DJs und Veranstaltungskollektive wehren sich gegen die LGBT-Feindlichkeit in Polen

Der Preis der Kommerzialisierung

DJs und Veranstaltungskollektive wehren sich gegen die wachsende LGBT-Feindlichkeit in Polen. Versuche, Clubs zu sicheren Orten für LGBT zu machen, scheitern jedoch häufig am ökonomischen Druck, der auf den Veranstaltenden lastet.

Unter den Bedingungen der Pandemie fand in Polen der Präsidentschaftswahlkampf statt. Der rechtskonservative Kandidat Andrzej Duda, der sich im Wahlkampf homo- und transfeindlich geäußert hatte, gewann die Wahl Mitte Juli in der Stichwahl. Danach kam es zu einer Welle der Gewalt gegen LGBT-Aktivistinnen und -Aktivisten. Anfang August wurde die Anarchistin und LGBT-Aktivistin Margot, eine Mitgründerin des Kollektivs »Stop Bzdurom« (Stoppt den Blödsinn), verhaftet, weil sie die Regenbogenflagge an Denkmälern angebracht und einen Bus beschädigt hatte, an dem homo- und transfeindliche Sprüche zu lesen waren. In Warschau löste die Polizei Blockaden brutal auf, mit denen Margots Verhaftung verhindert werden sollte. Sie nahm rund 50 Menschen fest, viele davon anscheinend wahllos, schubste sie und stieß sie zu Boden.

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Die Ereignisse in Warschau wurden in sozialen Medien schnell als »polnisches Stonewall« bezeichnet. Das wirft die Frage nach Verbindungen zur Club- und Partyszene auf. Auch der DJ und Produzent Kajetan Łukomski, ­bekannt unter dem Künstlernamen Avtomat, wurde bei den Protesten ­festgenommen. Er hat zahlreiche Veranstaltungskollektive mitgegründet, die sich für eine Clubszene frei von Gewalt gegen LGBT einsetzen.

Die Technoszene in Polen hat es verdient, dass ihre Geschichte geschrieben wird – so sieht es zumindest das Umfeld des linken Verlags Krytyka ­Polityczna (Politische Kritik), das Spenden für den im März veröffentlichten Sammelband »30 Jahre polnische Technoszene« gesammelt hat. Dieser soll eine Szene dokumentieren, die in den neunziger Jahren emanzipatorisch und underground sein wollte. Die polnischen Clubkultur entstand in den Jahren rabiater Marktwirtschaft, die soziale Absicherungen nicht vorsah. Mittlerweile hat die unabhängige Szene, insbesondere die Technoszene, mit ­ihrer Kommerzialisierung zu kämpfen. Die Eintrittspreise sind hoch, es mangelt an freien Räumen und Projekten für LGBT-DJs, Frauen sowie Migrantinnen und Migranten.

Die Warschauer Partyreihe »Ciężki Brokat« (Starker Glitzer) versteht sich als offener Raum für LGBT. Sie bietet Techno und experimentelle Musik auf einem Floor. Drag Queens treten auf. Wer verkleidet kommt, zahlt weniger Eintritt. Die Veranstaltenden und das Künstlerkollektiv Glitter Confusion organisierten die »Parada Dziwności« (Parade der Seltsamkeiten) im Warschauer Club »Pogłos«, dem einzigen vollständig unabhängigen und kollektiv organisierten Club in der polnischen Hauptstadt. Die Veranstaltung wurde ins Leben gerufen, um die »Parada Równości« (Parade der Gleichheit) - den regulären CSD-Marsch - zu ersetzen, der aufgrund der Pandemie abgesagt worden war. Es gab Performances und einen Livestream. Eine begrenzte Anzahl von Menschen konnte unter Einhaltung der Hygienevorschriften im Pogłos feiern.

Trzecia Fala, ein Zusammenschluss von Künstlergruppen, der experimentelle Musik fördert, veranstaltete Anfang August das Festival Fala Off. Das Festival fand in traumhafter Umgebung statt, das Line-up war exzellent: von der ­feministischen und antifaschistischen DJ und Produzentin Asbo Airlines bis zur Band Black Tundra, einer Neuentdeckung aus dem Bereich des Stoner Rock und Post-Metal. Die Hygienevorschriften waren streng, am Eingang wurde die Körpertemperatur der Gäste gemessen.

Einige Personen aus der Clubszene verurteilten wegen der Infektions­gefahr ähnliche Versuche, Veranstaltungen stattfinden zu lassen. Mit den ersten Lockerungen versuchten einige Clubs, ihr Programm wiederaufzu­nehmen. Ein Mitglied eines queeren Musikkollektivs aus Warschau sagte der Jungle World, dies sei auf zweifelhafte Weise geschehen. In die Clubs sei eine begrenzte Anzahl von Leuten gelassen worden. Es sei zwar ange­kündigt worden, dass die DJs die Musik ausmachen würden, wenn die Gäste sich nicht an die Hygienevorschriften hielten. Aber viele Verstöße seien wohl ignoriert worden, um Einnahmen zu generieren, die helfen, die öko­nomische Krise zu überstehen. Die Regierung ignoriert die Probleme der Clubs. Sie gewährt keine staatlichen Zuschüsse oder steuerlichen Vergünstigungen, um die Kulturszene am Leben zu erhalten.

DJ Pupper und Mala Herba vom Kollektiv Oramics, das Frauen, queere und geschlechtlich nichtbinäre Menschen in der elektronischen Musikszene unterstützt, kritisieren die Awareness-Konzepte der Clubs als unzureichend. Die Veranstaltenden schwankten ­zwischen dem Versuch, sichere Orte zu schaffen, und dem, Partys zu orga­nisieren, die Geld einbringen. Kommerzielle LGBT- oder Schwulenclubs setzten sich in der Konkurrenz gegen kleinere Projekte durch, die sichere Orte schaffen wollen. Selbst Clubs, die sich zunächst bemüht zeigten, sichere Orte für LGBT zu sein, scheiterten bereits nach den ersten Veranstaltungen daran, ihre Mitarbeitenden zu schulen und Vorkehrungen gegen Übergriffe zu treffen.

Die vermutlich einzige Partyreihe mit einem Konzept zum sicheren Drogengebrauch ist die berühmte Gabberparty Wixapol. Die Veranstaltenden arbeiten mit der studentischen Gruppe Narkopolityka zusammen, die sich für sicheren Drogengebrauch auf Partys einsetzt. Wixapol läuft weiter als Outdoor-Veranstaltung und in Clubs, die versuchen, halbwegs zur Normalität zurückzukehren.

Die westpolnische Stadt Poznań gilt als Insel der Liberalität. Das zeigt sich auch an der Partyszene. Es gibt eine sehr aktive Drag-Szene, die auch in der kollektiv organisierten Kneipe »Lokum« unterwegs ist. Vor der Pandemie war die Drag Queen Mariolkaa Rebell Repressalien ausgesetzt, da sie eine an den Erzbischof von Warschau, Marek Jędraszewski, erinnernde Puppe auf der Bühne symbolisch hingerichtet hatte. Der Erzbischof war wiederholt mit homophoben Äußerungen auf­gefallen.

Im Gespräch mit der Jungle World erzählt Rebell, dass sie in Poznań mehrfach auf offener Straße angegriffen wurde, obwohl sie in Drag nur Taxi fährt. Einmal musste sie sich mit Pfefferspray verteidigen. Sie war ange­griffen worden, weil sie eine Regen­bogentasche trug. Gemeinsam mit Freundinnen führt sie eine Liste sicherer Taxifahrer, denn auch in Taxen kommt es zu homo- und transfeindlichen Übergriffen. Während des lockdown organisierten Rebell und andere die Online-Dragshow »Twój Drag ­Brzmi Znajomo« (Dein Drag klingt bekannt), die sich großer Beliebtheit ­erfreute. Überhaupt tauchte in dieser Zeit viel Tuntiges und Dragiges online auf.

Die Clubszene in Polen erlebt derzeit einen Fortschritt inmitten gesellschaft­lichen Rückschritts. Es entstehen immer mehr neue Musik- und Performance-Kollektive, LGBT-freundliche und Awareness-Konzepte erfreuen sich wachsender Popularität. Doch alternative Räume und Clubs bleiben pandemie­bedingt geschlossen, die Feiernden organisieren sich privat. Sie veranstalten Hauspartys, Streamings sowie halb­offene oder geschlossene Partys in angemieteten Räumen.

Einige warten schlicht auf das Ende der Pandemie, da sie keine Lust auf Kompromisse haben. Viele Partygängerinnen und -gänger warten auch auf ­einen Impfstoff. Partys, die für Minderheiten sicher wären, gibt es derzeit kaum. Rund ein Drittel des Landes hat sich inzwischen zur LGBT-freien Zone erklärt.

Aus dem Polnischen von Daria Kinga ­Majewski.