In der Pandemiebekämpfung kehrt der Kapitalismus zum Normalbetrieb zurück

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Was kümmert mich der Dax Von

Die Feststellung, dass der Mensch sich an alles gewöhnt, ist nicht nur der resignierte Seufzer der bedrängten Kreatur. In der Wissenschaft nennt man das shifting baseline syndrome. So war die Ausgangslage bis 2016, dass ein US-Präsident in öffentlichen Äußerungen ein Minimum an Seriosität wahrt. Dann kam Donald Trump. Anfangs war die Aufregung groß, doch kaum jemand konnte sich noch so richtig empören, als die Washington Post Mitte Juli feststellte, dass die Zahl der falschen oder irreführenden Aussagen Trumps die 20 000 überschritten hat. Ähnlich verhält es sich mit dem Klimawandel. Dass es in Australien, Kalifornien und Brasilien nun alljährlich verheerende Waldbrände gibt, ist die neue Ausgangslage, die kaum noch Aufregung verursacht.

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Die rasche Gewöhnung der Menschen an veränderte Umstände hat ihre Vorteile, so erhöht sie das Lerntempo bei neuen Verhaltensweisen, die dem Infektionsschutz dienen. Dennoch gilt für die Pandemie das Gleiche wie für Trump und den Klimawandel: Man sollte sich nicht daran gewöhnen. Politik und öffent­liche Debatte aber kehren zum business as usual zurück. Man streitet in Deutschland darüber, ob Reiserückkehrer ihren Test selbst bezahlen sollen, als sei dieser ein unverdientes Geschenk und kein Beitrag zum Infektionsschutz. In der Pandemiebekämpfung besteht die Strategie, wenn man es denn so nennen will, darin, die Zahl der Neuinfektionen in einem Rahmen zu halten, der als akzeptabel gilt und an den man sich gewöhnt hat, und auf den Impfstoff zu warten.

Zahlreiche Experten sind optimistisch, dass noch in diesem Jahr mit Massenimpfungen begonnen werden kann. Sicher ist das nicht, und Jeremy Carrar warnt im Guardian: »Die erste Generation der Covid-19-Impfstoffe wird wahrscheinlich nur teilweise wirksam sein.« Überdies ist unklar, wer Zugang zu einer Impfung haben wird. Die WHO warnte bereits vor dem »Impfnationalismus«, mit dem reichere Staaten sich privilegierten Zugang sichern wollen. Es gibt zwar eine internationale Forschungszusammenarbeit, aber die Pharmafirmen werden auf ihren Profit nicht verzichten wollen. Die Monopolisierung von Impfstoffen wäre zwar nicht nur inhuman, sondern auch dumm, weil die Pandemie nur endet, wenn der Zugang zu Impfstoffen global gewährleistet wird. Aber schon lange hat man sich daran gewöhnt, dass sich Vernunft und Humanität nur selten gegen Macht und Markt durchsetzen. Bald könnte es daher an der Zeit für eine wirkliche Coronarebellion sein – den Kampf für den kostenlosen Zugang aller zu den besten Medikamenten und Impfstoffen, die Forschung und Technologie bereitstellen können.