Der Tod des UN-Freiwilligen Mario Paciolla in Kolumbien wirft Fragen auf

Ein Toter und viele Fragen

Mitte Juli wurde ein Mitarbeiter der UN-Mission, die Teil des Friedensvertrags zwischen der kolumbianischen Regierung und der vormaligen Guerilla Farc ist, tot in seiner Wohnung aufgefunden. Die Polizei ging anfangs von einem Suizid aus, doch in dem Fall gibt es einige Unstimmigkeiten.

Aguas Claras ist ein unscheinbarer Ort tief im kolumbianischen Amazonasbecken. Am 29. August 2019 starben hier bei der Bombardierung eines Lagers von Dissidenten der ehemaligen Guerilla Farc acht zwangsrekrutierte Jugend­liche. Nach Recherchen von Lokaljournalisten ermordeten Soldaten später weitere Jugendliche.

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Der Tod der Jugendlichen ist nun auch in Italien ein Politikum. In Neapel trauert die Familie Paciolla um ihren Sohn Mario. Er wurde am 15. Juli rund 80 Kilometer von Aguas Claras entfernt in seiner Wohnung in San Vicente del Caguán in der Region Caquetá tot aufgefunden, an einem Bettlaken erhängt und mit Schnittwunden an den Armen. Seitdem ranken sich Gerüchte um den Tod des 33jährigen Italieners, der Mitarbeiter der UN-Verifizierungsmission in Kolumbien (UNVMC) war.

Die Investigativjournalistin Claudia Julieta Duque bringt den Tod des UN-Mitarbeiters Paciolla mit der Bombardierung eines Lagers von Farc-Dissidenten im August 2019 in Verbindung.

Die UNVMC ist Teil des 2016 geschlossenen Friedensvertrags zwischen der kolumbianischen Regierung und der Farc. Knapp 400 zivile und militärische Mitarbeiter überprüfen die poli­tische, wirtschaftliche und soziale Wiedereingliederung der über 13 000 ehemaligen Guerilleros sowie die Einhaltung der Sicherheitsgarantien für sie, ihre Familien und Gemeinden. Paciolla war seit August 2018 Mitarbeiter der UNVMC. Zuvor hatte er bereits als Freiwilliger für die NGO Peace Brigades International (PBI) gearbeitet. Als er im März 2016 bei PBI in Kolumbien anfing, trafen er und der Autor dieses Textes einige Male aufeinander. Mario war der Neue und der Reporter ein Ehemaliger, der manchmal zu Besuch ins Teamhaus von PBI in Bogotá kam.

Paciolla war ein erfahrener Entwicklungshelfer und kannte Kolumbien sehr gut. Seine Mutter beschreibt ihn in der italienischen Tageszeitung La Repubblica als einen »brillanten Weltreisenden«, seine Freunde bezeichneten ihn in einem ähnlichen Bericht als Idealisten. »Er hat nicht viel über seine Arbeit gesprochen«, erinnerte sich seine Cousine Emanuela in der italienischen Presse. Paciollas Freunde berichten, er sei sehr zurückhaltend gewesen. Er habe nie über die Gefahren seiner Arbeit, »über die tausend Probleme dieses Lebens oder die Einsamkeit erzählt«.

Diese Einsamkeit beruhte vor allem auf dem UN-Protokollregime. Der Lokaljournalist und Direktor eines digitalen Senders in San Vicente, William González, meint: »Die Leute der UN hier im Dorf sind sehr zurückhaltend und der Kontakt mit ihnen ist minimal.« Am Morgen des 15. Juli war González live auf Sendung, als er erfuhr, ein UN-Mitarbeiter habe sich nur drei Straßen vom Studio entfernt erhängt. Er nutzte die Werbepause, um seinen Assistenten einige Außenaufnahmen von Paciollas Haus machen zu lassen.

Auf den verwackelten Kamerabildern sieht man eine Gruppe von etwa zehn Männern vor dem Eingang eines einfachen, zweigeschossigen Gebäudes stehen. Die Veranda reicht bis zur Straße, die Grundstücke zu beiden Seiten sind unbebaut. Etwas abseits von der Gruppe stehen im grauen Niesel­regen zwei junge Frauen und ein hochgewachsener Mann unter Regenschirmen: Paciollas Kolleginnen und Kollege. Letzterer kehrt der Kamera demonstrativ den Rücken zu. Obwohl er versucht, seine Gruppe mit einem schwarzen Regenschirm den Blicken der Kamera zu entziehen, erkennt man die Bestürzung in den Gesichtern.

Für die UN-Mission ist Paciollas Tod eine Katastrophe. Denn dieser hat ein diplomatisches Nachspiel, seit sich Journalisten des Falls angenommen haben und immer neue Unstimmigkeiten zutage fördern. Die Polizei ging anfangs von Selbstmord aus. In San Vicente zweifelte das niemand an, bis zahlreiche Artikel in ­Italien und Kolumbien Mord ins Spiel brachten.

Paciolla fühlte sich seit einiger Zeit nicht mehr sicher in Kolumbien. Er hatte Angst, abgehört zu werden, und vertraute seit kurzem auch einigen seiner engsten Kollegen nicht mehr. Kurz vor seinem Tod schrieb er einem Vertrauten auf Italienisch: »Ich möchte Kolumbien für immer vergessen. Vor ­einiger Zeit bereits habe ich die UN um eine Versetzung gebeten und sie haben sie mir nicht bewilligt. Ich möchte ein neues Leben, weg von allem.«

Nach Aussagen seiner Mutter rief er sie am 10. Juli an und sagte ihr wörtlich: »Mama, ich muss zurück nach Neapel, ich fühle mich schmutzig, ich muss unbedingt zurück und im Wasser von Neapel baden.« Anscheinend noch am selben Tag erzählte er ihr, er habe eine Auseinandersetzung mit seinen Vorgesetzten gehabt und sich in »Probleme« gebracht.

Paciolla zog seinen Rückflug nach Italien, der für den 20. August geplant war, einen Monat vor. Am 15. Juli wollten zwei Kollegen ihn gegen acht Uhr morgens zu Hause abholen, um ihn in die 700 Kilometer entfernte Hauptstadt Bogotá zu fahren. Nur wenige Stunden zuvor starb er, seinem Totenschein zufolge um zwei Uhr früh. Der Forensiker im nahegelegenen Florencia, der Regionalhauptstadt von Caquetá, stellte als mögliche Todesursache »Gewalt« fest. Dies umfasst in Kolumbien Selbstmord und Mord. Doch für seine Mutter ist klar: »Sie haben ihn umgebracht.«

Die UN verstanden es nicht, mit der Situation umzugehen. Der Familie seien sie von Anfang an abweisend und distanziert begegnet, berichtet Paciollas Mutter. Eine UN-Anwältin habe die ­Familie gegen elf Uhr vormittags kolumbianischer Zeit angerufen. Die Anwältin habe in zögerlichen Worten mitgeteilt, Paciolla habe Selbstmord begangen, und gefragt, ob die Familie die Rückführung des Leichnams wünsche.

Während Paciollas Körper noch auf dem Weg in die drei Stunden entfernte Leichenhalle in Florencia war, veröffentlichte die UNVMC in Bogotá eine kurze Trauererklärung, mit der der Tod »eines Freiwilligen« bekannt gemacht wurde. Einen Tag später postete der offizielle Twitter-Account der Mission eine Beleidsbekundung, in der Paciollas Name erwähnt wird. Der Account des UNVMC-Leiters Carlos Ruiz Massieu veröffentlichte weiterhin nichts über den Fall, wenige Tage später betrauerte er dagegen den Tod einiger Soldaten bei einem Unfall eines Militärhubschraubers.

Die UNVMC zollte Paciolla erst drei Wochen nach seinem Tod bei einer Zeremonie in Bogotá Respekt und eine Schweigeminute. Schriftliche Anfragen zu dem Fall beantwortet sie noch immer mit der immer gleichen Pressemitteilung: »Während wir auf die Ergebnisse der Untersuchungen warten und uneingeschränkt mit den Behörden zusammenarbeiten, werden wir die Details des Falls nicht kommentieren.« In den Augen vieler Beobachter ist der Umgang der UN-Mission mit dem Tod Paciollas ein Desaster. Kolumbianische und internationale Presseberichte erzeugen das Bild einer Organisation, die etwas zu verbergen, vor allem aber ein Kommunikationsproblem hat.

Bereits am 17. Juli wurde die Autopsie von Paciollas Leichnam vorgenommen. Auch der Leiter der medizinischen Abteilung der UNVMC, Jaime Hernán Pedraza, war anwesend. Paciollas Familie hatte ihn dazu autorisiert. Der Familie war mitgeteilt worden, er sei ein von der italienischen Botschaft in Bogotá beauftragter forensischer Arzt. Dass Pedraza kein Rechtsmediziner ist und es – nach Aussagen einer kolumbianischen Forensikerin – vollkommen unüblich ist, dass eine institutsfremde Person bei einer Autopsie anwesend ist, wirft in den Augen vieler Beobachter Fragen auf. Die italienische Botschaft in Bogotá schweigt und legt schlicht den Hörer auf, wenn Journalisten nur den Namen Paciolla erwähnen. Vor allem Whistleblower brachten den Fall ins Rollen. Die Mission versteckt sich weiterhin hinter Protokollen und erinnert ihre Belegschaft, wie eine geleakte E-Mail zeigt, daran, dass »Mitarbeiter der Presse keine Erklärungen geben dürfen«.

Am 17. September konfrontierte ein per Video zugeschalteter italienischer Journalist bei der täglichen UN-Pressekonferenz in New York City den Sprecher von UN-Generalsekretär António Guterres, Stéphane Dujarric, mit Spekulationen von Journalisten in Kolumbien, wonach die Abberufung einiger UNVMC-Mitarbeitern zu erwarten sei. Dujarric wich aus, ihm war die Frage sichtlich unangenehm. Nach der Rückfrage des Journalisten, ob er meine, dass diese Spekulationen nicht wahr seien, ordnete Dujarric seine Krawatte und antwortete: »Ich sage nicht, dass sie … Ich kommentiere dazu nichts.«

Mario Paciolla arbeitete als Freiwilliger für die UN-Mission in Kolumbien (oben). Er ist in einem Werbevideo der Mission zu sehen (mitte). Drei Wochen nach seinem Tod fand eine Trauerfeier für in in Bogotá statt (unten).

Bild:
UNVMC

Ein kontroverser Luftangriff
Vor allem die Investigativjournalistin Claudia Julieta Duque bringt Paciollas Tod mit der Bombardierung des Lagers der Farc-Dissidenten in Aguas Claras in Verbindung. Sie war mit Paciolla befreundet. Ihren Recherchen zufolge, die größtenteils auf Aussagen von Whistleblowern beruhen, haben hohe UN-Funktionäre einen Bericht Paciollas über die Bombardierung und die Ermordung der zwangsrekrutierten Jugendlichen an den Oppositionspolitiker Roy Barreras weitergegeben. Dieser habe den Bericht genutzt, um auf die Absetzung des damaligen Verteidigungsministers Guillermo Botero hinzuwirken, der am 6. November 2019 zurücktrat.

Am Vortag hatte Barreras in einer Senatsanhörung Dokumente gezeigt, die das Alter der getöteten Minder­jährigen belegen. Wie aus der Aufzeichnung der Sitzung hervorgeht, legte Barreras jedoch keine anderen Quellen als Dokumente der Gerichtsmedizin vor. Nichts deutet darauf hin, dass diese etwas mit den UN zu tun haben könnten. Zwar ist es vorstellbar, dass geleakte Dokumente zwischen den UN, dem Militär und Politikern hin und her geschoben werden, die These, Boteros Rücktritt habe etwas mit Paciollas Tod zu tun, ist jedoch sehr schwach.

Paciolla beschäftigte aber das Thema der Zwangsrekrutierung von Minderjährigen. Ein Bekannter von ihm aus San Vicente erzählt, Paciolla habe öfter darüber gesprochen. Nach dessen Tod veröffentlichte Duque einen offenen Brief an den Verstorbenen in der kolumbianischen Tageszeitung El Espectador. In diesem beschreibt sie Paciollas »inneres Missfallen« an der UNVMC, die in ihrem Dreimonatsbericht der »Kontroverse über den Luftangriff« nur einen kurzen Absatz gewidmet hatten. Mit den Dreimonatsberichten informiert Massieu den UN-Sicherheitsrat über die Aktivitäten der UNVMC.

Es ist nicht klar, ob Paciolla je an einem Bericht über die Bombardierung beteiligt war. Grundsätzlich untersucht die UNVMC einen solchen Vorfall nicht unbedingt. Aber wie Herner Carreño, der kommunale Bürgerbeauftragte der Gemeinde Puerto Rico in Caquetá, bestätigt, haben Freiwillige der UNVMC auch »Nachforschungen über Themen der öffentlichen Sicherheit in der Region angestellt«. Er sprach persönlich mit zwei weiblichen UNVMC-Freiwilligen über die Bombardierung und ähnliche Fälle – aber nicht mit Paciolla.

Solche Gespräche sind bei vielen NGOs in Kolumbien üblich, um Risikoanalysen zu erstellen und die Sicherheit der Freiwilligen in der Region zu überprüfen. Die monatlichen Berichte der UNVMC-Freiwilligen fließen in die Dreimonatsberichte ein, die auf der Website der UNVMC einsehbar sind. Die Bombardierung vom 29. August 2019 wird in dem Bericht über das Quartal von Juli bis September desselben Jahres nicht erwähnt. Carreño sagt, er habe »es öffentlich in den regionalen Medien angeprangert, ich habe ihnen gesagt, dass ich drei Fälle von Zwangs­rekrutierung dokumentiert habe und dass diese drei Mädchen bei den Bombenangriffen gestorben sind«. Überregionale Medien hätten sich aber erst dafür interessiert, als der Skandal Botero zum Rücktritt gezwungen hatte.

Es ist weiter unklar, ob all dies etwas mit Paciollas Tod zu tun hat. Doch es gibt mehrere Gründe zum Zweifel an der These, Paciolla habe Suizid begangen. Anfang September wurden Teile des Protokolls der vertraulichen Vernehmung von Paciollas Ex-Freundin durch die kolumbianische Staatsanwaltschaft geleakt. Die Italienerin, die ebenfalls für die UNVMC arbeitet, war nach eigener Aussage insbesondere in den letzten Tagen vor Paciollas Tod die »einzige Person, der er vertraute«. Sie beschreibt, wie sich sein psychischer Zustand in diesen fünf Tagen verschlechterte, vor allem aufgrund von Befürchtungen über die Folgen einer »möglichen und nicht näher bezeichneten internen UN-Untersuchung, von der Paciolla glaubte, er sei ihr Thema«.

Solche internen Untersuchungen sind nicht ungewöhnlich, wie man in den Dreimonatsberichten nachlesen kann. Das »Verhaltens- und Disziplin-Team« der Mission scheint auch bei geringen Verstößen Mahnungen ausgesprochen zu haben. Außerdem ist bekannt, dass die UNVMC die UN-Protokolle relativ streng auslegt. Viele Freiwillige, vor allem in entlegenen Regionen, leben dadurch relativ isoliert. In einem Werbevideo der Mission sagt eine Kollegin Paciollas: »Arbeit und Privatleben in einem so kleinen Team zu trennen, ist eine der größten Herausforderungen. Jeder muss sich seine eigenen Freiräume schaffen.«

Einsam und isoliert
Medien erwähnen im Zusammenhang mit Paciollas Tod immer wieder ein Arbeitstreffen am 10. Juli im UNVMC-Regionalbüro in Florencia. Es scheint, dass es bei diesem Treffen zu einem Eklat zwischen Paciolla und seinen Vorgesetzten kam. Darauf deuten zum ­einen die zitierten Aussagen von Paciollas Mutter hin. Zum anderen erwähnt auch Duque in ihrem offenen Brief, Paciolla habe erzählt, seinem anscheinend internen UN-Lebenslauf sei ein Zusatz über seine konträre Meinung über den Umgang der Mission mit der Covid-19-Pandemie beigefügt worden. Die Journalistin schreibt: »Während anderen Mitarbeitern Reisen und die Arbeit aus dem Homeoffice gestattet wurden, war die Regel für die Freiwilligen Einsamkeit und Isolation.«

In den Dreimonatsberichten wird das Thema Gesundheitsschutz bis zum Ausbruch der Pandemie kaum behandelt. Erst danach spricht die UNVMC davon, »vielfältige Anstrengungen« unternehmen zu wollen, um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu gewährleisten. In einem Bericht heißt es: »Die Mission hat eine task force eingerichtet und begonnen, in allen Büros alternative Arbeitsmodalitäten umzusetzen. Alle nicht wesentlichen Reisen wurden abgesagt oder verschoben, und die Reisen innerhalb des Missionsgebiets wurden aufgrund ihrer Wichtigkeit begrenzt.« Dies bedeutet, dass das Protokollregime coronabedingt verschärft wurde und die Freiwilligen noch isolierter als zuvor lebten.

Der italienische Journalist Simone Ferrari recherchierte kurz nach der Aufhebung der allgemeinen Quarantäne, die in Kolumbien bis September galt, in San Vicente. Der Besitzer der Wohnung, in der Paciolla die letzten 15 Monate vor seinem Tod gelebt hatte, sagte ­Ferrari, Paciolla habe weder vor noch während der Pandemie Besuch bekommen. Er und seine Frau schliefen direkt unter Paciollas Zimmer. Ein Nachbar erzählte dem Journalisten, Paciolla habe sich einmal über eine Party während der Quarantäne aufgeregt. Er schien die UN-Protokolle zu respektieren, obwohl er sie in dem Gespräch mit seinen Vorgesetzten offenbar kritisiert hatte. Auch seine Familie in ­Italien berichtet, dass »Mario im Home­office arbeitete und fast immer zu Hause war«.

Paciollas letzter Vermieter sagte Ferrari auch, er wäre sicher aufgewacht, wenn in der Wohnung über ihm ein Kampf oder ein Streit stattgefunden hätte. Das Gebäude nebenan, etwa 20 Meter von Paciollas Haus entfernt, befand sich im Juli noch im Bau. Deshalb blieb dort nachts ein Sicherheitsmann. Vom zweiten Stock aus konnte er die Straße, die benachbarten Grundstücke und den Eingang zu Paciollas Wohnung überblicken. Dem Sicherheitsmann zufolge ist es höchst unwahrscheinlich, dass sich jemand dem Haus hätte nähern können, ohne dass er es bemerkt hätte.

Die italienische Botschaft in Bogotá schweigt und legt schlicht den Hörer auf, wenn Journalisten nur den Namen Paciolla erwähnen.

So ist es sehr fraglich, ob jemand dabei war, als Paciolla starb. Das heißt aber nicht, dass es keine Verantwortlichen für seinen Tod gibt. In den letzten Tagen vor seinem Tod rief Paciolla seine Familie mehrfach an, was er sonst nicht tat. Bei diesen Anrufen schien er seiner Mutter zufolge schockiert zu sein »über etwas, das er gesehen, verstanden, intuitiv verstanden hatte«. Sie meint: »Die Wahrheit über seinen Tod liegt in den Beziehungen zu Arbeitskollegen und in seinen Aktivitäten für die UN.«

Auch mir seiner Ex-Freundin sprach er in diesen Tagen viel. In dem ge­leakten Verhörprotokoll äußert sie, die letzten Anrufe vor seinem Tod seien immer wieder vom »Weinen und Schreien« Paciollas unterbrochen worden. Er habe gesagt, dass »er nicht mehr leben will«. Der Vermieter hat Paciolla in der Nacht auf den 15. Juli laut auf Italienisch telefonieren gehört. Der Wachmann sah ihn zuletzt um 22.15 Uhr draußen herumgehen, rauchen und aufgeregt telefonieren. Das letzte Telefonat mit der Ex-Freundin fand von 23 bis 23.23 Uhr statt. Nach ihrer Aussage schien Paciolla dabei »­ruhiger« gewesen zu sein.

Nach einem Bericht Duques rief der regionale UN-Sicherheitsbeauftragte Paciolla gegen 22 Uhr an. Dieser Anruf wirkt verdächtig, denn es war der Sicherheitsbeauftragte, der am nächsten Morgen zusammen mit einer Kollegin die Leiche fand. Er entfernte Handy, Laptop, Kamera, Notizbücher und viele weitere Beweismittel aus der Wohnung. Dass ein UN-Sicherheitsbeauftragter sensible Daten vor dem Zugriff fremder Stellen schützt, scheint verständlich, zumal in Kolumbien, wo staatliche Akteure immer wieder in Straftaten und Spionage gegen nationale und internationale NGOs verwickelt sind. Der Sicherheitsbeauftragte machte sich aber auch dadurch verdächtig, dass er nach Zeugenaussagen den Tatort kurze Zeit darauf gründlich reinigen ließ und einige weitere Gegenstände aus der Wohnung entsorgte.

Nach der Rückführung der Leiche ordneten die italienischen Behörden eine zweite Autopsie an. Den italienischen Forensikern zufolge war die Leiche nicht gut einbalsamiert worden und befand sich in einem sehr schlechten Zustand. Trotzdem lieferte die ­Obduktion den bisher stärksten Hinweis darauf, dass Paciollas ermordet worden sein könnte. Geleakten Details zufolge können die Wunden an Paciollas Hals nicht durch das Erhängen mit einem Bettlaken verursacht worden sein. Außerdem scheint die am Tatort gefundene Menge an Blut zu groß, um aus den Schnittwunden an den Armen zu stammen.

Die italienische Staatsanwaltschaft hat inzwischen ein Mordverfahren eingeleitet. Die Ermittlungen führt eine italienische Spezialeinheit, die sich mit organisierter Kriminalität und Terror­ismus befasst. Der italienische Außenminister Luigi Di Maio telefonierte mit UN-Generalsekretär Guterres über den Fall. Worüber die beiden sprachen, ist nicht bekannt – wie so vieles im Fall des Tods von Mario Paciolla.