Bei der ­Demonstration der »Coronarebellen« in Berlin war der Verschwörungsglaube das verbindende Element

Im Wahn vereint

Qanon-Gläubige und Reichsbürger stürmten am Wochenende die Treppen vor dem Reichstagsgebäude. Ihre Ideologie ist längst bei den sich moderat gebenden Anführern und Anhängern von »Quer­denken 711« angekommen.

»Wie, Trump ist gar nicht im Reichstag?« Der junge Mann ist sichtlich ­enttäuscht. Sein Gesicht ist gerötet, seine Augen sind verquollen. Das liegt am Pfefferspray, aber auch an der Enttäuschung: Er und etwa 300 andere hatten kurz zuvor versucht, gewaltsam in das Reichstagsgebäude einzudringen. Es dauerte mehrere Minuten, bis die Polizei den Mob von den Treppen des Parlamentssitzes vertreiben konnte.

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Rechtsextreme hatten schon Tage vor der bevorstehenden Demonstration der Initiative »Querdenken 711«, die sich vorgeblich gegen Freiheitseinschränkungen im Zuge der Pandemiemaßnahmen richtete, einen »Sturm auf Berlin« angekündigt. Der neurechte Verleger Götz Kubitschek hatte auf der Website seiner Zeitschrift Sezession geschrieben: »Kaum jemand aus meinem weiteren Umfeld wird zuhause bleiben, fast jeder wird sich auf den Weg machen.« Zudem hatte er davon geschwärmt, den »Protest zu verstetigen«. Auslöser des »Sturms auf den Reichstag«, der damit endete, dass die Stürmer auf den Treppen vor dem Eingang herumstanden, war allerdings nicht die Agitation der Neuen Rechten, sondern eine Wahnvorstellung von Reichsbürgern und Gläubigen der Qanon-Verschwörungsmythologie. Kurz bevor es zum Tumult vor dem Sitz des Bundestags kam, ging das Gerücht unter den Demonstrierenden um, der US-amerikanische Präsident Donald Trump halte sich im Gebäude auf und warte nur ­darauf, dem aufbegehrenden deutschen Volk »seine Freiheit wiederzugeben«.

Dass Trump dem deutschen Volk die Freiheit gebe, ist die Erlösungsvorstellung der hiesigen Anhänger der Qanon-Sekte.

Seit Jahren demonstrieren Reichsbürger regelmäßig vor dem Reichstagsgebäude und bestreiten die Existenz der Bundesrepublik Deutschland. Anführer der Reichsbürgerinitiative »Staatenlos« ist der 1994 wegen versuchten Mordes verurteilte Rüdiger Hoffmann, ein ehemaliges Mitglied der NPD. Er redet gern. Doch am Samstag verkündete er in Berlin: »Es geht nicht ums eigene Ego.« Er gab die Bühne frei. Auf ­dieser sprach kurz vor 19 Uhr eine Frau mit langen Rastalocken. »Schaut, die Polizei hat die Helme abgesetzt. Vor diesem Gebäude steht keine Polizei mehr und Trump ist in Berlin«, schrie sie, die Menge geriet in Ekstase. Bis auf drei Beamte auf den Parlaments­treppen befanden sich tatsächlich keine Beamten zwischen den Demonstranten und dem Reichstag. Die große Mehrheit der Polizisten stand auf der Reichstagswiese und verfolgte unbehelmt die Rede der Frau. »Wir müssen jetzt beweisen, dass wir alle hier sind. Und wir gehen alle da jetzt rauf und wir holen uns heute hier und jetzt unser Haus zurück«, schrie sie weiter. Daraufhin überwand der erste Demonstrant die Absperrungen, der Rest stürmte mit wehenden Reichsflaggen hinterher.

Besonders der Qanon-Glaube hat es den Demonstranten angetan

Bild:
Bana Mahmood und Dominik Lenze

Dass Trump dem deutschen Volk die Freiheit gebe, ist die Erlösungsvorstellung der hiesigen Anhänger der Qanon-Sekte. An diesem Punkt überschneiden sich deren Ansichten mit denen der Reichsbürger, die einen angeblich noch ausstehenden Friedensvertrag fordern und ebenfalls hoffen, Trump unterschreibe einen solchen, genau wie der russische Präsident Wladimir Putin. Die Frau mit den Rastazöpfen, eine Heilpraktikerin aus Nordrhein-Westfalen, schwang auch bei den Protesten vor der russischen Botschaft Reden. Reichs­bürger und Qanon-Gläubige huldigten dort gemeinsam dem Heilsbringer ­Putin, es wehten Phantasieflaggen einer Vielzahl von Reichsbürgern erfundener Nationen.

Doch die Glaubenssätze von Qanon-Anhängern und Reichsbürgern waren keine Randerscheinung des Protests: Auf der Demonstration der bürgerlich auftretenden Initiative »Querdenken 711« waren auch dieses Mal schwarz-weiß-rote Reichsflaggen, Transparente mit der Aufschrift »Friedensvertrag jetzt« und Quanon-Symbole allgegenwärtig. Der Anführer der Initiative heißt Michael Ballweg. Sein Talent sei es, Menschen zusammenzubringen, sagte er am Samstag auf der Rednerbühne an der Siegessäule. Das zumindest kann man ihm nicht absprechen: Der IT-Unternehmer aus dem Schwabenland ist eine Integrationsfigur für Verschwörungsgläubige. Zugleich schaffte er es, sich als vermeintlicher Saubermann für Welt und Spiegel zu ­inszenieren. Worauf die Vertreter dieser Medien ihn allerdings nicht ansprachen: Er übernimmt Ideologieelemente der Reichsbürger und solidarisiert sich mit der Qanon-Bewegung – und all das, ohne sich die Finger allzu schmutzig zu machen.

»Q, das steht für mich für question, für Fragen stellen«, hatte Ballweg auf der ersten Großdemonstration der »Coronarebellen« am 1. August auf der Bühne gesagt. Im Interview mit dem Hamas- und Erdoğan-Verehrer Martin Lejeune bekundete er fröhlich lachend, dass er eine Podiumsdiskussion mit dem selbsternannten »Volkslehrer« und Holocaust-Leugner Nikolai Nerling »phänomenal« fände. Auf der großen Bühne an der Siegessäule forderte am Samstag der von Ballweg geladene Redner Ralph Niemeyer den angeblich noch ausstehenden Friedensvertrag – eine Forderung der Reichsbürger. ­Anschließend erinnerte Ballweg selbst an die vermeintlich ausstehende Verfassung für die Bundesrepublik – auch das ein Versatzstück der Reichsbürger­ideologie. Ballweg selbst hat diese längst in seine eigenen Aussagen integriert.

Allerdings wittern Verschwörungsgläubige überall schlimme Machenschaften. Und so äußerte Mario Buchner, ein ehemaliger Funktionär der AfD in Oberbayern, schon samstags am Rande des Demonstrationsgeschehens einen Verdacht: »Der kleine Michael, der sich in Stuttgart pausbackig auf den Weg gemacht hat? Und ganz alleine mit seinem Schildchen da durch die Gegend gelaufen ist? Und jetzt steht da eine Technik von mehreren Millionen Euro? Also, wer dieses Narrativ glaubt, dem kann ich nicht mehr helfen.« Buchner glaubt offenbar, das Spiel durchschaut zu haben: »Wer eine NWO plant und umsetzt, der plant auch den Widerstand.« Und überhaupt: Wie komme Ballweg auf die Idee, sich anzumaßen, Deutschland eine neue Verfassung geben zu wollen? Reichsbürger Hoffmann sieht das genauso und wütet auf Telegram: Wozu eine neue Verfassung? Es gelte schließlich noch die des Kaiserreichs. Auch Attila Hildmann hat sich schon längst von dem »Illuminaten« Ballweg distanziert.

Ritualmord-Phantasien sind beliebt

Bild:
Bana Mahmood und Dominik Lenze

Mit dem Sturm auf die Reichstags­treppen möchte jedoch niemand etwas zu tun haben. Auf Telegram geben sich bekannte Figuren der Reichsbürger, Qanon-Anhänger und andere Rechtsextreme unschuldig: Hoffmann und der Holocaust-Leugner Nerling behaupten, die Rede der Heilpraktikerin habe zum »Sturm auf den Reichstag« geführt. Der Qanon-Telegram-Kanal Qlobal-Change schrieb am Sonntag: »Wir wissen, dass andere Kanäle sich damit profilieren, Falschaussagen von Privatpersonen auf uns zu projizieren.« Dass Hoffmann die »Über­gabe« der Regierung seit Jahren vor dem Reichstagsgebäude fordert, scheint keine Rolle zu spielen. Auch Nerling scheint entfallen zu sein, dass er selbst ganz oben auf der Treppe stand. Als die Polizei den Platz geräumt hatte, verkündete er aus sicherer Entfernung: »Heute holen wir uns ­unsere Freiheit nicht zurück. Wir haben Bilder geschaffen, die um die Welt ­gehen. Treten wir den Rückzug an.« Ein Möchtegern-Parlamentsstürmer brachte es während der Räumung des Platzes besser auf den Punkt: »Wir kommen wieder.«

Das könnte in absehbarer Zeit geschehen: »Coronarebellen« und die rechtsextreme Organisation »Patriotic Opposition Europe« wollen ebenso am 3. Oktober in Berlin demonstrieren wie die neonazistische Kleinpartei »Der III. Weg« und die Reichsbürger von »Staatenlos«.