Der letzte linke Kleingärtner: Maggikraut und Kartoffeln im Kleingarten

Regen und Raketen

Kolumne Von

Ob ich der glücklichste Mensch auf Erden bin, sei dahingestellt. Aber wenn sich die Schleusen des Himmels wieder zur richtigen Zeit öffnen und meinem Garten die richtige Dosis Wasser schenken, fühle ich mich auf der Sonnenseite des Lebens. Dabei fällt in weiten Teilen Deutschlands seit Jahren zu wenig Regen, was einen Zustand verursacht, den man nur als Trockenheit beschreiben kann. Die unschönen Verteilungskämpfe zwischen Landwirtschaft, Trinkwasserwerken, Industrie und Binnenschifffahrt um Wasser, wie man sie aus anderen Regionen kennt, sind auch hierzulande absehbar. Wenn ich dann als Mediator gebraucht werden sollte, wäre ich zur Stelle. Gegen Honorar natürlich. Offensichtlich ziehe ich mit meinem Kleingärtnercharme Regen an. So muss es sein.

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Im Garten läuft dagegen alles mit planmäßiger Wucht. Mangold, Rote Beete, Stangenbohnen, Kürbisse, Zucchini, Salate und dergleichen mehr wachsen regelrecht um die Wette. Und die Kartoffeln, die dieses Jahr ihren Frieden mit Deutschland geschlossen haben und wunderbar im Kraut stehen. Es wurde auch Zeit. Die vergangenen Jahre waren nur mäßige Kartoffeljahre. Umso prachtvoller werden sie dieses Jahr. Schön, dass sich die Kartoffeln und das Kartoffelland wieder vertragen – ich habe sie miteinander ausgesöhnt. Gartenarbeit hat schließlich eine nationale, ach was globale, Bedeutung. Und ich lenke alles. Nur mit den Erbsen war es dieses Jahr eher nichts. Nicht ganz gar nichts, aber sehr wenig.

Richtig gelesen, Maggikraut, also Liebstöckel, taucht in der Aufzählung nicht auf – weder in dieser noch in einer jemals von mir geschriebenen Kolumne. Ich mag es nicht. Und bevor der verbreitete Fehlschluss entsteht, wonach daraus die bekannte Würzsauce der Marke »Maggi« hergestellt wird, muss ich die Dinge richtigstellen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, und wenn, dann umgekehrt.

Die dunkle Würzsauce mit dem stechenden Geruch, der mir als feinfühligem Menschen zuwider ist, ist ein künstliches Produkt und stand Pate bei der Namensgebung des Maggikrauts. Sie wurde im vorletzten Jahrhundert im Kontext der Industriellen Revolution erfunden, um der Arbeiterschaft ein schnelles, sicheres und standardisiertes Würzen von kalorienreicher Nahrung ermöglichen. Dabei wurde damals viel kommunikatives Tamtam um die Würzsauce gemacht.

Die Firma von Julius Maggi nahm sogar den Schriftsteller Frank Wedekind unter Vertrag und ließ ihn dichten: »Das wissen selbst die Kinderlein: Mit Würze wird die Suppe fein. Darum holt das Gretchen munter, die Maggi-Flasche runter.« Und fast schon antimilitaristisch wurde es, wenn Wedekind frech agitierte: »Vater, mein Vater! Ich werde nicht Soldat, weil man bei der Infanterie nicht Maggi-Suppe hat.« Wenn dies dem deutschen Militarismus etwas menschliches Material entzog, soll es mir recht sein. Viele Jahrzehnte später erfanden findige Kommunikationslabertaschen diese Arbeitsweise wieder neu und verpassten ihr den Namen »Storytelling«. Das hört sich richtig strategisch an.

Bleiben wir ein Weilchen bei der ebenso strategischen Menschheitsaufgabe der Nachhaltigkeit. Ich habe schon mal angefangen. An Silvester verballere ich zur Freude oder zum Unmut meiner Mitmenschen allerhand Knallwerk und Raketen. Die Raketen sind, sofern sie nicht in neumodischen Batterien stecken – einmal gezündet und flugs ballern sich 99 Raketen ohne Luftballons ins Weltall –, an Holzstäben befestigt. Diese fallen nach Benutzung zur Erde und bleiben dort normalerweise achtlos liegen.

An der Stelle komme ich mit meiner Lebensaufgabe Nachhaltigkeit ins Spiel. Ich sammle die Holzstäbe ein und deponiere sie erst mal an einem sicheren Ort. Geht dann ein paar Monate später das Säen und Pflanzen in die erste Runde, kann ich die Stäbe zum Markieren der Reihen benutzen. Sie sind spitz und lassen sich gut in die zum Teil noch etwas feste Erde hineinstechen, ohne abzubrechen. Das ist eine sehr nachhaltige und ökologisch sinnvolle Zweitverwertung, mit der ich einen großen Beitrag zum Ressourcenschutz leiste.

Irgendwie juckt es mich schon, dafür gleich mal ein Ökoprojekt mit einer der üblichen Öko-NGOs auf die Beine zu stellen. Da könnte ich locker die ganzen Schlüsselwörter aus der Schatulle der Nachhaltigkeit gleich mehrfach herauspurzeln lassen und mich ein ums andere Mal als großer Stratege präsentieren. Und so jemandem verzeiht man natürlich, dass er vorher noch ordentlich abkassiert.

So lasse ich es Jahr für Jahr zweimal krachen: Pünktlich an Silvester einfach nur zum Spaß und beim späteren Wachstum der Pflanzen. Womit mal wieder bewiesen wäre, dass selbst Dinge, die weit voneinander entfernt scheinen, doch einen inneren Zusammenhang haben, der sich auf den ersten Blick nicht erschließt. Aber dafür gibt es ja diese Kolumne. Dann wäre das jetzt auch geklärt. Und schon wieder ergibt sich ein vorzügliches – ökologisch abgesichertes – Argument für Silvesterraketen. Wer suchet, der findet.