Die Zahl der arbeitenden Armen in Deutschland wächst

Aufstocken mit der Trittin-Rente

In Deutschland wächst die Armut – und mit ihr der informelle Sektor. Viele Menschen sind gezwungen, ihr Einkommen in der Schattenwirtschaft aufzubessern. Das betrifft besonders viele Alte.

Thomas hat einen langen Tag hinter sich. Seit sieben Uhr ist der 58jährige auf den Beinen. Erst jetzt um 16 Uhr endet seine Schicht und er hat Zeit für ein Gespräch über seine Arbeit. Thomas gehört zu den vielen Tausend Menschen in Deutschland, die ihren Lebensunterhalt mit dem Sammeln von Pfandflaschen aufbessern. »Um sieben starte ich meine Runde, von 11.30 Uhr bis zwölf Uhr ist Mittagspause, dann geht es wieder an die Arbeit und um halb vier zur Rückgabe in den Supermarkt. Immer Montag bis Freitag. Samstag mach’ ich nur die Frühschicht«, sagt Thomas. Dank des sommerlichen Wetters war es für ihn ein erfolgreicher Tag, 19 Euro hat er verdient. Normalerweise sind es zwischen zehn und 15 Euro.

Für die Jobcenter gelten die Erlöse aus dem Flaschensammeln als Einnahmen aus selbständiger Tätigkeit.

Thomas’ Tagesablauf ist seit sieben Jahren derselbe. Damals verlor er seine Arbeitsstelle, als die Baufirma schließen musste, für die er fast 30 Jahre lang als Verputzer gearbeitet hatte. »Mir war klar, dass ich in meinem Alter keine Chance mehr auf dem Bau habe. Noch dazu in meinem Zustand«, so Thomas. Die jahrelange schwere körperliche ­Arbeit hat Spuren hinterlassen, Thomas kämpft mit diversen körperlichen Einschränkungen. Nachdem das Arbeitslosengeld ausgelaufen war, rutschte er in Hartz IV und es wurde finanziell eng für ihn. Nach Abzug von laufenden Kosten und den nötigsten Grundnahrungsmitteln bleiben ihm heutzutage noch knapp 100 Euro im Monat. »Ich lebe wahrlich nicht auf großem Fuß, aber das reicht einfach nicht zum Leben und ständig nur zu Hause rumsitzen kann ich auch nicht, da fällt mir die Decke auf den Kopf. Meine Arbeitszeit sieht jetzt nicht viel anders aus als ­früher.«

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Thomas ist keine Ausnahme. Viele Flaschensammler haben einen regelmäßigen Arbeitsrhythmus, arbeiten täglich eine bestimmte Stundenzahl zu bestimmten Zeiten auf feste Routen. »Jeder hat seine speziellen Plätze, aber die sind natürlich Betriebsgeheimnis. Das ist wie bei einem guten Pilzplatz, der wird ja auch nicht verraten«, ­witzelt Thomas.

Die meisten Flaschensammler sind zwar arm, aber nicht wohnungslos oder ohne anderes Einkommen, sie ­stocken vielmehr ihre zu niedrigen sonstigen Bezüge auf – seien es Sozialleistungen wie bei Thomas, Armuts­löhne aus prekärer Beschäftigung oder niedrige Renten. Die Sozialwissenschaftler Alban Knecht und Philipp Catterfeld haben in ihrer Untersuchung »Flaschensammeln. Überleben in der Stadt«, herausgefunden, dass die Mehrzahl die Flaschensammler über 65 Jahre alt ist. So auch Thomas’ Kollegin Beate. Die 71jährige sammelt seit knapp drei Jahren viermal pro Woche Pfandflaschen. Daneben bessert sie ihre knappe Rente auf, indem sie einmal die Woche bei Bekannten putzt. »Meine Rente reicht gerade so für den Unterhalt der Wohnung und Lebensmittel. Mit dem Pfand kann ich mir auch mal was zum Anziehen oder neue Schuhe kaufen.« Unwohl fühlt sie sich nicht, wenn andere sie dabei beobachten, wie sie die öffentlichen Mülleimer durchsucht. »Man gewöhnt sich an die Blicke. Außerdem habe ich keinen Grund, mich zu schämen. Ich verdiene mein Geld mit ehrlicher Arbeit und tue noch dazu etwas für die Umwelt.« Unverständlich sind ihr daher die Schikanen, der sie und andere Flaschensammler oftmals ausgesetzt sind.

Das Regensburger Einkaufszentrum, das früher Teil ihrer Runde war, verbietet inzwischen in seiner Hausordnung »die Durchsuchung von Abfallbehältern«, auch am Bahnhof ist das Sammeln von Flaschen verboten. Dort ­reagiert das Sicherheitspersonal mit einer Anzeige und Hausverbot, sollte es einen Pfandsammler ertappen. Für die Betroffenen kann das gravierende Folgen haben. Während Soziologen noch darüber streiten, ob das Sammeln von Flaschen als Arbeit im engen Sinne durchgehen kann, besteht staatlicherseits daran kein Zweifel. Die Jobcenter betrachten die Erlöse aus dem Flaschensammeln als Einnahmen aus selbständiger Tätigkeit, die auf die Hartz-IV-Bezüge angerechnet werden müssen.

Eigen- und Fremdwahrnehmung unterscheiden sich allerdings. Thomas und Beate betonen zwar, dass sie eine gewisse Erfüllung in ihrer Tätigkeit finden, die Zeit an der frischen Luft genießen oder der geregelte Tagesablauf ihnen Halt gebe. Dennoch wühlen sie selbstverständlich nicht freiwillig im Müll. Es sind die Verhältnisse, die sie dazu zwingen. Beate bezeichnet ihre Einkünfte aus dem Flaschensammeln lächelnd als »Trittin-Rente«. Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) war es, der in Zeiten der rot-grünen ­Koalition 2003 das Einwegpfand durchsetzte, eigentlich in der Absicht, den Umstieg auf ökologisch vorteilhaftere Mehrwegverpackungen zu fördern. Gleichzeitig beschleunigte die rot-grünen »Agenda 2010« die neoliberale Umstrukturierung des Arbeitsmarkts und forcierte den Abbau von Sozial­leistungen. Es gibt also wohl tatsächlich kaum eine passendere Zusammenfassung der rot-grünen Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik.

Die Politik der Regierung Schröder verhalf Armutslöhnen und prekären Arbeitsformen wie Leiharbeit und Minijobs zum Durchbruch. Damit schufen SPD und Grüne nicht nur einen Niedriglohnsektor von in der Bundesre­publik zuvor ungekanntem Ausmaß, sondern sorgten auch für die weitere Verbreitung eines Phänomens, für das vor allem die Ökonomien des globalen Südens bekannt sind. Der informelle Sektor, die Arbeit in der Schattenwirtschaft, die von keiner Statistik oder Behörde erfasst wird, gewinnt immer größere Bedeutung. Flaschensammler, fliegende Händler, unangemeldete Verkäufer verschiedenster Dienstleister verrichten ihre Tätigkeit weitgehend undokumentiert und versuchen so, ihre viel zu geringen Bezüge aufzubessern.

Mehr als 40 Prozent der Beschäftigten in Deutschland arbeiten heutzutage in prekären Arbeitsverhältnissen. Ihre Arbeits- und Lebensbedingungen sind von niedrigen Löhnen, sozialer Unsicherheit und ständiger Angst vor dem Arbeitsplatzverlust geprägt.

Waren 2002, vor der Umstrukturierung des Arbeitsmarkts, noch knapp 300 000 Menschen in der Leiharbeit beschäftigt, sind es heute mehr als eine Million. Etwa 7,7 Millionen Beschäftigte arbeiten in Minijobs, für fünf Millionen von ihnen ist der Minijob die einzige Einkommensquelle. Steckten 2002 noch 1,5 Millionen Menschen in befristeten Beschäftigungsverhältnissen, sind es heutzutage 3,2 Millionen. Dazu kommen Praktika, Werkverträge und prekäre (Schein-)Selbständigkeit. Mehr als vier Millionen Menschen beziehen Hartz IV, 1,2 Millionen von ihnen sind sogenannte Aufstocker, also Erwerbstätige, die so wenig verdienen, dass sie zusätzlich auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen sind. Gerade die mit der Einführung des Arbeitslosengeld II (ALG II) verbundene Kürzung der Bezugsdauer des Arbeitslosengelds (jetzt ALG I), die Absenkung der vormaligen Arbeitslosenhilfe auf das Niveau der Sozialhilfe und das mit den Hartz-Gesetzen verbundene rigide Sanktionsregime stürzten viele Betroffene in die Armut.

Als arm gilt nach gängiger Definition, wer weniger als 60 Prozent des ­sogenannten mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Nach Daten des Statis­tischen Bundesamts gelten derzeit 15,8 Prozent der Bevölkerung als arm, also fast ein Sechstel. Das ist die höchste Armutsquote seit Beginn der Erhebung im Jahr 1996. Auch etwa drei Millionen der 17 Millionen deutschen Ruheständler sind arm, insbesondere Frauen. Wie Beate müssen nicht wenige von ihnen ihre Altersbezüge mit der »Trittin-Rente« aufbessern.