Andreas Wangs Buch »Lob der schwie­rigen Lesart«

Wer, bitte schön, liest denn so was?

Platte Buch Von

Dass sich ein Buch leicht lesen lasse, gilt bei Menschen mit Bildungshintergrund als zweifelhaftes Lob. Was widerstandslos konsumierbar ist, so der Verdacht, sei ästhetisch minderwertig, während jener Literatur, die Wahrnehmungsweisen entautoma­tisiert, fast automatisch Fortschrittlichkeit attestiert wird. In seinem gerade im Verlag Matthes & Seitz erschienenen Buch »Lob der schwie­rigen Lesart« versammelt der 1945 geborene Literaturwissenschaftler und ehemalige Fernsehredakteur Andreas Wang Lektüren »unlesbarer Bücher«, um der Unterscheidung zwischen Schund und Modernität ein Plädoyer für die Lust am Unlesbaren entgegenzusetzen.

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Neben für ihre Unlesbarkeit bekannten Autoren wie Arno Schmidt und James Joyce und Dichtern wie Christian Morgenstern, die aus der Sinnverweigerung ein Spiel gemacht haben, widmet sich Wang unbekannten Schriftstellern: dem englischen Lyriker David Jones, dessen 1952 erschienenes Langgedicht »Anathemata« auf die ineinander verschlungenen Motivstränge hin untersucht wird; den »Wörterstädten« der experimentellen Romane des Münchner Autors Peter Wühr; der Nachkonstruktion wahnhafter Weltwahrnehmung in den Büchern des Neurologen Ernst Augustin; den zwischen Anthologie und Neuschreibung angesiedelten Sammlungen Raoul Schrotts. Philosophische Deutungsversuche des Unlesbaren, von Johann Georg Hamann bis Gilles Deleuze, werden am Rande herangezogen.

Die Stärke von Andreas Wangs ­literatur- und rezeptionsgeschichtlichem Essay liegt nicht in den Einzelinterpretationen, die angesichts der Fülle der Beispiele synoptisch bleiben, sondern darin, dass er das Unlesbare überhaupt in die ästhetische Diskussion einführt und für dessen Lektüre so überzeugend wie lesbar wirbt.

Andreas Wang: Lob der schwierigen Lesart. Streifzüge durch unlesbare Bücher. Matthes & Seitz, Berlin 2020, 224 Seiten, 20 Euro