Staatsknete für die Clubs in Wien

Ohne Moos nix los

Mit staatlichen Fördermitteln und privaten Präventionsprogrammen versuchen sich die Clubs und Bars in Wien über Wasser zu halten.

Wenige Branchen haben die Folgen der Pandemiemaßnahmen in Wien so hart getroffen wie die der Nachtveranstalter. Ob »Das Werk«, »Fluc«, »Grelle Forelle« oder »Pratersauna« – die Wiener Clubs und Bars mussten wegen der Corona­krise im März schließen und das Nachtleben kam in der ganzen Stadt zum Stillstand. Gemäß der jüngsten Lockerungsverordnung müssen Gastronomen um ein Uhr nachts schließen und Gäste Abstand halten. Wann wieder länger geöffnet werden darf, ist ungewiss. Somit sind die Aussichten für die Clubbetreiber und deren Personal weiterhin trübe. Die vor kurzem gegründete Vienna Club Commission befürchtet, dass im Herbst die ersten Clubs Insolvenz anmelden müssen.

Noch nie gab es so viele Open-Air-Veranstaltungen in Parks, auf der Donauinsel, am Karlsplatz, im Prater oder am Donaukanal.

Die Wiener Wirtschaftskammer rechnet 4 300 Betriebe zur Nachtgastronomie, diese setzen circa eine Milliarde Euro im Jahr um. Die Vienna Club Commission zählt zurzeit 98 Clubs mit kulturellem Programm von Bands und DJs in Wien. »Dass die eine irrsinnige Wertschöpfungskette für die Stadt bringen, hat man in Wien, anders als in Berlin, viel zu spät erkannt«, sagt ­Stefan Stürzer, der Direktor des Clubs »Das Werk« am Donaukanal, der Jungle World. »Aber die Stadt hat sich in den letzten Jahren verändert. Sie wird aufgeschlossener und jünger.« Dementsprechend habe sich auch das Nachtleben verändert, die Clubszene sei vielfältiger geworden. Die Betreiber konnten Druck auf die Politik ausüben: Das österreichische Finanzministerium kündigte kürzlich an, die Clubs mehr als bisher zu unterstützen. Sie bekommen jetzt 100 Prozent ihrer Fixkosten ersetzt, zuvor waren es 75 Prozent. »Die 75 Prozent Fixkostenzuschuss waren zu wenig, denn die fehlenden 25 Prozent bringen dich früher oder später um«, sagt Stürzer. »In Wien wird viel gefördert, da sind wir sicherlich Vorreiter.« Allerdings benötige man in Wien auch unglaublich viel Geld, um überhaupt ­etwas aufzubauen. »Von Betriebsan­lagengenehmigungen bis zu den einzelnen Veranstaltungsauflagen – unter 800 000 Euro brauchst du da gar nicht anzufangen. Das geht nur, wenn du ein rich kid bist. Denn am Ende bleibt dir einfach nichts übrig.« Bei den jetzigen Rahmenbedingungen würde sich das niemand mehr trauen. »Die Clubs, die jetzt schließen müssen, werden von den Eigentümern nicht als Clubs verkauft. Es wird zu einer Ausdünnung in Wien kommen.«

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Auch Peter Nachtnebel, der Programmkurator des »Fluc« am Praterstern, äußert sich im Gespräch mit der Jungle World pessimistisch: »Ohne private Spendengelder, Fixkosten­zuschuss, Kurzarbeitsgeld und Fördermittel der Stadt Wien wäre der laufende Betrieb nicht aufrechtzuerhalten. Die Frage ist, ob der Patient bis zur Findung eines Impfstoffs am Leben gehalten werden kann. Konzerte für eine beschränkte Besucheranzahl, Lesungen und Ausstellungen sind eine schöne Sache, machen aber das Kraut nicht fett. Jeder Club lebt vom Partybetrieb an den Wochenenden.« Clubs wie die »Grelle Forelle« haben mittlerweile ein Covid-19-Präventionsprogramm konzipiert. »Fraglich ist, ob das Publikum in gut durchgelüfteten Räumen und Tanzzonen mit limitierter Gästeanzahl in Partylaune kommen wird«, zweifelt Nachtnebel.

Derweil verlagert sich die Partyszene in den öffentlichen Raum. Noch nie gab es so viele Open-Air-Veranstaltungen in Parks, auf der Donauinsel, am Karlsplatz, im Prater oder am Donaukanal. Unter Brücken finden Konzerte statt. Nachtnebel sieht das positiv: »2020 wird als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem sich die Wiener Bevölkerung Freiräume erobert hat. Bislang war es nicht so einfach, Genehmigungen für die eng verbaute Stadt zu ­bekommen, Covid-19 hat es möglich gemacht.« Das stehe der Stadt gut. »Wien blüht auf. Man kann hoffen, dass die Stadt ihre neu gewonnene Freiheit behält.« Was die Clubs betrifft, sehe die Lage allerdings weniger rosig aus. Wien hat derzeit die höchste Covid-19-­Infektionsrate seit Mitte März. »Sicherlich hat das zwanglose Freiluftfeiern einiges dazu beigetragen«, meint Nachtnebel.

»Die Kulturpolitik hat in Wien eine großen Willen, etwas zu ermöglichen«, sagt Christian König, DJ, Booker und Promoter, im Gespräch mit der Jungle World. Das Problem sieht er bei den Behörden und ihren Beamten. »Die Leute dort haben unglaublich wenig Phantasie.« Wichtig wäre, bestehende Freiräume zu nutzen und zu erhalten sowie neue zuzulassen. Gerade Aktivitäten im Freien müsse die Stadt unterstützen, öffentliche Plätze könnten freigegeben werden. »Der Verwaltung fehlt es hier an jeglicher Kreativität«, kritisiert König. Auch die Clubs müssten seiner Meinung nach innovativer sein und offensiver mit der gegenwärtigen Situation umgehen. Die Art zu feiern werde sich wohl dauerhaft verändern. Radikale Ansätze, wie vom Club »Grelle Forelle« vorgeschlagen, findet er gut. Vorgesehen sind darin mehrere time slots, eine geringere Besucherzahl, Kontaktverfolgung, Fiebermessen, Abstandhalten, Maskenpflicht und mehr. Der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) gibt ihm recht. Innovative Projekte für Veranstaltungskonzepte unter Pandemiebedingungen will er ab sofort mit bis zu 30 000 Euro bezuschussen.