Homestory #31


Wie Sie, liebe Leserin, lieber Leser, wahrscheinlich wissen, wenn Sie an dieser Stelle immer aufmerksam die Berichte aus dem Innen­leben Ihrer Lieblingswochenzeitung verfolgen, arbeitet der größte Teil der Redaktion noch immer im Homeoffice. Zuweilen kommt es dabei zu slapstickhaften Situationen. So fragte sich ein Kollege kürzlich während der für das Homeoffice obligatorischen Telefonkonferenz, wo er denn sein »zweites Gehirn« habe: »Wo ist es denn bloß?« Lautes Scheppern zeugte von einer verzweifelten und aufwändigen Suchaktion unter Tischen und Stühlen, ehe das zweite Gehirn alias Smartphone im Büro vermutet wurde, wo der Kollege am frühen Morgen schnell noch ein Interview transkribiert hatte. Doch ehe die wenigen Mitglieder des Jungle World-Kollektivs, die sich im Redaktionsbüro aufhalten, sich an Ort und Stelle als Suchhunde betätigen mussten, fand sich das Gerät doch noch an.

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Wieder angefunden hat sich auch unser kleines Gespenst aus der Leitung (Jungle World 27/2020). Zwischenzeitlich fast in Vergessenheit geraten, war der geisterhafte Brummton plötzlich zurück. Just als ein Kollege betonte, dass ein bestimmter Kommentar im Blatt aber mal stärker das herrschende politisch-ökonomische System unter die Lupe nehmen müsse, meldete sich der Brummer an strategisch günstiger Stelle zu Wort.

Der Dialog ging ungefähr so:

Redakteur: »Kapitalismus abschaffen!«

Redaktionsgeist: »Brumm! Brummbrumm!«

Tja, ob das nun der Qualität der Kritik am Kapital zuträglich war, mögen andere entscheiden. Die Redaktion der Jungle World hat sich jedenfalls entschieden, zur Diskussion wichtiger Zukunftsfragen (Wann gibt es endlich einen Coronaimpfstoff? Wie geht es weiter mit der Klimakrise? Wann ist Schluss mit dem Kapitalismus?) nach Wochen des social distancing mal wieder zu einem physischen Treffen zusammenzukommen.

Aber ach, es ist alles schwierig. Der Konferenzraum ist fensterlos, hat also das höchste Infektionspotential überhaupt. In Parks wiederum kommt wenig Arbeitsatmosphäre auf. Ein großer Garten mit Regenschutz – das wäre es. Virtuell blicken sich alle betreten an. Nein, so was hat leider niemand zu bieten. Schließlich soll es der Innenhof des ehemaligen Fabrikgebäudes richten, in dem Ihre Lieblingszeitung residiert. Mit Abstand? Ja, könnte klappen. Mit Masken? Da sind die Meinungen wieder geteilt.

Am Ende erscheint einigen der Beteiligten die Belästigung durch den Redaktionsgeist bei den Telefonkonferenzen schon als das kleinere Übel. Brummbrumm!