschaften unterstützt. Auch hier funktionierten männliche Seilschaften. Doch lesbische Stars, die es in den Medien ebenfalls gebe, antworteten meist nicht einmal auf Anfragen, wenn es zum Beispiel um Unterstützung von NGOs gehe, so Rosenthal. Offenbar bedeutet die Anbindung an die Community für sie keinen Prestigegewinn. Von der Öffentlichkeit möchten sie zudem nicht gern als »politische Lesben« wahrgenommen werden.

Sabine Hark, Professorin am Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der TU Berlin, schrieb in ihrem 2018 erschienenen Essay »Vom prekären Status lesbischer Identitäten im Feld der Erinnerungs­politiken«: »Dieses Leben zu thematisieren, nach lesbischer Erfahrung zu fragen, ähnlich selbstbewusst wie Schwule zu reklamieren, ›Teil der ganzen Geschichte, aber auch etwas Eigenes, nämlich lesbisch zu sein‹, ist (…) immer wieder begleitet von Politiken der Beschämung, von Gesten der Verharmlosung, der Delegitimierung und des Lächerlichmachens, des Verwiesenwerdens in Zonen der Belang­losigkeit, des Irrealen und Unechten.«

Viele lesbische Frauen können von diesem Kleinreden, diesem diffamierenden Gestus berichten, mit dem sie etwa gefragt werden, warum sie denn unbedingt ihre Partnerin im öffentlichen Raum küssen oder die Regenbogenflagge hissen müssten, als legitimierten diese Handlungen Übergriffe. Die Erwartung, nicht aufzufallen, nicht zu »provozieren«, wird nach wie vor be­sonders an Frauen gerichtet. Sie gelten schnell als »selbst schuld« – auch im 21. Jahrhundert, in einer Stadt wie Berlin.