Wie sich Frankreichs »Kollapsologen« auf den Weltuntergang vorbereiten

Den Untergang vorwegnehmen

In Frankreich verbindet die Idee des Kollapses verschiedene Strömungen der Ökologiebewegung. Die Frage, was man tut, bis es so weit ist, wird unterschiedlich beantwortet.

Stille in den Städten, Ruhe auf den Straßen und Einsamkeit in den Parks – solche Erfahrungen stellten im lockdown für viele Menschen eine psychische, soziale und gesundheitliche Belastungsprobe dar. Auf manche jedoch wirkt der gesellschaftliche Rückzug wie ein Jungbrunnen. In einer katastrophisch empfundenen Gegenwart sehen sie keine andere Lösung, als sich von den Errungenschaften und Vorzügen des urbanen kapitalistischen Lebens zu verabschieden.

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In Frankreich ist in kapitalismuskritischen und ökologiebewegten Kreisen seit einigen Jahren die Rede vom Kollaps, die Idee des Zusammenbruchs der globalisierten kapitalistischen Gesellschaften verbreitet. Sie treibt ideologisch ganz unterschiedlich orientierte Wissenschaftlerinnen, Künstler, Kommunardinnen und Systemtheoretiker um, aber auch rechte Prepper, die den gesellschaftlichen Zusammenbruch – je nach Standpunkt – befürchten oder herbeisehnen.

Die Soziologin Natalie Gravenor sieht den Erfolg der »Kollapsologie« in der Verbindung der Ergebnisse von Wissenschaftsstudien, Science-Fiction und Krisenrhetorik begründet.

Es ist nicht erst die Covid-19-Pandemie und auch nicht nur der Klimawandel, der diese Vorstellung speist. Der Zusammenbruch wird in ganz unterschiedlichen Szenarien ausgemalt. Er könne sich im Stocken der bestehenden Energieversorgung oder dem Zusammenbruch der Nahrungsmittelproduktion und der Lieferketten äußern. Andere sehen ein Ende der urbanen Lebensweise kommen.

Vordenker dieser Strömung in Frankreich sind der Agronom Pablo Servigne und der Ökonom Raphaël Stevens. Sie haben ihr mit ihrem Buch »Comment tout peut s’effondrer: Petit manuel de collapsologie à l’usage des générations présentes« (Wie alles zusammenbrechen kann: Kleines Handbuch für den Gebrauch der gegenwärtigen Generationen) ein Manifest geschrieben. Auch Jared Diamonds zuerst 2005 veröffentlichtes Buch »Collapse. How Societies Choose to Fail or Succeed« ist ein wichtiger Bezugspunkt.

Das vom lateinischen collapsus abgeleitete deutsche Wort Kollaps kennt die französische Sprache nicht; ein ­totaler oder rapider Zusammenbruch nennt sich dort effondrement. Servigne und Stevens verwenden die wissenschaftlich anmutende Selbstbezeichnung als »Kollapsologen« zwar eher mit einem Augenzwinkern, doch hat sich dieser Begriff mittlerweile medial durchgesetzt. Als collapsologie wurde die Strömung 2020 mit einem Eintrag im französischen Standardwörterbuch »Petit Robert« aufgenommen.

Servigne und Stevens wollen den Kollaps jenseits philosophischer Spekula­tion und interdisziplinär untersuchen. Es geht ihnen nicht darum, ein Handbuch für das Leben nach dem Zusammenbruch zu schreiben. Sie wollen auch nicht nur wissenschaftliche Fakten anhäufen, sondern diesen eine gesellschaftliche Bedeutung geben. Indem sie unterschiedliche historische, gesellschaftliche und wissenschaftliche Facetten des Kollapses untersuchen, wollen sie zum Verständnis der Gegenwart beitragen. Ihr erklärtes Ziel sei nicht, die »zehn schlimmsten Geschichten des Jahrhunderts zu erzählen«, sondern einen »theoretischen Rahmen für Initiativen« zu schaffen, die in eine »nachfossile Welt« weisen. Die Soziologin Natalie Gravenor sieht Servignes und Stevens Erfolg in der gekonnten Verbindung der Ergebnisse von Wissenschaftsstudien, Science-Fiction und Krisenrhetorik begründet.

Während Servigne und Stevens ihr Buch nicht als pessimistisch verstanden wissen wollen, schlägt das Manifest der Kollapsologen des Lyoner Vereins Adrastia einen anderen Ton an. Der Höhepunkt menschlicher Zivilisation sei überschritten, die Ressourcen erschöpft. Angesichts dieser unwiderruflichen Tatsache müsse man sich unbequemen Fragen stellen: »Wie können Verteilungskämpfe verhindert oder ­reguliert werden«? »Wer wird die Mittel besitzen, die Leiden zu mildern, die mit dem Verlust von Wohlstand, Gesundheit und Sicherheit verbunden sind?« Wie kann man sich dem »kollektiven, massenhaftem Sterben stellen«? Und das, ohne die Lust am Leben zu verlieren?

Wieder andere ziehen aus der Erwartung des Zusammenbruchs Konsequenzen für ihre Lebensgestaltung. Der bekannteste Vertreter dieser Richtung dürfte der 74jährige Grünen-Politiker Yves Cochet sein, der von 2001 bis 2002 Umweltminister unter Premierminister Lionel Jospin war. Er war bereits in den siebziger Jahren in der Anti-Atomkraft-Bewegung und bei den Vorläufern der französischen Grünen aktiv. Wissen um ökologische Probleme und die Unzulänglichkeit des politischen Umgangs mit diesen kann man ihm kaum absprechen.

Cochets Berechnungen und Prognosen sind jedoch gewagt. Er hält das Ende der »thermofossilen«, also auf der Verbrennung fossiler Energieträger ­beruhenden Industriegesellschaft für 2025 »wahrscheinlich«, für 2030 jedoch »gesichert«. Dann werden ihm zufolge Autos als Fortbewegungsmit­tel durch Pferde ersetzt sein, da kein Erdöl mehr gefördert werden könne. Bis 2040 prognostiziert er einen Rückgang der Erdbevölkerung um vier ­Milliarden infolge von Hungersnöten und Konflikten um knappe Ressourcen. Auf seinem Grundstück in der Bretagne, wo er Pferde hält, Obstbäume aberntet und ein Plumpsklo benutzt, bereitet er sich darauf vor, als Selbstversorger über die Runden zu kommen, wenn die allgemeine Lebensmittelversorgung zusammenbricht. Wie kürzlich in Le Monde zu lesen war, sieht er mit der Krise des Gesundheitssystems infolge der Covid-19-Pandemie seine Prognosen bestätigt.

In einer im Juni 2019 erstmals ausgestrahlten Ausgabe des Fernsehmagazins »Envoyé spécial« traten neben Cochet auch rechte Prepper auf. Der französische Soziologe Bertrand Vidal wird im Guardian mit der Aussage zitiert, dass auch für diese Kreise die breit diskutierten Kollapstheorien und ihr Appell für ein naturnahes Leben attraktiv seien. Die Auffassung, man müsse sich auf den »Überlebenskampf« nach dem Zusammenbruch der städti­schen Zivilisation mit Waffendepots vorbereiten, ist unter Rechten nicht verschwunden.

Auf eine weitere Überschneidung rechten Preppertums mit der Ökobewegung weist Vidal hin: die neomalthusianische Vorstellung globaler Überbevölkerung ist selbst bei denjenigen zu finden, die die sozioökonomischen Verhältnisse als Ursache prognostizierter Ressourcenknappheit sehen. Yves Cochet wird nicht müde, das Bevölkerungswachstum zu problematisieren.Vidal sieht in der Covid-19-Krise, die der Finanzkrise, begleitet von der Debatte über die Klimakrise, folgte, die ideologische Distanz zwischen den unterschiedlichen Anhängern der Kollaps-Idee schwinden.

Die »Kollapsologie« in ihren spirituellen und alternativ-ökonomischen Varianten bleibt in der französischsprachigen Linken nicht unwidersprochen. Verweigerung als politische Strategie, einer als total verstandenen ökonomischen und politischen Megamaschine zu entkommen, wurde in einigen Landkommunen bereits nach dem Erscheinen des Buchs »Der kommende Aufstand« im Jahr 2007 propagiert. Der belgische Agraringenieur, NGO-Gründer und Klimaaktivist Daniel ­Tanuro, der sich selbst als Ökosozialist bezeichnet, wirft Servigne und Stevens vor, kapitalistische Produktionsverhältnisse blieben in ihrer Zeitdiagnose ein blinder Fleck.

Catherine und Raphaël Larrère kritisierten in ihrem erst im September ­erschienenen Buch »Le Pire n’est pas certain: Essai sur l’aveuglement catastrophiste« (Das Schlimmste steht nie fest. Essay über die katastrophenverliebte Blindheit), in der Untergangsvision könne man es sich bequem einrichten. Da im Fortgang der Covid-19-Pandemie Allianzen von Wissenschaftsskeptikern, Apokalypsefanatikern und ethnopluralistischen Kulturkämpfern zu befürchten stehen, wäre Bequemlichkeit wohl das geringere Übel.