Zwei Neuveröffentlichungen beschäftigen sich mit Charlotte Perriand

Streiterin für die Liege

Wer hat sie erfunden? Gleich zwei Veröffentlichungen beschäftigen sich mit Charlotte Perriand und streifen die Frage nach der Urheberschaft berühmter Le-Corbusier-Möbel.

Die französische Architektin Charlotte Perriand war nicht nur eine begnadete Fotografin, sie ließ sich auch gern fotografieren. So existieren neben ihren eigenen fotografischen Arbeiten auch zahlreiche Fotos, die sie selbst porträtieren und wichtige Stationen ihrer glamourösen Vita dokumentieren. Darunter sind ebenso Urlaubsfotos wie Gruppenaufnahmen und Nacktbilder sowie zahlreiche Fotos, die Perriand bei der Arbeit zeigen. Eine sportliche Frau mit Garçon-Schnitt, die mal in weißen Shorts, mal im Cocktailkleid posiert und stets mit wachem Blick in die Kamera schaut.

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Das bekannteste Bild von ihr ist eine Rückenansicht. Mit nacktem Oberkörper, nur eine Perlenkette um den Hals, steht sie vor verschneiter Hochgebirgskulisse auf einem Berg; die Arme zur Siegerpose hochgerissen. Die grandiose Aufnahme aus dem Jahr 1930 ziert auch das Cover des kürzlich erschienenen Bildbandes »Charlotte Perriand. Ihr Leben als moderne und unabhängige Frau« von Laure Adler. Das Bild hat Symbolwert. Die französische Autorin feiert Perriand als eine »große Den­kerin des Raums«, deren visionäres Werk denselben Rang beanspruche wie die Arbeiten ihrer Zeitgenossen Picasso, Léger und Le Corbusier. Aber erst in jüngerer Zeit würdigten größere Retrospektiven ihre Bedeutung für einen neuen, an den Bedürfnissen des Menschen orientierten Architekturstil. Bis Anfang der Siebziger war die 1903 in Paris geborene Designerin, Architektin und Fotografin, die bis ins hohe Alter tätig war, selbst in Frankreich eher unbekannt. Laure Adler gibt Le Corbusier zumindest indirekt Mitschuld daran.

Nicht zuletzt der Streit um die Urheberschaft des »Fauteuil grand confort« und der »Chaise longue basculante« hat das Verhältnis zwischen Perriand und Le Corbusier zerrüttet. Die Möbel, die Le Corbusier allein auf seinen Namen zum Patent anmeldet, wurden zwar von ihm konzipiert, aber von Perriand gezeichnet und realisiert. Deren Namen habe Le Corbusier praktisch »ausgelöscht«, schreibt Adler.

Perriands Karriere begann, als die 24jährige auf dem Pariser Herbst­salon 1927 ihre »Bar unterm Dach« vorstellte. Nicht nur die Konstruktion aus vernickeltem Kupfer und eloxiertem Aluminium sorgte für Aufsehen, sondern auch das in dem ­Arrangement aus Tisch und Stühlen zum Ausdruck kommende hedonis­tische Lebensgefühl einer Junggesellin. Perriand war von den sozialistischen Idealen der Gleichheit aller Menschen gleich welcher Herkunft und welchen Geschlechts überzeugt.
»Wir besticken hier keine Kissen«, soll Le Corbusier gesagt haben, als sich Perriand in seinem Atelier bewarb. Eine Bemerkung, die ihn als sexistischen Unsympathen zeigt. Keine Darstellung von Perriands Biographie kommt ohne ihre Erwähnung aus. Zur Ehrenrettung des Schweizer Architekten und Theoretikers ist aber zu sagen, dass der Ausspruch sich zuallerst gegen den ihm verhassten Art-déco-Stil wendet, auf den Perriand zu Beginn ihres Studiums wie seinerzeit üblich eingeschworen wurde. Perriand lehnte das Dekora­tive in der Kunst jedoch genauso entschieden ab wie der berühmte, aber als schwierig geltende Le Corbusier, dessen Assistentin sie zehn Jahre lang sein wird, bevor sie die Zusammenarbeit aufkündigt, um eigene Wege zu gehen.

1940 verabschiedet sich Perriand von ihrem Mentor und Chef. Mit dieser Szene beginnt Charles Berberians Graphic Novel »Charlotte Perriand. Eine französische Architektin in Japan«. Es ist die zweite Veröffentlichung in diesem Jahr, die sich mit ihr beschäftigt. Ergänzt wird die Graphic Novel, die sich auf die Jahre 1940 bis 1942 konzentriert, durch ein ausführliches Interview mit Perriands Tochter Pernette, die über zwei Jahrzehnte die Assistentin ihrer Mutter war und sie auf ihrer zweiten großen Japan-Reise begleitet hat.

Berberian zeigt Perriand in jener Phase, als sie sich vom Einfluss Le Corbusiers löste und ihre eigene Karriere verfolgte: Auf Einladung des japanischen Ministeriums für Handel und Industrie war sie als Beraterin für das industrielle japanische Kunsthandwerk in Tokio und Osaka tätig. Als Vorlage für seine eleganten Aquarellzeichnungen dienten Berberian etliche Fotos aus Perriands Privatalbum. Auch das berühmte Oben-ohne-Foto wird im Comic zitiert. Le Corbusier, der verlassene Meister, kramt es hervor und stöhnt: »Die Frauen werde ich einfach nie verstehen.« Die begeisterte Alpinistin erklimmt zu dieser Zeit in bereits neue Gipfel – in der Bergwelt Japans, aber auch in der dortigen Architekturszene. Ihre Ausstellung »Selektion, Tradition, Kreation«, in der sie erstmals mit Bambus arbeitete, wurde auch außerhalb Japans viel beachtet. Der von ihr gestaltete niedrige Hocker aus Holz wird in Japan geliebt und ist bis heute ein Designklassiker. Die Kämpfe mit Le Corbusier sind nur noch Erinnerung. Ein großer schwarzer Rabe mit Fliege und dicken Brillengläsern, der unverkennbar die Züge Le Corbusiers hat, gesellt sich im Comic an die Seite der erfolgreichen Architektin und redet ihr ein schlechtes Gewissen ein. »Ach, Charlotte, was hast du mir angetan.« Einer der wichtigsten Gestalter der Moderne wird zum traurigen Vogel gemacht. Das ist zwar nicht unkomisch, wird aber Le Corbusier auch nicht wirklich gerecht. Ähnlich wie Adler gelingt es Berberian leider nicht, seine Verehrung für Perriand auszudrücken, ohne deren Mentor eins auszuwischen.

Nicht zuletzt der Streit um die ­Urheberschaft des Fauteuil grand confort und der Chaise longue ­basculante hat das Verhältnis zwischen Perriand und Le Corbusier ­zerrüttet. Die Möbel, die Le Corbusier allein auf seinen Namen zum Patent anmeldet, wurden zwar von ihm konzipiert, aber von Perriand gezeichnet und realisiert. Deren Namen habe Le Corbusier praktisch »ausgelöscht«, schreibt Adler.

Lässt man sich auf das Vergleichen zweier ungleicher Karrieren ein, fällt sofort auf, was dem Werk Perriands mangelt: die theoretische Fundierung, die Le Corbusier als Vordenker des Urbanismus zu der Bedeutung verholfen hat, die er immer noch hat. Umgekehrt fehlte ihm der Sinn für Repräsentation, den die um 16 Jahre jüngere Perriand zweifellos besaß. Perriand gestaltete nicht nur die Möbel und Häuser für den modernen Menschen, sie verkörperte diesen Typus auch ganz und gar. Ausgestreckt auf der elegant geschwungenen Liege aus Stahlrohr ließ sie sich 1930 fotografieren: ein symbolischer Sieg im Kampf um die Liege.

Laure Adler: Charlotte Perriand. Ihr Leben als moderne und unabhängige Frau.
Aus dem Französischen von Martin Bayer. Elisabeth-Sandmann-Verlag, Berlin 2020, 192 Seiten, 44 Euro
Charles Berberian: Charlotte Perriand. Eine französische Architektin in Japan. 1940–1942. Aus dem Französischen von ­Ulrich Pröfrock. Reprodukt, Berlin 2020, 112 Seiten, 20 Euro