Antisemitismus in der Pandemie

Alter Wahn, neues Gewand

Seite 2 – Ein gefundenes Fressen
Hintergrund Von

Keines der derzeit verwendeten Versatzstücke antisemitischer Demagogie ist neu. Eugen Dühring beispielsweise bezeichnete in seiner 1881 veröffentlichten antisemitischen Schrift »Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage« die »Judenpresse« als »Impfmaschine«, um die öffentliche Meinung zu beherrschen. Schutzimpfungen galten ihm als Aberglaube und der »Impfzwang« als Mittel, um dem angeblich in großer Zahl von Juden ausgeübten Arztgewerbe eine »unfreiwillige Kundschaft« zuzuführen. Balandat sagt, »dass man jetzt einen neuen Aufhänger hat«: Wenn biologistisch konnotierte Stichwörter aus dem Vokabular des Judenhasses in der Beschreibung des ­Virus widerhallten, sei das für Antisemiten »ein gefundenes Fressen«.

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Letztlich münden alle Phantasien von einer hinter den Kulissen agierenden Elite, die mittels geheimer Absprachen den ganzen Globus regiert, in ein antisemitisches Welterklärungsmodell. »Antisemitismus und Verschwörungsglauben hängen, auch statistisch betrachtet, korrelativ zusammen«, sagt die Sozialpsychologin Pia Lamberty von der Universität Mainz. »Das hat sich auch in diversen Studien im Zusammenhang mit Covid-19 gezeigt.«

Krude Wahngebilde, die vor Beginn der Pandemie noch auf Nischen des Internets verwiesen waren, werden dank Multiplikatoren wie Attila Hildmann weit verbreitet. Pia Lamberty, sozialpsychologin, nennt das Beispiel der Verschwörungserzählung »Qanon«: Vor der Pandemie habe sie in Deutschland kaum eine Rolle gespielt, jetzt sei das anders. »Über die Videos von Xavier Naidoo und Oliver Janich kam das hierzulande auf einmal viel stärker an«, sagt die Forscherin.

Wie eine ausgesprochene Antielitenhaltung in Antisemitismus übergeht, lässt sich derzeit anhand des Kochbuchautors Attila Hildmann studieren. Dieser trat bei diversen Demonstrationen gegen die Maßnahmen zur Pande­mieeindämmung als Redner auf und ist auch in den sozialen Medien sehr aktiv. »Ab einem bestimmten Zeitpunkt waren Jüdinnen und Juden ein großer Bestandteil seines Telegram-Kanals«, sagt Lamberty. So schrieb Hildmann dort am 18. Juni: »Als Hitler sagte: ›Es ist eine kleine wurzellose internationale Clique, die die Völker gegeneinander hetzt, die nicht will, dass sie zur Ruhe kommen‹, meinte er eigentlich die Zionisten und nicht alle Juden! Aber so genau war damals die Unterscheidung nicht!« Am selben Tag lieferte er seiner Leserschaft ein fingiertes Zitat des philosemitisch motivierten japanisch-österreichischen Politikers und Schriftstellers Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi.

Der Verweis auf einen »Kalergi-Plan« wird oft verwendet, um die Verschwörungserzählung vom »Großen Austausch« zu untermauern. Der behauptete Plan geht auf eine 1925 veröffentlichte Schrift Coudenhove-Kalergis mit dem Titel »Praktischer Idealismus« zurück. Auf Hildmanns Telegram-Kanal hieß es: »›Russisch/jü­dische-Bolsche­wisten werden entscheidend dazu beitragen, damit eine ­kleine Gruppe an kommunistisch-spi­ri­tuellen Aristokraten regiert … sie werden rekrutiert von der europäisch-spirituellen Anführer-Rasse, den Juden!‹« Doch was er und andere in unterschiedlichen Variationen präsentieren, hat Coudenhove-Kalergi so nie geschrieben.

Krude Wahngebilde, die vor Beginn der Pandemie noch auf Nischen des Internets verwiesen waren, werden dank Multiplikatoren wie Hildmann weit verbreitet. Lamberty nennt das Beispiel der Verschwörungserzählung »Qanon« über einen angeblich geplanten Putsch in den USA. Vor der Pandemie habe sie in Deutschland kaum eine Rolle gespielt, jetzt sei das anders. »Über die Videos von Xavier Naidoo und Oliver Janich kam das hierzulande auf einmal viel stärker an«, sagt die Forscherin.

Eine vergleichbare Rolle übernimmt in Großbritannien der ehemalige Profifußballer und BBC-Sportreporter ­David Icke. Seit Jahrzehnten wirbt er für seine antisemitischen Verschwörungsmythen. Nun nutzt auch er die Pandemie, um seine Thesen zu verbreiten, wie die Londoner Nichtregierungsorganisation Center for Countering Digi­tal Hate in einer im Mai veröffentlichten Studie zeigt. Mehr als 30 Millionen Menschen hätten sich Ickes Phantasien über Covid-19 online angesehen. Darin raunt er unter anderem von einem »globalen Kult«, bei dem »die Rothschilds« eine tragende Rolle spielten. Gezielt nutzt er die Verunsicherung der Menschen, um seine antisemitischen Thesen zu verbreiten. Wie die Wissenschaftler Daniel Allington und Tanvi Joshi in der aktuellen Ausgabe des Journal of Contemporary Antisemitism zeigen, spielen Icke zu allem Überfluss die von Youtube genutzten Algorithmen in die Hände, die Vorschläge für weitere Videos auswählen und das Ranking von Kommentaren bestimmen.

So ist der Antisemitismus im Internet ein unüberschaubares Problem, das mit der Pandemie noch einmal größer geworden ist. »Es gibt zur Zeit weniger antisemitische Vorfälle, die mit physischer Gewalt verbunden sind, weil auch die Antisemiten zu Hause sitzen«, sagt Dina Porat, die Leiterin des Kantor Center an der Universität Tel Aviv und leitende Historikerin der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Über die sozialen Medien würden jedoch Abertausende Texte und Karikaturen verbreitet. »Wenn solche Karikaturen und Texte einmal im Internet sind, dann lassen sie sich sehr leicht weiterverbreiten. Wir können das nicht mehr alles beobachten.« Auch RIAS Bayern steht vor diesem Problem: »Es ist uns schlicht nicht möglich, jede antisemitische Äußerung im Internet zu registrieren«, sagt Balandat. Entsprechende Vorfälle zähle man daher nur, wenn jemand direkt adressiert werde.

Günther Jikeli von der Universität Indiana in Bloomington versucht mit seiner Forschungsgruppe, die Vielzahl antisemitischer Inhalte in den sozialen Medien systematisch zu analysieren. »Wir arbeiten jetzt auch speziell an einem Projekt zu Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit der Covid-19-­Pandemie«, sagt er. Immerhin zehn Prozent aller Twitter-Daten werden ausgewertet, davon weisen bis zu zwei Millionen Tweets täglich Stichwörter wie »Corona« und »Covid« auf.

»Zwei Millionen Tweets kann sich natürlich niemand ansehen«, so Jikeli. Deshalb analysiere man repräsentative Samples von 500 Tweets. Nur ein Bruchteil dieser Twitter-Nachrichten ist antisemitisch; Tweets, die Nutzer oder das Unternehmen aufgrund ihres problematischen Inhalts gelöscht haben, bleiben ebenfalls unberücksichtigt. In einem repräsentativen Sample von 468 Tweets aus den Monaten Januar bis April 2020, die das Wort »Jews« (Juden) enthielten, fanden sich 39 Nachrichten mit eindeutig antisemitischem Inhalt; das entspricht einem Anteil von 8,3 Prozent. Ein Vergleichssample aus dem Vorjahr ergab einen Anteil von 3,5 Prozent.
Jikeli hofft, im Herbst erste Ergebnisse publizieren zu können. Studien, wie er sie organisiert, sind nicht nur zeitaufwendig, sondern meist auch nur sehr unzureichend finanziert. »Wir erhoffen uns Hinweise darauf, was Menschen anfällig macht für Verschwörungstheorien«, so der Wissenschaftler, der die qualitativen Befunde des Kantor Centers bestätigt: Die Pandemie werde genutzt, um oft erschreckend brutale Propaganda zu verbreiten.

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