Die Sport-Dokuserie »Heimspiel« bei Netflix

Sportkultur des Spektakels

Die Netflix-Dokuserie »Heimspiel« präsentiert regionale Traditions- und Extremsportarten.

Regionale Sportarten wirken auf den ersten Blick sympathisch, da sie von einigen der unschönen Nebenaspekte international verbreiteter Disziplinen des Leistungssports frei sind. Ein Sport, der nur in einem Land oder einer Region verbreitet ist, lädt nun einmal nicht zum Schwenken von Nationalflaggen und dem begleitenden chauvinistischen Getöse ein, da der Gegner aus dem Ausland fehlt, den es zu schlagen oder wenigstens niederzubrüllen gilt. Außerdem ist der Markt überschaubar, so dass auch das Streben nach Gewinnmaximierung meist recht bescheiden ausfällt.

Anzeige

Andererseits kann der eigentüm­liche Traditionssport eines Landes oder einer Region ebenfalls für die nationale Identitätsstiftung oder zumindest einen ähnlich unerfreulichen Lokalpatriotismus herangezogen werden. Oder die Veranstaltungen und Spielstätten werden sogleich von der örtlichen Tourismusindustrie als Sehenswürdigkeiten vermarktet. ­Außerdem handelt es sich bei derlei Sportarten des Öfteren nicht nur um regionale Traditionen, sondern mitunter geradezu um archaische Praktiken.

Die kurzweilige Netflix-Dokuserie »Heimspiel« (Originaltitel: »Home Game«) beschäftigt sich in ihrer ersten Staffel mit acht solcher Sport­arten weltweit und legt den Schwerpunkt dabei auf besonders gefähr­liche und skurrile regionale Sportwettbewerbe. In jeder Episode begleitet die Dokumentation einige der Athletinnen und Athleten in den ­Tagen vor einem wichtigen Spiel oder Wettkampf, der dann den dramaturgischen Höhepunkt bildet.

Die erste Episode behandelt den ausschließlich in Florenz gespielten, brutalen Calcio storico – auf Deutsch etwa: historischer Fußball –, der wie eine Mischung aus Rugby und Fußball auf Sandboden anmutet, aber in Kombination mit handschuhlosem Boxen, Ringen und Kickboxen. Ziel ist es, den Ball in das erhöhte Tornetz auf der Grundlinie des gegnerischen Teams zu werfen oder zu schießen. Scheitert der Versuch und der Ball geht am Tor vorbei, erhält der Gegner einen halben Punkt. Auf beiden Seiten stehen jeweils 27 wie Gladiatoren aussehende Männer, und die meisten von ihnen sind damit beschäftigt, jeweils einen Spieler des anderen Teams zu Boden zu kämpfen, um den Weg nach vorn für den Ballträger und andere Mitspieler zu erleichtern oder, auf Abwehrseite, die Angreifer abzublocken und den Ball zurückzuerobern. Das Verletzungsrisiko ist dermaßen hoch, dass pro Jahr nur drei Spiele stattfinden – zwei Halb­finale und das Endspiel.

Florenz ist nicht nur einziger Austragungsort dieses Sports, man muss auch dort geboren sein, um ihn auszuüben. Der Geburtsort entscheidet auch darüber, für welches Team man spielt beziehungsweise kämpft. Die vier traditionellen Stadtviertel entsprechen den vier Mannschaften, die jedes Jahr gegeneinander antreten. Ein außerhalb von Florenz lebender Spieler gibt in »Heimspiel« zu Protokoll, dass sein Sohn extra in einem Krankenhaus in seinem früheren Stadtteil zur Welt gekommen sei, damit dieser später auch Calcio storico spielen könne, wenn er denn wolle.
Ein antiquiertes Bild von heroischer Männlichkeit, basierend auf Kraft, Kampfgeist und Risikobereitschaft, findet sich bei mehreren der vorgestellten Sportarten. Eine der ungewöhnlichsten ist Kok-boru, das in Kirgistan als Nationalsport gilt. Ähnlich dem Polo wird es als Mannschaftssportart zu Pferd ausgetragen – nur dass es sich bei dem Spielgerät, das in einen Betonring von vier Metern Durchmesser am Ende des gegnerischen Felds geworfen werden muss, um eine tote Ziege ohne Kopf handelt. Nach kirgisischen Regeln treten vier Reiter pro Team an; bei dem Versuch, den 30 bis 35 Kilogramm schweren Ziegenkadaver an sich zu nehmen oder zu verteidigen, gibt es kaum Verbote, so dass auch die Reitpeitsche gegen die Gegner zur Anwendung kommt.

Der Erzähler der Serie, der britische Schauspieler Mark Strong, liegt aber nicht ganz richtig mit der Behauptung, das Spiel gebe es nur in Kirgistan, denn es wird auch in ­einigen anderen zentralasiatischen Staaten betrieben. Vor allem in ­Afghanistan war und ist Kok-boru unter dem Namen Buzkashi ver­breitet, allerdings galt der durchaus publikumsträchtige Sport unter der Herrschaft der Taliban, wie so viele Formen der Unterhaltung, als »un­islamisch« und war streng verboten.

In manchen Episoden versuchen die Macher, jenseits von archaischen Riten oder ausgestellter Männlichkeit auch emanzipatorische Geschichten zu erzählen. Bei einem Wettbewerb im Freitauchen (free diving), bei dem es darum geht, ohne Hilfsmittel möglichst tief zu tauchen, versucht Imam Eldio Gulisan, ein Angehöriger der indigenen Sama, den philippinischen Landesrekord zu brechen. Die nomadisch lebenden Sama sind in der philippinischen Gesellschaft mit diversen Vorurteilen und Abwertungen konfrontiert, denen der Speerfischer Imam mit seiner besonderen Fähigkeit im Tauchen etwas entgegensetzen möchte.

Bei der traditionellen indischen Variante des Ringens wiederum, ­genannt Pehlwani, war es bisher Männern vorbehalten, in den religiös ­angehauchten Wettkampforten, den tempelartigen Akharas, anzutreten. Im Unterschied zu den weltweit etablierten Formen des Ringens wird hier nicht auf Matten, sondern auf leicht gewässertem Sandboden gekämpft. Seit die indische Freistilringerin Sakshi Malik bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 die Bronzemedaille errang, hat der Sport auch unter Frauen deutlich an Beliebtheit gewonnen. Dennoch ­benötigte es großer Anstrengungen, bis auch die Ringerinnen die Akharas betreten und in ihnen entsprechend der althergebrachten Regeln kämpfen durften. Die Bedeutung dieser Entwicklung für die indische Gesellschaft stellen Kommentare der feministischen Literaturprofessorin – und früheren indischen Basketball-Nationalspielerin – Alka Singh heraus.

Es gibt auch eine Folge zum in erster Linie von Frauen ausgeübten Vollkontaktsport Roller Derby (Jungle World 24/2011 und 5/2016) mit seiner queerfeministischen DIY-Attitüde und Punkrock-Ästhetik. In »Heimspiel« wird auch hier die härtere und schnellere Variante präsentiert: Beim banked track werden die Runden, im Unterschied zur wesentlich gängigeren ebenerdigen Ausübung, auf ­einer schrägen Bahn mit erhöhten Kurven absolviert, wie man dies vom Bahnradfahren kennt. Entsprechend ist das Tempo höher und ebenso die Gefahr, aus der Kurve gedrängt und dabei in die Leitplanken geschleudert zu werden. Selbst wenn es in dieser Episode der Serie um eine dezidiert feministische Sportart geht, bleibt der Fokus auf besonders rabiaten Körpereinsatz gerichtet.

Im kongolesischen Wrestling wird dieser überraschenderweise ein wenig aufgebrochen. Unter dem Namen Catch Fétiche wird Wrestling mit Zauberei kombiniert, so dass der spektakuläre finishing move am Ende eines Kampfs eben auch als überraschender, möglichst effektvoller Einsatz von ritueller Magie erfolgen kann. Die Sportart entstand in dieser vielseitig performativen Ausprägung nach dem Ende des Kolonialismus im Kongo. Als Mobutu Sese Seko 1965 die Macht ergriff, verordnete er Authenticité und verbot alle in irgendeiner Form als »westlich« und damit kolonialistisch geltenden Praktiken im Kongo. Dazu gehörte auch das sehr popu­läre Wrestling. Findige Anhänger der Sportart kamen auf die Idee, kongo­lesische Traditionen in Form von magischen Praktiken in den ohnehin auf Show-Elementen und Choreographien basierenden Kampfsport einfließen zu lassen. Mobutu konnte so offenbar bezaubert beziehungsweise besänftigt werden, der Sport war als Catch Fétiche ab den siebziger Jahren beliebter denn je.

Allem Körperkult und der Netflix-typischen Suche nach dem größtmöglichen Spektakel zum Trotz – oder vielleicht sogar deswegen – sind die acht halbstündigen Folgen zumeist sehr unterhaltsam, zumal vermutlich kaum jemandem alle der gezeigten extraordinären Sportarten bereits bekannt sein dürften. Erfreulich wäre es allerdings, wenn die Serienmacher in der zweiten Staffel zur Abwechslung auch mal betont gemüt­lichen regionalen Breitensport zeigten, zum Beispiel das vor allem in Ostfriesland verbreitete Boßeln. Wer möchte nicht kontemplativ dabei zuschauen, wenn in Teams von vier Leuten eine Boßelkugel möglichst weit eine Straße hinunter geworfen und gerollt wird? Immer weiter, bis die mehrere Kilometer lange Strecke absolviert ist. Und dabei können die Sportausübenden jeden Alters noch ein bisschen schnacken und etwas trinken. Sportarten, bei denen die Spielerinnen und Spieler nicht nüchtern bleiben müssen – das wäre doch auf jeden Fall ein gutes Heimspiel.

Heimspiel (USA 2020). Die Sportdokumentation mit acht Folgen kann bei Netflix ­gestreamt werden.