Im Gespräch mit Chai Komanduri, Wahlkampfstratege der Demokratischen Partei, über Joe Bidens Wahlkampf und dessen zukünftige Regierung

»Biden hoffte, dass Trump sich selbst sabotiert«

Chai Komanduri war als Wahlkampfstratege unter anderem an den Wahlkämpfen von John Kerry, Barack Obama und Hillary Clinton beteiligt. Geboren wurde er in der indischen Stadt Kakinada. Im Alter von sechs Jahren wanderten seine Eltern mit ihm nach Cherry Hill im US-Bundesstaat New Jersey aus. Mit der »Jungle World« sprach er über die US-Präsidentschaftswahl, Donald Trumps Anziehungskraft und wie die Zukunft des Landes unter der Regierung von Joe Biden und Kamala Harris aussehen könnte. 
Interview Von

Joe Biden hat die US-Präsidentschaftswahl gewonnen, aber die Zitterpartie der vorigen Woche war sicherlich nicht die entscheidende Absage an Donald Trumps Politik, die sich die Demokraten gewünscht haben. Was hat Joe Biden falsch gemacht?

Anzeige

Es stimmt schon, für die Republikaner ist die Wahl verdammt gut verlaufen. Der einzige Republikaner, der wirklich keine gute Wahlnacht hatte, war Donald Trump.


Es hat noch nie ein republikanischer Präsidentschaftskandidat so viele Stimmen bekommen wie Trump, über 70 Millionen Menschen haben für ihn gestimmt. Beunruhigt Sie das nicht?

Also zunächst mal hat Joe Biden sehr viel mehr Stimmen bekommen. Trump hat verloren, das muss man klar sagen. Aber natürlich müssen wir uns fragen, warum es kein eindeutigeres Signal gegen Trump gegeben hat. Die demokratische Partei hat es versäumt, in einigen der swing states die nötige Beinarbeit zu leisten. Alles lief digital, man hat sich dafür entschieden, keine Freiwilligen an die Türen der Wählerinnen und Wähler klopfen zu lassen. Das ist aber unerlässlich, wenn man die Leute überzeugen will. Dadurch wurden unzählige Stimmen einfach nicht mitgenommen.


Also ein strategischer Fehler?

Man wird sicher noch analysieren, was am Wahltag schiefgelaufen ist. Tatsache ist, dass man sich im Wahlkampf nur auf die Briefwahl konzentriert hat und es dabei völlig versäumt hat, politisch Desinteressierte am Stichtag zur Stimmabgabe zu bringen, ihnen den letzten Stupser zu geben. Das war einer von zwei Hauptgründen, warum die Demokraten in der Wahlnacht zunächst so unangenehm überrascht waren.

»Es gibt offensichtlich 70 Millionen Menschen, die lieber in Trumps Amerika sterben wollen, als in Bidens Amerika zu leben.«


Was war der andere Grund?

Die Ergebnisse der Meinungsumfragen waren wieder einmal völlig falsch, wie schon 2016. Es ist offensichtlich unmöglich, in Sachen Trump klare und zuverlässige Umfragewerte zu erhalten. Einer der möglichen Gründe dafür ist wohl der sogenannte Bradley-Effekt.


Können Sie das erläutern?

Die Leute wollen bei Umfragen vermutlich nicht als Rassisten dastehen. Erstmals konnte man das 1982 beobachten, als Tom Bradley, der damalige Bürgermeister von Los Angeles, ein Afroamerikaner, die Gouverneurswahl von Kalifornien verloren hat, obwohl er in den Umfragen einen klaren Vorsprung hatte. Beim Bradley-Effekt geht es also um die Annahme der sozialen Erwünschtheit der eigenen politischen Einstellung. Als 2008 Barack Obama zum Präsidenten gewählt wurde, dachten viele, der Bradley-Effekt sei endlich überwunden, aber das ist offensichtlich falsch. Natürlich kann es auch sein, dass die Meinungsforscher heutzutage viele Menschen einfach nicht erreichen. Die Wählerschaft Trumps scheint sich immer mehr gesellschaftlich abzukapseln. Sie gehen einfach nicht ans Telefon!


Dass Trump so gut abgeschnitten hat, mag vielleicht auch an seiner Botschaft liegen: Alles wird gut! Im Gegensatz dazu wirkte Bidens Botschaft immer etwas trostlos: Esst euren Spinat!

Mag sein. Trump hat zwar letztlich verloren, aber das Ergebnis war knapper als erhofft. Die Demokraten hatten bei dieser Wahl jeden nur erdenklichen Vorteil, aber Joe Biden hätte es dennoch fast vergeigt. Er hoffte darauf, dass Trump sich selbst sabotiert, aber Trump führte am Ende einen sehr disziplinierten Wahlkampf. Das war für Biden ein Problem. Außerdem war es problematisch, dass er keinen erkennbaren Gegenentwurf artikulieren konnte.


Wieso? Ein Kampf um die Seele Amerikas, reicht das nicht?

Ich fand das viel zu vage. Ronald Reagan war 1980 eine klare Alternative, genau wie Bill Clinton 1992. Man braucht ein Programm. In welche Richtung soll’s gehen? Bidens Argument war immer: Ich bin nicht Trump. Und seine Botschaft zu Covid-19 war übrigens ein Flop, wie man an internen Umfragen sehen konnte. Den Leuten ging es in erster Linie um die Wirtschaft, nicht um Covid-19. Biden hätte viel mehr über die Wirtschaft reden müssen. Ich hatte meine Zweifel, dass er es über die Ziellinie schafft, aber wie gesagt: Knapp gewonnen ist auch gewonnen. Das nimmt man gerne.


Wurde Trumps Anziehungskraft unterschätzt?

Wir haben zumindest nicht damit gerechnet, dass Trump sieben Millionen zusätzliche Stimmen verbuchen wird. Es gibt offensichtlich 70 Millionen Menschen, die lieber in Trumps Amerika sterben wollen, als in Bidens Amerika zu leben.


Haben sich die Demokraten mit ihren Vorwahlen selbst sabotiert? Bernie Sanders und Elizabeth Warren wollten die Partei entscheidend nach links bewegen. War es ein Fehler, das nicht zu tun?

Das glaube ich nicht. Bernie Sanders hat die Vorwahlen entscheidend verloren und für Warren war das Ergebnis noch verheerender. 2016 haben viele geglaubt, die Partei würde sich nach links entwickeln, aber nun wissen wir, dass Sanders nur deshalb so viel Unterstützung hatte, weil die Leute Hillary Clinton nicht mochten. Aber der Linkspopulismus wurde im Frühjahr 2020 von den Wählerinnen und Wählern entscheidend abgestraft, zuerst in Europa, beispielsweise mit Jeremy Corbyn in Großbritannien, und dann in den USA. Und jetzt, im Herbst 2020, wurde der Rechtspopulismus auch endlich abgestraft. Die Ära Trump ist zu Ende.


Glauben Sie, Biden wird mit den Republikanern arbeiten können?

Das wird sich zeigen. Noch wissen wir nicht, in welche Richtung sich die republikanische Partei ohne Trump entwickeln wird.


Aber Trump ist ja nicht weg! Er wird womöglich weiterhin im öffentlichen Leben präsent sein. Ist es nicht möglich, dass die Republikaner auch in Zukunft seinen Ring küssen müssen?

Niemand küsst den Ring eines Verlierers. Aber wir werden sehen. Ich denke, Trump ist keine ideologische Figur, sondern ein popkulturelles Phänomen.


Wie meinen Sie das?

Sein Wahlsieg 2016 war eine Reaktion auf die Person Barack Obamas, die bei einer gewissen Wählerschicht erhebliche Nervosität ausgelöst hat. Doch der demographische Wandel ist nicht mehr aufzuhalten. Der erfolgreichste Song des Jahres 2017 in den USA hatte einen spanischen Text, »Despacito« von Luis Fonsi und Daddy Yankee. Die erfolgreichste Band war eine K-Pop-Band, BTS. Der Begriff »Black Panther« steht nicht mehr für afroamerikanische Radikale der sechziger und siebziger Jahre, sondern für einen Superheldenfilm von Walt Disney. Amerika verändert sich und Trump konnte daran nichts ändern. In der Zeit von Roosevelt bis Reagan stritt man sich noch über die Wirtschaft – jetzt streitet man sich über kulturelle Themen. Viele Kernanliegen der Konservativen sind einfach vom Tisch. Interessiert sich heutzutage überhaupt noch jemand für die gleichgeschlechtliche Ehe? Ich höre dazu nichts mehr, auch nicht von konservativen Christen. Und was ist mit der Einwanderung? Trump hat seine Mauer nie gebaut, und es ist allen egal.


Was können wir von der Regierung Bidens erwarten?

Bidens wichtigste Aufgabe wird die Bewältigung der Covid-19-Pandemie, er wird ohne Frage einen landesweiten Plan vorstellen. Hierzu wird es sicher einen Konsens geben. Auch ein neues Konjunkturpaket halte ich für wahrscheinlich. Aber darüber hinaus sehe ich kaum Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit den Republikanern. In der Umweltpolitik wird er vermutlich staatliche Regulierungen durchsetzen.


Biden saß jahrzehntelang im Senat, ist es da nicht denkbar, dass er dort auch Kompromisse erreichen könnte?

Das Potential für eine Zusammenarbeit ist vorhanden. Aber viele Leute erwarten große Veränderungen, und da bin ich eher skeptisch. Es wird in erster Linie darum gehen, wieder zu unseren politischen Normen zurückzukehren. Biden muss den scharfen Ton, der jetzt vorherrscht, etwas runterfahren. Er muss die USA entpolarisieren. Trump hat ihn immer als »Sleepy Joe« gehänselt. Aber Tatsache ist, dass die USA jetzt ein Nickerchen brauchen.