Bill Callahan gibt auf dem Album »Gold Record« Altersweisheiten zum Besten

Altersweise und glücklich

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Es gibt große Musikalben und es gibt kleine. Und dies bezieht sich vorrangig weder auf ihre Spieldauer noch auf die Qualität, sondern darauf, welchen Anspruch sie erheben und wie sie sich ausdrücken. Vor einem Jahr veröffentlichte der Folkmusiker Bill Callahan mit »Shepherd in a Sheep­skin Vest« eine große Doppel-LP – nach einer fünfjährigen Schaffenspause, die auch damit zu tun hatte, dass er geheiratet hat und Vater geworden ist. Die nachdenklichen, aber warmherzigen Reflexionen auf dem Album zeigen einen gereiften Singer-Songwriter. Der Titel des jetzt veröffentlichten Nachfolgealbums »Gold Record« klingt fast nach einem Best-of, es handelt sich aber um neun neue Songs und eine Neufassung des Stücks »Let’s Move to the Country« von dem Album »Knock Knock« von 1999, als Callahan noch unter dem Namen Smog auftrat. In der damaligen Erstfassung gibt es markante, zögerliche Auslassungen: »Let’s move to the country / Just me and you / Let’s start a … / Let’s have a … « Nun heißt es an diesen Stellen, Callahans Lebensweg entsprechend »Let’s start a family / Let’s have a baby / Or maybe two.«

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Die Stücke des kleinen Albums »Gold Record« entstanden vor Callahans ausgedehnter Tour im vorigen Jahr, als er erstmals wieder längere Zeit von seiner Familie getrennt war. Sie sind noch zurückhaltender instrumentiert als die auf dem »Shepherd«-Album, mit Matt Kinsey an der zweiten Akustikgitarre und Jaime Zuverza am Bass. Bisweilen tauchen im Hintergrund der Songs schöne Bläsermotive auf, wie im herrlichen »Pigeons«, mit dem die Platte eröffnet wird. Der Sänger imaginiert sich augenzwinkernd als wissender, altersweiser Hochzeitschauffeur, der einem jungen Paar auf dem Rücksitz beiläufig Ratschläge mit auf den Weg gibt: »And I said: When you are dating you only see each other /And the rest of us can go to hell / But when you are married, you are married to the whole wide world / The rich, the poor / The sick and the well / The straights and gays.« Wir müssen uns den inzwischen 54jährigen Bill Callahan wohl als einen glücklichen Menschen vorstellen. Und das erscheint langjährigen Fans seiner Musik weiterhin eher ungewöhnlich.

Bill Callahan: Gold Record (Drag City)