In Thessaloniki wird ein niedergebranntes besetztes Haus wiederaufgebaut

Antifa heißt Häuser bauen

2018 brannten Rechtsextreme in Thessaloniki das besetzte Haus Libertatia nieder. Nun soll es als antifaschistisches Zentrum wiederaufgebaut werden.

Kurz nach 19 Uhr am besetzten Haus Libertatia in Thessaloniki, es dämmert. Das von einem hohen Metallzaun umgebene Grundstück ist verwildert, hinter Gestrüpp und Bäumen ist das ausgebrannte zweistöckige, neoklassizistische Gebäude zu erkennen. Nirgends ist Licht zu sehen. Das Eingangstor zum Garten ist mit einer Kette verschlossen, nach Anruf einer Nummer der Besetzerinnen und Besetzern taucht deren Kontaktmann Státhis* auf und öffnet das Tor.

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Im Innenhof sitzen gut 15 junge Leute auf Plastikstühlen im Kreis. Hier gibt es Licht, die Stimmung ist entspannt, es werden Witze gerissen. Die jungen ­Leute wollen das Libertatia als antifaschistisches Zentrum wiederaufbauen. An diesem Abend wollen sie das weitere Vorgehen besprechen. Bevor das Hausplenum beginnt, tagt noch eine andere anarchistische Gruppe im Hof des Libertatia. Státhis und Dimítris* nutzen die Zeit und führen durch die ausgebrannte Ruine, um die Fortschritte beim Wiederaufbau zu zeigen.

An der Vorgeschichte des besetzten Hauses wird deutlich, dass Thessaloniki nicht immer so griechisch und christlich-orthodox war, wie Nationalisten behaupten.

Am 21. Januar 2018 hatten rund 100 Neonazis und rechtsextreme Hooligans das seit 2008 bestehende anarchistische Zentrum angegriffen (Neonaziterror unterschlagen). Mehrere von ihnen traten die Tür ein und legten Feuer im ­Gebäude. Das Haus brannte bis auf die Grundmauern ab. Anwesende Poli­zeikräfte griffen nicht ein, es gab keine Festnahmen.

Kurz zuvor war in Thessaloniki eine nationalistische Kundgebung zu Ende gegangen, an der nach Angaben der Polizei rund 90 000 Menschen teilgenommen hatten. Die aus allen Teilen des Landes angereiste Menschenmen­ge hatte Parolen wie »Mazedonien ist griechisch« skandiert. Nationalistische und rechtsextreme Organisationen, die inzwischen als kriminelle Vereinigung verurteilte nazistische Partei Chrysi Avgi (Der Führer geht in den Knast) und große Teile des orthodoxen Klerus hatten zu der Kundgebung aufgerufen.

Damals schwelte zwischen der griechischen und der mazedonischen Regierung ein Streit über das Anrecht auf den Namen Mazedonien. Wegen des Streits blockierte Griechenland die Aufnahme von EU-Beitrittsgesprächen und den Nato-Beitritt des Nachbarlands. Am 12. Juni 2018 einigten sich die Regierungen darauf, dass die einstige jugoslawische Teilrepublik künftig Nordmazedonien heißen solle, acht Monate später wurde die Namensänderung wirksam.

Bereits während der Kundgebung hatten rund 60 bis 80 Personen zunächst das besetzte soziale Zentrum »Schule zum Erlernen der Freiheit« angegriffen, danach das Libertatia. Beide Angriffe konnten abgewehrt werden. Als die Rechtsextremen nach der Kundgebung bei einem zweiten Angriff das anarchistische Zentrum anzündeten, waren die Besetzerinnen und Besetzer auf ­einer antifaschistischen Gegenkundgebung. Am Abend darauf nahmen über 2 500 Menschen an einer Solidaritätsdemonstration für das Libertatia teil. ­Polizeikräfte griffen die Demonstrierenden mit Tränengas und Blendschockgranaten an.

Die Fortschritte beim Wiederaufbau des Hauses sind beeindruckend. Das neue Dach ist fast fertig, einige Zwischendecken werden gerade eingezogen und im kleineren Hinterhaus sind einzelne Räume bereits verputzt und gestrichen. Die hinzukommende Lia* sagt: »Der schlimmste Akt war es, die Tonnen von Bauschutt und verbrannten Balken rauszuschleppen. Wochenlang nur Dreck schippen.« Danach sei es besser geworden, doch es gehe eben nur langsam voran. Státhis betont, das liege am Geldmangel, und dann sei auch noch der wegen der Covid-19-Pandemie verhängte lockdown hinzugekommen und habe die Arbeit erschwert.

»Nicht zu vergessen die ständigen Bullenübergriffe«, wirft Lia ein. Wiederholt seien während der Bauarbeiten Polizeieinheiten angerückt, bereits zwei Mal hätten sie Leute festgenommen ­sowie Baumaterial und Werkzeuge beschlagnahmt. Den jungen Leuten wird unter anderem illegale Bautätigkeit vorgeworfen »Unser Zimmermann war fast mit dem Dachaufbau fertig, als ihn die Bullen festnahmen«, erzählt Lia lachend. Um das Dach fertigstellen zu können, habe man kurz darauf zu ­einer Kundgebung am Haus aufgerufen. Während 250 Leute fünf Stunden lang rund um das Gebäude ausgeharrt hätten, seien andere auf dem Dach gewesen, um Bretter zu vernageln.

Von einem Balkon des Nachbarhauses grüßt ein älterer Mann: »Na, Kinder, plant ihr wieder illegale Sachen?« »Klar, Giórgo*, es muss ja weitergehen«, lacht Státhis. Das Verhältnis zu den meisten in der Nachbarschaft ist hervorragend. Dimítris sagt: »Sie helfen aus, spenden mal was, kochen während der Bautage oder warnen uns, wenn die Bullen auftauchen.« Beide Male, als Polizisten die Baustelle stürmten, um Leute festzunehmen, hätten sich Nachbarn von ihren Balkonen aus eingemischt und die Beamten beschimpft.

Unter der im Juli 2019 von der konservativen Nea Dimokratia gebildeten ­Regierung haben sich die Repressalien deutlich verschärft. Der parteilose Bürgerschutzminister Michalis Chrysochoidis, ein hardliner in Sachen law and order und ehemaliger Sozialdemokrat, ließ noch im Sommer desselben Jahres die meisten von Flüchtlingen besetzten Gebäude in Athen räumen, ­später auch anarchistische Besetzungen. Brutales polizeiliches Vorgehen gegen Flüchtlinge, Anarchisten und andere Linke bis hin zur Folter von Demonstrierenden bleibt ungestraft, manchmal gibt es eine polizeiinterne Untersuchung ohne Konsequenzen.

Obwohl im August das wichtige besetzte anarchistische Zentrum Terra incognita in Thessaloniki geräumt wurde, ist Státhis optimistisch: »Es ist nicht so einfach, uns zu räumen, da wir sehr viel Unterstützung erhalten. Alle sehen, was hier geschieht. Gegen die rechtsextremen Brandstifter wird nicht einmal ermittelt, obwohl Filme der Tat im Netz stehen, und gegen uns laufen 16 Strafverfahren wegen Beschädigung eines Baudenkmals und illegaler Bautätigkeit, weil wir das Haus wiederaufbauen. Ein Baudenkmal im Übrigen, dass vor der Besetzung 2008 über 30 Jahre lang verrottete, ohne das es die Behörden interessiert hätte, die inzwischen vom Schmuckstück in der Avenue Stratoú reden.«

Das einzige erhaltene neoklassizistische Gebäude in der Avenue Stratoú wurde 1899 erbaut. Bis zu ihrem Tod 1941 gehörte es einer jüdischen Türkin, die es von ihrem Ehemann, einem in Thessaloniki tätigen Staatsanwalt, geschenkt bekommen hatte. Das Gebäude wurde Jahrzehnte zwischen staatlichen Behörden hin und her geschoben. In den neunziger Jahren gehörte es der teilprivatisierten Universität Makedonia in Thessaloniki, seit Anfang der nuller Jahre machen vier türkische Bürger aus Izmir Rückübertragungsansprüche ­geltend.

An der Vorgeschichte des Hauses wird deutlich, dass die griechische Region Makedonien und ihre Hauptstadt Thessaloniki nicht immer so griechisch und christlich-orthodox waren, wie Nationalisten behaupten. Bis vor nicht einmal 100 Jahren lebten in der Stadt über 70 000 Türkinnen und Türken, rund 60 000 sephardische Jüdinnen und Juden sowie 30 000 Griechinnen und Griechen, zudem Sinti und Roma, bulgarische, slawische und albanische Minderheiten. 1922/1923 wurde die türkische Bevölkerung im Zuge des griechisch-türkischen Bevölkerungsaustauschs vertrieben. Die jüdische Bevölkerung wurde 1942/1943 in deutsche Konzentrationslager deportiert und ­ermordet (»Mir geht es darum, wer was getan hat«). Viele Griechinnen und Griechen haben diesen Teil der Stadtgeschichte verdrängt.

Ende November gelang es den Besetzerinnen und Besetzern, schwere Teerbahnen zu verlegen. Das Dach ist damit kurz vor Beginn der Regensaison winterfest. Diesen Winter sammelt das Libertatia-Plenum Spenden, um den Wiederaufbau des Hauses als antifaschistisches Zentrum im kommenden Jahr weiter voranzutreiben.

* Name von der Redaktion geändert.