Die Neue Rechte versucht sich an einem Computerspiel

Irgendwas mit Heimat

Die rechtsextremen Organisationen »Ein Prozent« und Identitäre Bewegung wollen mit einem eigenen Videospiel ihr Weltbild unter Gamern verbreiten. Im Mittelpunkt stehen die eigenen Funktionäre und ihr Kampf gegen die jüdisch-schwule Weltverschwörung.

An die gnadenlose und immer wieder Fremdscham hervorrufende Selbstüberschätzung der Identitären Bewegung (IB) und ihrer Mitglieder hat man sich als Antifaschistin inzwischen gewöhnt. Dennoch schafft die Gruppe es, sich in Sachen cringe, wie die jungen Leute so sagen, immer wieder selbst zu übertrumpfen.

Die Opferinszenierung der Identitären ist billig kalkuliert, die Botschaft lautet: Die im Spiel dargestellte Dystopie wird bald Wirklichkeit sein.

Diesmal versuchen die Hipster-Faschos, den Videospielmarkt für sich zu erobern, mit einem »2D-Jump’ n’ Run, wie es im Buche steht: Neunziger-Jahre-Optik, Cyberpunk-Ästhetik, Retro-Wave-Soundtrack, dystopisches Szenario und knackige Level, die dem Spieler alles abfordern«. So zumindest lautet die Beschreibung auf der Videospielplattform Steam.
Mit »Heimat Defender: Rebellion« deckt schon der Titel sämtliche Punkte des IB-Selbstbildes ab: irgendwas mit Heimat, die verteidigt werden muss, und autoritärer Revolte. Schließlich ist man kein faschistischer Menschenfeind, sondern ein aufrechter Rebell gegen die omnipräsente kulturmarxistische Zersetzung und hypersexuelle Einwanderer. Das von der IB-nahen Organisation »Ein Prozent für unser Land« konzipierte und von der Firma Kvltgames entwickelte Spiel zeigt die dystopische Zukunft des Jahres 2084. Nationalstaaten existieren nicht mehr (schrecklich), und die Welt wird von einem Konzern mit dem wenig subtilen Namen »Globohomo Corporation« beherrscht.

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Globohomo verwandelt Menschen in sogenannte NPCs, also Nichtspielercharaktere, die allesamt aussehen wie rechte Karikaturen von Feministinnen oder Antifaschisten. Die Antagonisten sind an klassische Feindbilder der extremen Rechten wie den jüdischen Großspender Georg Soros oder den linksliberalen Fernsehmoderator Jan Böhmermann angelehnt, die Kulisse des Spiels sind mit Kameras überwachte und von Hammer-und-Sichel- und Anarcho-Graffiti übersäte Großstädte. So weit, so vorhersehbar. Mit dem Spiel geht eine große Werbekampagne einher, die Comics, T-Shirts und andere Merchandising-Artikel beinhaltet. Das Ziel ist klar: Geld für die Identitären einnehmen.


Die Protagonisten von »Heimat Defender: Rebellion« sind das IB-Oberhaupt Martin Sellner, der IB-Youtuber Alex Malenki, der rechte Outdoor-Youtuber Christian Illner und der als »Der dunkle Ritter« bezeichnete Götz Kubitschek (nach der Überschrift einer Homestory über Kubitschek im Spiegel). Videospiele erfüllen oftmals Ermächtigungsphantasien. Dass man sich selbst als Spielfigur entwerfen lässt, um gegen die böse jüdische Homolobby zu kämpfen, mutet reichlich narzisstisch an. Männer wie Sellner betrachten sich als die wenigen aufrechten Kämpfer in einem weltweiten Kulturkrieg.

Die Trailer des Spiels stellen Nachrichtensendungen des Jahres 2084 dar. »Heimatrebellen festgenommen!« titelt eine, in der eine blondbezopfte Fernsehsprecherin von Globohomo, gespielt von der bayerischen Identitären Annie Hunecke, mit erhobenem Zeigefinger erklärt, dass Mitglieder einer »gewalt­bereiten Partisanengruppe um Alex Malenki« inhaftiert worden seien, da sie eine Gefahr für das Regime darstellten.
In den Trailern wird suggeriert, dass es sich bei der IB um unterdrückte Widerstandskämpfer gegen eine Meinungsdiktatur handele. Dass Rassismus, Frauenhass oder Antisemitismus in Deutschland und Österreich wesentlich verbreiteter sind als Antirassismus, Feminismus oder die ernsthafte Erinnerung an den Holocaust, ignorieren die extremen Rechten im Zuge ihrer üblichen Täter-Opfer-Umkehr.

Wenn Linke das Spiel bei der Videospielplattform Steam melden, auf der es zu erwerben ist, wird das natürlich prompt im Sinne dieses Selbstbilds ausgeschlachtet. Die Opferinszenierung der Identitären ist billig kalkuliert, die Botschaft lautet: Die im Spiel dargestellte Dystopie wird bald Wirklichkeit sein!

In dem Spiel werden zahlreiche extrem rechte Topoi reproduziert: die Angst vor der Auflösung des Nationalstaats, die antisemitische Vorstellung einer Weltverschwörung, die hier in Cyberpunk-Manier in Form eines weltbeherrschenden Konzerns daherkommt, Antifaschistinnen und Antifaschisten als fremdgesteuerte NPCs und die Bedrohung der Freiheit durch eine feministische Homo- oder Transgenderlobby. Gerade Letzteres ist ein relevanter Anknüpfungspunkt für die oftmals latent bis offen sexistische Gaming-Community. Dass Frauenfeindlichkeit auch dort Einstieg in den Rechtsextremismus ist, hat »Gamergate« eindrücklich gezeigt. Dabei handelte es sich um einen antifeministischen Shitstorm gegen Frauen aus der Videospielbranche, der im Jahr 2014 begann und mittlerweile als Ausgangspunkt der Entstehung der US-amerikanischen Alt-Right betrachtet werden muss. Wie die Debatte über das Zombie-Spiel »The Last of Us 2«, dessen Protagonistin eine lesbische Frau ist, zeigt, zeichnen sich viele männliche Videospielfans leider immer noch durch extrem reaktionäres Denken aus, wenn es um die Geschlechterfrage geht. Es ist also nicht verwunderlich, dass »Ein Prozent« hofft, über Attacken auf Feministinnen und queere Menschen Gamer für sich zu gewinnen.

Kvltgames bezeichnet sich selbst als ein »Kollektiv von patriotischen Spieleentwicklern«, der Chefprogrammierer des Spiels ist der Identitäre Roland Moritz, der sich mit Martin Sellner auf dessen Bitchute-Kanal begeistert über »Heimat Defender: Rebellion« austauscht. Moritz, der Anfang der zehner Jahre in Österreich Spielemessen organisierte, ist Leiter der IB in Oberösterreich, also eine wichtige Figur der Szene und bestens vernetzt. Er betreut zudem den Twitter-Account von Kvltgames, der sich nicht einmal um ein seriöses Image bemüht, sondern sich neben Werbung durch plumpe rechte Memes und Angriffe auf linke Kritiker auszeichnet.

Der Vorsitzende der Organisation »Ein Prozent für unser Land«, die als Geldgeber fungiert, ist Philip Stein, eine der Schlüsselfiguren der extremen Rechten. Er hat das Netzwerk unter anderem mit Unterstützung der extrem rechten Publizisten Jürgen Elsässer und Götz Kubitschek gegrün­det. Stein ist zudem Gründer des Verlags Jungeuropa, der unter anderem die Werke von Martin »Lichtmesz« Semlitsch, Alain de Benoist und Richard Spencer publiziert. Auch die AfD ist in »Heimat Defender: Rebellion« involviert. In dem mit »Globohomo Worldwide« betitelten Spieltrailer tritt die AfD-Politikerin Marie-Thérèse Kaiser auf, auch sie in der Rolle einer Nachrichtensprecherin. Kaiser wurde unter anderem als Model für Elsässers Magazin Compact bekannt. Sie ist Kreisvorsitzende der AfD im niedersächsischen Rotenburg an der Wümme.

AfD, Götz Kubitschek und die Identitäre Bewegung – in »Heimat Defender: Rebellion« hat sich zusammengeschlossen, was zusammengehört. Das Spiel zeigt erneut, wie eng die extreme Rechte im deutschsprachigen Raum vernetzt ist. In der Lage, ein gutes Videospiel zu produzieren, ist sie zum Glück nicht.