Tipps für den sportlichen ­Zeitvertreib in der Pandemie

Eierlikör, Rückwärtsfahren und Tauziehen

Die wunderbare Welt des Sports besteht aus viel mehr als bloß Profifußball – in Pandemiezeiten bekommen Tauziehen, Curling oder Autorennen mit Wohnwagen-Handicap endlich die gebührende Aufmerksamkeit der Sportfans.

Der November ist kein guter Monat, um draußen Sport zu treiben. Er ist dunkel, nass und kalt, was auch für eine Reihe weiterer Monate gilt. Wer meint, sich in dieser grauenhaften Jahreszeit, die einen immer wieder daran erinnert, dass die Region nördlich der Alpen von den Verlierern der Völkerwanderung besiedelt wurde, unbedingt sportlich betätigen zu müssen, weicht für gewöhnlich in geschlossene Räume aus. Da aber in diesem Jahr in Sporthallen und Fitnessstudios das heimtückische neuartige Coronavirus lauert, sind diese bis auf weiteres geschlossen. Bittere Zeiten für Sportsfreunde? Nein, natürlich nicht! Covid-19? Herausforderung angenommen! Dank des Internets kann man Sport zu Hause genießen und dabei sogar Bier trinken und Chips essen.

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Das funktioniert zum Beispiel beim Schach, einem Spiel, bei dem es schon ausreichend Nervennahrung braucht, wenn man Übertragungen online anschauen will. Zwei Menschen sitzen an einem Tisch, ihre Gehirne ringen miteinander, sie nutzen kleine Holzfiguren, um einander zu demütigen oder fiese Fallen zu stellen. Das gibt es auf dem Schachkanal der Streaming-Plattform Twitch zu sehen. In den manchmal stundenlangen Pausen zwischen den einzelnen Zügen sinnieren dort Menschen mit sonoren Stimmen über Schach.

Wo steht geschrieben, dass man sich für Sport aus seiner Höhle begeben muss? Eine Runde Bieryoga tut es auch.

Vor mehr als drei Jahren stellte die Jungle World den Online-Sender Sporttotal.tv vor (Stolpern live - 30/2017). Das Projekt streamt nach wie vor Fußballspiele der Amateure; diese müssen zwar pandemiebedingt nicht mehr in der Novemberkälte auf den Platz, können sich aber stattdessen in voller Länge ihre eigenen Spiele ansehen: Zwei Stunden und 47 Minuten dauert zum Beispiel die Aufzeichnung des Spiels SV Rödinghausen gegen VfB Homberg, eine Partie am vorerst letzten Saisonspieltag der immerhin viertklassigen Regionalliga West, also mit Kickern, die nicht mehr lupenreine Amateure sind. Am Ende der Übertragung kann man die Stadionmusik mitsingen und hat jedem Grashalm einen Namen gegeben – und nicht nur das: Das Spiel ist torreich und am Ende gibt es einen klaren Sieger. Wer stolz erhobenen Hauptes das Stadion verließ, wird natürlich nicht verraten. Bei Sporttotal.tv finden sich Hunderte Videos solcher Matches zwischen Vereinen, deren Namen man ohne die Pandemie vielleicht nie kennengelernt hätte, und ja – sie anzusehen, macht Spaß.

Bei dem Wort Amateurfußball denkt man natürlich auch an Schalke 04. Der Verein hat eine lange Tradition und seine Ursprünge in einer Zeit, als noch Dinosaurier durch die Farnwälder des Ruhrgebiets zogen, die später zu Kohleflözen werden sollten. Zum Glück drehten schon damals ein paar mutige Kameraleute auf dem Rücken eines Brontosaurus die ersten Versuche von Schalker Spielern, einen Ball zu treffen. Mit dem Dokumentarfilm »Mein Verein: Auf den Spuren des FC Schalke« des Westdeutschen Rundfunks (WDR), der noch auf Youtube zu sehen ist, lässt sich diese Geschichte bis zu den Anfängen zurückverfolgen.

Kälte und Curling gehören zueinander wie Eierlikörkater und Krankenschein. Ein Stein, den auf Knien rutschende Spieler wohldosiert über das Eis gleiten lassen, und Menschen mit kleinen Besen, die fleißig das Eis putzen, um diesen Stein ein paar Meter weiter rutschen zu lassen – Curling fasziniert zu Recht Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Dazu kommt: Curling-Fans sind muntere und friedliche Gesellen. Massenschlägereien auf den Rängen haben Seltenheitswert, man weiß sich zu benehmen. Dummerweise bekommt Curling im Fernsehen nicht die Aufmerksamkeit, die die Sportart verdient, obwohl sie seit 1924 olympisch ist. Aber wozu wurde das Internet erfunden? Genau: für Curling-Videos. Die besten sind auf der Website der World Curling Federation zu sehen.

Auch Seeleute stellt der Winter auf eine harte Probe. Sturm, hohe Wellen – und ganz schön kalt kann es auf so einem Schiff auch werden. Wer dort gegen die Elemente und Seekrankheit kämpft, dem hilft es zu wissen, dass an Land Menschen in einem warmen Zimmer vor einem Monitor sitzen und an einen denken. Zum Beispiel, indem sie dem bekannten Seebärensport Tauziehen huldigen. Dieser geht zurück auf die Zeit, als weder Segel noch Motor erfunden waren und die Seeleute die Schiffe an langen Seilen über das Meer zogen – oder so ähnlich, vielleicht. Heutzutage ist es ein reizvoller Mannschaftssport. Bewundern kann man ihn auf dem Youtube-Kanal der Tug of War Association.

Winter, das heißt auch Behaglichkeit. Man rückt mit seinen Liebsten zusammen, sofern sie im selben Haushalt wohnen, da man sich inmitten einer Jahrhundertpandemie befindet und sowieso keine anderen Menschen treffen darf. Zur Behaglichkeit gehört neben Weinbrandbohnen und süßlichem Wein der Traditionsmarke Kellergeister natürlich ein Kartenspiel. Aber ­machen wir uns nichts vor: Karten zu spielen, ist anstrengend, lenkt vom Trinken ab und ist auf Dauer langweilig. Besser ist es, andere Karten spielen zu lassen und ihnen dabei zuzuschauen. Beim Skat zum Beispiel. Einige weit über eine Stunde dauernde Skatspiele kann man auf der Web­site Skat.de verfolgen.

Wer fit durch den Winter kommen möchte, muss Körper, Seele und Geist stärken. Es führt kein Weg da­ran vorbei, selbst aktiv zu werden. Das kann lästig und anstrengend sein und im schlimmsten Fall drohen sogar Schweißflecken auf dem T-Shirt. Aber es hilft ja nichts, man muss sich einfach bewegen. Wo aber steht geschrieben, dass man sich für Sport aus seiner Höhle begeben muss? Eine Runde Bieryoga tut es auch. Videos zum Nachahmen sind online zahlreich zu finden.

Sich den Tod verachtend hinter das Lenkrad eines Kleinwagens des holländischen Herstellers DAF zu setzen (der seit 1975 keine PKW mehr herstellt), dazu laute Motorengeräusche und vibrierende Luft – das ist Rennsport. Ja, früher einmal wurden in Holland Rennen mit ganz gewöhnlichen Autos gefahren, auf Strecken, die jedem Formel-1-Wagen die Achsen brechen würden. DAF-Rennen gab es in mehreren Variationen: Klassisch – da fuhren die Autos um das Strecken­oval, fast so, wie man es heutzutage noch kennt. Dazu kam das Wettfahren im Rückwärtsgang und natürlich, besonders sehenswert, das Fahren mit einem Wohnwagen hinten am Auto – eine holländische Paradedisziplin, wie jeder Autofahrer weiß. Alte Videoaufnahmen mit niederländischem Kommentar im Hintergrund sind noch immer unterhaltsam.

Häme, Mitleid und Schadenfreude gehören zu den Gefühlen, die uns erst zu Menschen machen. Und alle drei gehören zum Sport dazu. Was ist da schöner, als sich anzuschauen, was aus einstmals bekannten und großen Fußballvereinen geworden ist, die man ohnehin nie leiden konnte? Wie sie sich mittlerweile durch die unteren Ligen kämpfen und ihre Fans sich schönreden, dass sie nun endlich zu allen Auswärtsspielen mit der Straßenbahn fahren können, weil diese lästigen Champions-League-Flüge entfallen, die ja ohnehin schlecht für das Klima sind? Der ARD-Dokumentarfilm »Nie mehr erste Liga? Traditionsvereine nach dem Absturz« lohnt sich.

Apropos Häme. Unvergessen ist sicher vielen Leserinnen und Lesern dieser heiteren Wochenzeitung die Fußballweltmeisterschaft 2018. So lange, dass man alle Spiele noch einmal anschauen wollte, wird die Pandemie hoffentlich nicht dauern. Aber eine gute Viertelstunde für die Höhepunkte des Spiels Südkorea gegen Deutschland, das die deutsche Mannschaft nach der Vorrunde ausscheiden ließ, sollte einem dieses globale Sportereignis schon wert sein.

Sicher, für viele ist es hart, ihre Mannschaft in der nächsten Zeit nicht im Stadion anfeuern und den Geschmack von mit Regenwasser verdünntem Bier nicht genießen zu können. Je länger man nicht im Stadion war, umso mehr setzt das Vergessen ein: Wie sah es da eigentlich aus? Das Youtube-Video mit dem interessanten Titel »ALL Bundesliga-Stadiums since founding in 1963« zeigt einen 17minütigen Zusammenschnitt von Fotoaufnahmen aller Bundesligastadien der vergangenen Jahrzehnte, die man derzeit nicht mit der eigenen Anwesenheit beehren kann.