Arthur Koestlers Buch »Mit dem Rücken zur Wand« erzählt von Israels Staatsgründung

Das umgekehrte Pompeji

Der ungarisch-britische Schriftsteller Arthur Koestler reiste kurz nach der Staatsgründung nach Israel und verfasste eine Chronik der ersten Wochen des jüdischen Staats. Unter dem Titel »Mit dem Rücken zur Wand. Israel im Sommer 1948« ist der Bericht nun erstmals auf Deutsch erschienen.

»Aber noch befindet sich alles im Zustand eines unberührten Wirrwarrs, wie am ersten Tage der Schöpfung, bevor Himmel und Erde geschieden wurden, und Beamte der Einwanderungsbehörde »schweben wie auf Wolken durch das Chaos und spendieren den Passagieren Zigaretten und Brandy.« Keine drei Wochen ist der Staat Israel alt, als Arthur Koestler 1948 auf dem Flughafen von Haifa landet. Ein Grenzbeamter begutachtet die Visa des britisch-un­garischen Journalisten und seiner Reisebegleiterin Mamaine Paget stolz. Die improvisiert ausgestellten Papiere sind Symbol dafür, »dass Israel Staatswürde erlangt hat«. Sie ­stehen für einen Anfang, für eine Zäsur in der jüdischen Geschichte – sie tragen die Nummern fünf und sieben.

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Arthur Koestler berichtet im Auftrag des Manchester Guardian, des Figaro und der New York Herald Tribune, er ist einer der ersten und prominentesten internationalen Korrespondenten an Ort und Stelle. Nur wenige Stunden nach der israelischen Unabhängigkeitserklärung am 14. Mai hat eine Koalition aus Ägypten, Syrien, Jordanien, Saudi-Arabien, dem Libanon und dem Irak den jüdischen Staat angegriffen. Kurz bevor Koestler am 4. Juni ins Land kommt, beginnen UN-Gesandte mühsame Verhandlungen für einen Waffenstillstand. Ab Februar 1949 kommen Waffenstillstandsabkommen mit den arabischen Nachbarstaaten zustande.

Hellsichtig ahnte Koestler schon 1948 die Entwicklung Israels zur Hightech-Nation voraus. Nach einem Besuch des gerade erst eröffneten Weizmann-Instituts für Wissenschaften in Rehovot notierte er: »Israels Zukunft wird bestimmt in diese Richtung gehen: innovative Industrieproduktion durch kreative Methoden.«

Mit der Staatsgründung Israels ist für Arthur Koestler, der 1905 als Sohn eines deutsch-jüdischen Fabrikanten in Budapest geboren wurde, ein Traum Wirklichkeit geworden. Bereits knapp zwei Dekaden zuvor war der Journalist mehrmals im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina. Im Norden des Landes lernte er als 20jähriger das Leben im Kibbuz kennen, zudem hielt er sich in Haifa, Tel Aviv und Jerusalem auf. Nachdem er für kurze Zeit in Berlin das Büro der revisionistisch-zionistischen Partei von Ze’ev Jabotinsky geleitet hatte, lebte er ab 1927 für zwei Jahre als Korrespondent des Ullstein-Verlags in Palästina.

Ab 1930 arbeitete Koestler als Journalist in Berlin, Anfang 1932 wurde er Mitglied der KPD. Als Berichterstatter im Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Republikaner wurde er von Francos Truppen gefangengenommen und erwartete seine Hinrichtung. Durch eine britische Intervention konnte Koestler in den von der Vichy-Regierung kontrollierten Teil Frankreichs entkommen, wo er jedoch interniert wurde. Schließlich gelangte Koestler nach England, wo er von 1940 bis zu seinem Suizid 1983 lebte. Sein Roman »Sonnenfinsternis«, eine 1940 erschienene literarische Auseinandersetzung mit dem Stalinismus, machte ihn weltberühmt.

1949 wurde in den USA der Bericht »Promise and Fulfillment: Palestine 1917–1949« veröffentlicht, nachdem sich kein britischer Verlag dafür gefunden hatte. Die Originalveröffentlichung besteht aus drei Büchern. Das erste, »Background«, behandelt die Vorgeschichte der Staatsgründung, das letzte, »Perspectives«, versammelt weiterführende Gedanken. Das mittlere Buch, »Close-up«, ist nun unter dem Titel »Mit dem Rücken zur Wand. Israel im Sommer 1948« im Verlag Elsinor erstmals in deutscher Übersetzung erschienen. Koestlers Bericht über seinen Aufenthalt von Anfang Juni bis Mitte Oktober 1948 ist im Tagebuchstil verfasst und enthält detaillierte Beschreibungen des Kriegsgeschehens, der politischen Entwicklungen in dem jungen Staat sowie der Schwierigkeiten, die mit der Staatsgründung einhergingen. Dazu kommen Beobachtungen und Reflexionen des Alltags im jüdischen Staat. »Die ganze Angelegenheit« hatte für Koestler einen »kaum greifbaren, traumartigen Charakter«.

»Was wir hier erleben, ist eine Art Umkehrung dessen, was in Pompeji geschah«, schreibt Koestler. »In Pompeji wurden Schuljungen, die gerade mit ihren Murmeln spielten, urplötzlich von der Lava erstickt, und sie erstarrten zu Monumenten. Schlagartig wurden sie von der alltäglichen auf die tragische Ebene versetzt.« In Israel hingegen empfänden alle Juden deutlich, dass sie »mitten in einem Lavastrom der Geschichte stecken«, in dem alles, was zu diesem Zeitpunkt geschehe, für die Ewigkeit bewahrt werde. »Selbst die Schuljungen, die mit ihren Murmeln spielen, spüren, wie ihnen die Geister der Makkabäer über die Schulter schauen.«

Nicht wenige Beschreibungen lesen sich derart bildhaft. Andere Passagen prägt eher ein nüchterner oder auch humorvoll-distanzierter Stil. Koestler ist keineswegs ein neutraler Berichterstatter, der auf Distanz zum Geschehen geht. Als überzeugter Zionist, so schreibt Gil Yaron in seinem Geleitwort, begriff er das Leid der Palästinenser »über seinen Intellekt«, mit dem Schicksal der Juden hingegen »verband ihn sein Herz«. Koestler selbst schreibt im Vorwort zur englischen Originalausgabe, ihm gehe es um einen Zustand »ausgewogener Emotionen«.

Koestler machte sich in Israel auf die Suche nach Menschen, die wie durch Zufall und häufig äußerst improvisierend in die Geschichte eingriffen. Im Kibbuz Degania etwa trifft er auf zwei Bewohner, die die heranmarschierende syrische Armee mit zwei Brandbomben aufhalten konnten: »Eine davon warf Shalom Hochbaum aus Kattowitz, der zwei Jahre zuvor nach Degania gekommen war, nachdem er insgesamt fünf Jahre in dreizehn verschiedenen Konzentrations- und Flüchtlingslagern verbracht hatte, u. a. in Bergen-Belsen. Die zweite hatte Yehuda Sprung aus Krakau geworfen, achtunddreißig Jahre alt, Frau und zwei Kinder, zwölf Jahre in Degania, davor Jurastudent an der Krakauer Universität.«

Für Außenstehende mag der israelische Unabhängigkeitskrieg gewirkt haben, als wären die »Wüstensöhne in einen Heiligen Krieg gegen die auferstandenen Makkabäer« in die Schlacht gezogen, schreibt Koestler. In der Realität aber kämpften »kleine, hoffnungslos dilettantische Banden levantinischer Söldner« ­gegen die »behelfsmäßig zusammengestellten Einheiten jüdischer Bürgerwehr, begleitet von viel Trara und Großtuerei auf beiden Seiten«.

Von großer Bedeutung für den Verlauf der Geschichte waren Koestler zufolge Leute wie Yehuda Sprung – der, »als er zum ersten Mal in seinem Leben einen echten Panzer in Aktion sah, nicht davonlief, sondern aus zehn Meter Entfernung eine Flasche nach ihm warf«. Sprung überschritt damit, so Koestler, »in halb benommenem Zustand jenen Himmelsäquator, der die triviale von der historischen Sphäre trennt«. Wie stark wiederum einige der jüdischen paramilitärischen Einheiten untereinander verfeindet waren, beschreibt Koestler anhand von Auseinandersetzungen zwischen Haganah, Irgun und Lehi.

Hellsichtig ahnte Koestler schon 1948 die Entwicklung Israels zur Hightech-Nation voraus. Nach einem Besuch des gerade erst eröffneten Weizmann-Instituts für Wissenschaften in Rehovot notierte er: »Israels Zukunft wird bestimmt in ­diese Richtung gehen: innovative Industrieproduktion durch kreative Methoden.« Kritisch äußert er sich dagegen über die Zustände in den jüdisch-religiösen Schulen mit ihrer »mittelalterlichen Bibelauslegung«, die sich dem Wissen verschließt. Ohnehin sei die gesellschaftliche Integration der rasant wachsenden ultraorthodoxen Bevölkerung ein wichtige und dringende politische Aufgabe.

Koestlers lebendiger Augenzeugenbericht gibt nicht nur Einblicke in die ersten Wochen und Monate nach der Staatsgründung, in seinen Beobachtungen scheinen bereits viele die israelische Gesellschaft bis heute prägenden Konflikte auf.

Arthur Koestler: Mit dem Rücken zur Wand. Israel im Sommer 1948: Ein Augenzeugenbericht. Aus dem Englischen von Karin Moskon-Raschick. Elsinor-Verlag, Coesfeld 2020, 176 Seiten, 25 Euro