Kühe und Wölfe im Kleingarten

Kühe, Wölfe, Federvieh

Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 69

Das große Finale rückt näher. Am 10. Dezember ist Schluss mit dieser Kolumne in der Jungle World. Danach wird der letzte linke Kleingärtner mit seiner Kolumne ein Migrant sein auf der Suche nach Asyl. Wo wird er unterkommen? Wer wird ihn aufnehmen? Das alles sind Fragen, die die Welt bewegen. Ab sofort sammele ich digitale und analoge Grußkarten der Anteilnahme sowie des Ausdrucks von Schmerz und Trauer wegen des schweren Abschieds. Aber immerhin: Das Finale findet an einem großen Tag statt. Dem Tag der Menschenrechte. Das passt zu mir, da mein großes Thema die Ernährung der Menschheit ist. Es geht um alles und dies global. Große Themen sind immer Chefsache, sonst geht da nichts voran.

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Und rechtzeitig vor dem Abschied des linken Kleingärtners regnet es endlich wieder. Im Oktober sogar in mehreren Regionen Deutschlands richtig ordentlich. Fast ist man geneigt, die vergangenen drei Jahre Trockenheit zu vergessen. Unsereiner lässt sich ja gerne vom Alltäglichen blenden und vergisst 35 Monate der Wasserknappheit.

Als Kleingärtner lungere ich oft auf Bauernhöfen herum und schaue, ob dort alles seine Ordnung hat. Vieles hat sich in Sachen Tierhaltung deutlich zum Besseren entwickelt. Mit der von sensiblen Ökos abgelehnten Anbindehaltung von Kühen, die in Bayern des Öfteren vorkommt, ist es allerdings so eine Sache. Einerseits stimmt es, dass Tiere frei im Stall herumlaufen und am besten viel Weidegang haben sollten. Das ist bei den großen Bauernhöfen auch meistens der Fall. Andererseits können sich nur diesen großen finanzkräftigen Höfe ausreichend große Stallungen dafür leisten. Für kleinere Betriebe, die am ehesten dem Ökoideal vom schnuckeligen Bauernhof nahekommen, ist das viel zu teuer. Wenn man diesen Widerspruch im eigenen Alltag nicht aushalten kann, hilft nur noch die große Keule der Veganer und Tierrechtler, die gleich alle Tierhaltung in Grund und Boden verdammen. Nein, da gehe ich nicht mit. Dafür bin ich zu konservativ, das ist mir alles zu radikal. Aber den Blick in die großen traurigen Augen der angebundenen Kuh möchte ich auch nicht aushalten. Dann lese und lege ich mir lieber die Welt zurecht. Vielleicht sollte man über gelegentliche Anbindehaltung für Antisemiten nachdenken.

Die Frage, ob Kühe nun angebunden gehalten werden sollen oder nicht, ähnelt der, ob man Wölfe schießen oder nicht schießen soll. Einerseits sind viele nette Verbraucher dafür, dass Kühe und Schafe so lange wie möglich auf der Weide grasen. Die gleichen netten Verbraucher sind aber ebenso dafür, dass Wölfe sich ausbreiten können und nicht geschossen werden dürfen. Aber wie beschränkt muss man sein, um nicht zu begreifen, dass dies ein Widerspruch ist? Ein Wolf wird sich immer an einer träge grasenden Kuh oder dem friedlich weidenden Schaf schadlos halten, anstatt mit zigfachem Kraftaufwand einem Reh hinterherzuhecheln. Ein Wolf ist ja nicht doof. Also muss sich der nette Verbraucher entscheiden: für die Kuh oder für den Wolf. Dies macht er aber nicht, das überlässt er den Bauern, die sich zwischen Anbinden oder Weiden entscheiden müssen − und ist selbst fein raus.

Bin ich froh, dass ich in meinem kleingärtnerischen Kosmos diese Probleme nicht habe. Mir reicht es, meine fünf Hühner zu hegen und sie gegen Angriffe durch Fuchs und Marder am Boden und durch Habicht und Bussard aus der Luft zu schützen. Und weil ich dies, wie so vieles andere, vorbildlich mache, beschenken sie mich täglich mit vier bis fünf Eiern. Derzeit denken sie gar nicht daran, die Pause einzulegen, die ihnen ihr Biorhythmus nahelegen dürfte. Mein leckeres Futter, mein charmanter Blick und ab und an ein paar freundliche Worte sind einfach zu verlockend. Das möchte auch das dümmste Huhn nicht missen und legt Tag für Tag ein Ei. So soll es sein. Mit seinem Hühnermist macht das Federvieh mir noch ein weiteres großes Geschenk. Den arbeite ich seit Beginn des Jahres nicht mehr über den Kompost und somit auf Umwegen in den Gartenboden ein, sondern streue ihn direkt auf die abgeernteten Beete. Und siehe da: Ich hatte noch nie so große Rote Bete wie dieses Jahr; noch nie so üppige Kohlrabi sowie Weiß- und Grünkohlpflanzen. Das Gleiche gilt für meine Endivien- und Frisée-Salate. Wenn die Klimaerwärmung nur schon weiter wäre und der Winterfrost entfiele, dann könnte ich den ganzen Winter über Salate und Mangold ernten.

Von all dem werden die Leser dieser Zeitung nach dem großen Finale im Dezember nichts mehr erfahren. Die Folgen sind vorhersehbar. Die Bildungslücke in Sachen Ernährung und Pflanzenanbau wird Jahr für Jahr steigen. Clevere NGOs werden bald kostenpflichtige Seminare für die zu Verbrauchern aufgestiegenen ehemaligen Leser anbieten. Kinder bezahlen die Hälfte der Teilnahmegebühr.