Wie der American Football mit der Pandemie umgeht

Maske oder harte Strafen

Die National Football League (NFL) ist stolz auf ihren transparenten Umgang mit der Covid-19-Pandemie. Im weiteren Saisonverlauf wird sich zeigen, ob die Liga wirklich Mittel gegen die steigenden Infektionszahlen hat.

Im American Football ist es wie in jedem anderen professionellen Mannschaftssport auch: Trotz Covid-19-­Pandemie wird alles daran gesetzt, zu spielen. Aber American Football ist auch ganz anders, denn die Franchises der NFL beschäftigen mehr Coaches, mehr Betreuer und viel mehr sonstiges Personal, als es in allen anderen Sportarten üblich ist. Konzepte, die Beteiligten weitgehend von der Außenwelt zu isolieren, sieht die Liga nicht vor – eine Lösung wie bei der National Basketball Association (NBA), die derzeit alle Teams in Florida kaserniert hat, wäre für die Footballer logistisch gar nicht möglich. Transparenz gehört zum Infektionsschutzkonzept der Liga, und dazu gehören Zahlen: In der letzten Woche vor Beginn der Saison am 10. September wurden in der NFL 23 279 Tests an 2 747 Spielern und 35 342 Tests an 5 992 sonstigen am Spielbetrieb beteiligten Personen vorgenommen. Diese Zahlen zeigen, wieso keine Isolation von der Außenwelt möglich ist: Fast 9 000 Menschen ungestört an einem Ort unterzubringen, dort für Trainingsmöglichkeiten zu sorgen und alle zu versorgen, würde selbst die Möglichkeiten der proftitträchtigsten Sportart der Welt übersteigen.

»In dieser Ära fehlgeschlagener Regierungsführung hat die NFL die Möglichkeit zu zeigen, wie Führung aussieht.« Sally Jenkins, US-Sportkolumnistin

Mit Infektionen hat die NFL gerechnet: Man sei darauf vorbereitet, hatte es schon vor dem Saisonstart von den Funktionären geheißen. Vergangene Woche, vor dem vierten Spieltag der Liga, war es so weit. ­Sowohl bei den Tennessee Titans als auch bei den New England Patriots wurden mehrere Spieler und Mitarbeiter positiv auf Sars-CoV-2 getestet. Welche Profis betroffen sind, gibt die NFL nicht explizit bekannt. Auf ihrer internen Liste registriert sie auch Personen, die Kontakt zu Infizierten hatten und daher in Quarantäne müssen, bis sie zweimal in Folge negativ getestet worden sind.

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Die Spieltermine der Titans und der Patriots hat der Verband umgehend verlegt. »Vierter Spieltag« klingt nicht nach einer sehr weit fortgeschrittenen Saison, aber in der NFL bestreitet jedes Team pro Saison nur 16 Liga­spiele in 17 Wochen, plus gegebenenfalls Playoffs; ein Viertel der Haupt­runde ist also bereits gespielt.

Für den Fall von Infektionen bei einem Team gibt es strenge Regeln. Die Einrichtungen des Teams werden komplett geschlossen, Trainings dürfen nur noch virtuell stattfinden; man kann also durchaus noch Taktiken besprechen, aber mannschaftliche Übungen selbst sind nicht mehr möglich. Das ist vernünftig, zugleich jedoch auch wettbewerbsverzerrend – was aber die einzelnen Teams zusätzlich motivieren dürfte, den Spielern und Mitarbeitern eindringlich klarzumachen, was sie riskieren, wenn sie den Infektionsschutz vernachlässigen.

Anders als vielerorts in den USA, inklusive des Weißen Hauses, gilt während der Ligaspiele strikte Maskenpflicht. Alle Personen an der Seitenlinie außer den aktiven Spielern müssen Maske, Tuch oder Gesichtsschild tragen. Nicht jeder der etwa 20 Coaches pro Team hielt sich bei den bisherigen Spielen an diese Vorgabe; die Liga reagierte darauf schnell und hart. Sprach sie nach dem ersten Spieltag noch lediglich Verwarnungen für das Ignorieren der Maskenpflicht aus, kostete das am zweiten Spieltag schon 100 000 US-Dollar persönliche Strafe und 250 000 US-Dollar für das Team. Nachdem die Liga am dritten Spieltag immer noch fünf Maskenverweigerer festgestellt hatte, erhöhte sie die Strafen noch: Wer jetzt gegen die Regel verstößt, wird gesperrt, außerdem verliert das Team Draft-Picks, also Zugriffsrechte bei der Verpflichtung neuer Spieler.

In einer Zeit, in der Präsident Donald Trump kurz mal sein Krankenbett verlässt, um seinen vor dem Walter Reed National Military Medical Center versammelten, sich weitgehend nicht um Infektionsschutz kümmernden Anhängern zuzuwinken, sind die eindeutigen und schnellen Reaktionen der NFL schon fast als vorbildlich zu bezeichnen. »In dieser Ära fehlgeschlagener Regierungsführung hat die NFL die Möglichkeit zu zeigen, wie Führung aussieht«, schrieb die Sportkolumnistin der Washington Post, Sally Jenkins, am Wochenende. Die Liga stehe vor großen Herausforderungen, aber diese seien keine anderen als die, vor denen das Land stehe, und nun brauche es vernünftige Entscheidungen statt Verunsicherung durch panische, sich widersprechende Botschaften.

Ganz einfach wird das jedoch nicht: Die Liga reagierte zwar auf die Infektionen sofort und verschob die nächsten Spiele zunächst um zwei Tage, um den weiteren Verlauf zu beobachten. Sollten in den folgenden Tagen weitere Personen positiv getestet werden, sollen die Spiele abgesagt und später neu angesetzt werden; falls dagegen keine weiteren Fälle auftreten, sollen die Spiele nur mit leichter Verspätung stattfinden.

Allzu viele pandemiebedingte Verschiebungen würden die NFL allerdings vor große logistische Probleme stellen. Einfach die aus dem Fußball geläufigen sogenannten Englischen Wochen einzulegen, also unter der Woche ein zusätzliches Spiel anzusetzen, ist beispielsweise kaum möglich. Trotz Helmen und sonstiger Schutzausrüstung übersteht kaum kein Spieler ein Match ohne Blessuren, die abheilen müssen. Normalerweise liegen sechs spielfreie Tage zwischen den Spieltagen und eine Verschiebung um zwei Tage würde bedeuten, dass es vor dem folgenden Spiel nur vier Tage Pause gibt. Die Folge wären weniger Regeneration, mehr Ausfälle durch kleinere Verletzungen und bei denen, die fit genug zum Spielen sind, eine höhere Verletzungsanfälligkeit. Alle sieben Tage ein Match gilt schon als derart kurzer Zeitraum, dass die Tage standardmäßig fest mit dem Trainingsprogramm assoziiert werden. Wenn Teams, statt sonntags zu spielen, am Montag antreten müssen, reden die Coaches oft davon, dass diese Woche Donnerstag der Mittwoch sei. Eine Verschiebung um zwei Tag wäre also bereits ein starker Eingriff.

Doch auch sonst ist die Zeit knapp. Jedes Team hat nur einen einzigen freien Termin. Diese spielfreien Tage sind für die einzelnen Franchises über die Saison verstreut, ein Match um ein paar Wochen zu verschieben, ist daher meist mit einer großen Änderung der Planung für mehrere Termine verbunden – nämlich immer dann, wenn die beiden beteiligten Teams eines verschobenen Spiels nicht dieselbe spielfreie Woche ­haben. Bevor die Playoffs beginnen, gibt es aber nur diesen einen freien Termin, plus das spielfreie Wochenende nach Abschluss der Saison vor den Playoffs selbst.

Noch mag niemand diesen Termin anfassen, aber wenn man bedenkt, dass ein größerer Ausbruch von Covid-19 nicht innerhalb einer Woche erledigt sein wird und ein betroffenes Team für eine Verschiebung auch in den Kalendern eines zweiten Teams sorgt, wird sehr schnell deutlich, wie optimistisch die Zeitplanung ist. Damit alles klappt, wird es wohl sehr viel Glück brauchen. Offiziell gibt es bisher keine Pläne, die Saison über einen längeren Zeitraum aus­zudehnen. Notfallpläne dafür dürften jedoch wohl in den Schubladen liegen, doch Transparenz hat eben auch bei der NFL ihre Grenzen.