Der Tod eines 15jährigen Flüchtlings auf Sizilien

Sein Name war Abou

Der Tod eines 15jährigen Flüchtlings auf Sizilien veranschaulicht die unmenschlichen Verhältnisse, denen aus Seenot Gerettete ausgesetzt sind.

Abou war 15 Jahre alt. Er kam aus der Côte d’Ivoire und hatte Anfang vergangenen Monats von Libyen aus die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer nach Europa gewagt. Wie lange er zuvor bereits auf der Flucht war, ist nicht bekannt; von der Côte d’Ivoire bis nach Libyen sind es über 3 000 Kilometer. Auch ob er Monate oder Jahre im Transitland Libyen auf die Überfahrt gewartet hatte und vielleicht sogar in einem der berüchtigten libyschen Folterlager interniert gewesen war, weiß man nicht.

 Auf die 600 Menschen an Bord des Quarantäneschiffs »Allegra« kam nur ein Arzt.


Er befand sich zusammen mit 77 anderen Geflüchteten auf einem kleinen Boot, das in Seenot geraten war, als das spanische Rettungsschiff »Open Arms« ihn am 10. September vor Malta aufgriff. Bei seiner Rettung war Abou nach Angaben der NGO Proactiva Open Arms und der medizinischen Hilfsorganisation Emergency erschöpft und dehydriert; wie die meisten Menschen auf dem Boot litt er unter schwerer Unterernährung. Zudem wies er am ganzen Körper Narben von Folter auf.

Anzeige

Nach seiner Rettung musste Abou acht weitere Tage auf offener See an Bord der »Open Arms« verbringen, die in dieser Zeit fast täglich weitere Schiffbrüchige aufnahm. Obwohl die See immer unruhiger und die Lage an Bord immer kritischer wurde, verweigerten sowohl Malta als auch Italien der »Open Arms« die Einfahrt in ihre Häfen. Mitte September ankerte das Schiff eineinhalb Kilometer vor dem Hafen von Palermo, der Hauptstadt Siziliens. Es hatte 278 Menschen aufgenommen und war damit deutlich überfüllt. Das Schiff wartete auf die Erlaubnis, dass die Menschen an Land bringen zu dürfen. In ihrer Verzweiflung sprangen in den folgenden Tagen über 100 Geflüchtete von Bord und versuchten, schwimmend das Festland zu erreichen.

Erst diese Bilder und internationaler Druck sorgten dafür, dass den restlichen Menschen erlaubt wurde, von Bord zu gehen – aber nicht nach Sizilien, sondern nur auf ein anderes Schiff, die »Allegra«. Dort mussten sie nun mit Hunderten weiterer Menschen zwei weitere Wochen in Quarantäne ausharren, so wie es die italienischen Regeln zum Schutz vor Covid-19 vorschreiben. Der Name des Schiffs – »die Fröhliche« – gewinnt in diesem Zusammenhang eine zynische Note.

Auch Abou sollte auf das Quarantäneschiff verlegt werden. Sein Gesundheitszustand hatte sich jedoch kurz zuvor verschlechtert. Er klagte er über starke Schmerzen in der Lendenwirbelsäule und hatte Fieber. Das medizinische Personal der »Open Arms« legte ihm eine Infusion und gab ihm Schmerzmittel sowie Antibiotika. Zudem testete es ihn am 17. und am 18. September je einmal auf Sars-CoV-2. Beide Tests fielen negativ aus. Direkt an Land durfte Abou trotzdem nicht. Da es ihm nach der Behandlung etwas besser ging, wurde er, noch am Tropf hängend, am 18. September auf das Quarantäneschiff gebracht.

Dort verschlechterte sich sein Zustand rasant. Auf die mittlerweile 600 Menschen an Bord der »Allegra« kam nur ein Arzt. Der Jugendliche wurde apathisch, sprach nicht mehr, weigerte sich, zu trinken und zu essen. Als andere Geflüchtete Alarm schlugen, wurde er am 28. September, also erst zehn Tage nach seiner Ankunft auf dem Quarantäneschiff, erneut untersucht. Der Arzt veranlasste sofort die Überführung in ein Krankenhaus in Palermo. Als Abou zwei Tage darauf dort ankam, war er nicht mehr ansprechbar. Er musste intubiert werden, einen Tag später fiel er ins Koma. Am Montag vergangener Woche ist er verstorben.

Die Staatsanwaltschaft von Palermo untersucht nun den Tod des Jugendlichen. Proactiva Open Arms kritisierte die Quarantänevorschriften für auf See aufgegriffene Geflüchtete und die Bedingungen der Internierung. Am Dienstag voriger Woche schrieb die NGO in einer Pressemitteilung: »Die Personen, die wir auf See retten, sind in schlechtem Zustand, sie haben Misshandlungen und Gewalt erlitten und haben Tage des Wartens auf See verbracht.« Am selben Tag sprangen sieben Menschen von einem Quarantäneschiff, das mit über 300 Geflüchteten an Bord im Hafen der sizilianischen Stadt Trapani vor Anker liegt, ins Meer.

In Palermo gab es am Dienstagabend voriger Woche eine Protestkundgebung, an der auch der Bürgermeister der Stadt, Leoluca Orlando, teilnahm. »Grenzen töten«, stand auf einem Transparent. In diesem Fall haben sie den 15jährigen Abou getötet, der sich, selbst nachdem er gerettet worden war, noch nicht in Sicherheit befand. »Er hat Libyen und das Meer überlebt, aber nicht das unendliche Warten, das für Migranten vorgesehen ist«, schrieb die Journalistin Raffaella Cosentino, die auf Sizilien für den öffentlich-rechtlichen Fernsehsender RAI arbeitet, auf Twitter.