Die Folgen der Pandemie in ärmeren Ländern

Hunger, Armut, Pandemie

Die Covid-19-Pandemie hat dramatische Folgen in ärmeren Ländern. Eine humanitäre Katastrophe zeichnet sich ab.

Niemand wird behaupten können, nicht vor den Folgen der wegen der Covid-19-Pandemie verhängten Ausgangssperren und wirtschaftlichen Einschränkungen in ärmeren Ländern ­gewarnt worden zu sein: Bereits im April vergangenen Jahres, kaum einen Monat, nachdem weltweit die ersten sogenannten lockdowns verhängt worden waren, schlugen diverse Institutionen und Stiftungen Alarm. Unter ihnen waren das Welternährungsprogramm (World Food Programme, WFP) der Vereinten Nationen, dessen Leiter David Beasley vor »Hungersnöten biblischen Ausmaßes binnen weniger Monate« warnte. Eine Gruppe von acht regionalen und internationalen NGOs, da­runter Oxfam und Care, wies darauf hin, dass die Coronakrise »die Insta­bilität der Märkte« in Westafrika verschärfe und »mit voller Wucht auf eine bereits sehr fragile Ernährungssituation« treffe.

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Es gibt bislang zwar nur wenige Studien über die Folgen der wegen der Pandemie verhängten lockdowns im sogenannten globalen Süden, doch erste Untersuchungen lassen Schlimmes erahnen: Die Menschen in den entsprechenden Ländern leiden unter Arbeitslosigkeit, schlechter Gesundheitsversorgung und Hunger, eine humanitäre Katastrophe zeichnet sich ab.

Die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, dürfte im vergangenen Jahr weltweit um 88 bis 115 Millionen gestiegen sein – der erste Anstieg seit 20 Jahren.

Bereits im September, ein halbes Jahr nachdem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Pandemie ausgerufen hatte, wies das weltgrößte Kinderhilfswerk »Save the Children« in seinem Bericht »Protect a Generation« auf die dramatisch schlechte Situation vieler Menschen vor allem im globalen Süden hin. Der Bericht beruht auf einer Umfrage unter insgesamt 25 000 Kindern und Erwachsenen in 37 Ländern. 77 Prozent der befragten Haushalte ­gaben an, seit Januar Einkommensverluste erlitten zu haben; 20 Prozent von diesen hatten sogar das gesamte Einkommen verloren, weitere 30 Prozent mehr als drei Viertel. Dabei fielen die Verluste umso größer aus, je ärmer die Haushalte waren. So überrascht es auch kaum, dass fast zwei Drittel der Befragten angaben, sie hätten Schwierigkeiten, ihre Familien durchgängig mit ausgewogenem, nahrhaftem Essen zu versorgen. 89 Prozent der Befragten klagten zudem über wachsende Probleme beim Zugang zu Gesundheitsdiensten oder Medikamenten.

Zudem weisen die Autoren auf vermehrte häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder sowie hohe psychische Belastungen Letzterer durch Schulschließungen hin. Sie befürchten, dass nach der Pandemie mindestens zehn Millionen Kinder, vor allem Mädchen aus ­armen Familien, nicht mehr in die Schulen zurückkehren könnten. Die Aus­wirkungen der Pandemie werden für viele Kinder einer Katastrophe gleichkommen, heißt es in der Zusammenfassung der Studienergebnisse.

Die Pandemie und die in fast allen Ländern für kürzere oder längere Zeit beschlossenen lockdowns belasten die Länder des globalen Südens am deutlichsten. Viele Lieferketten sind un­terbrochen, die Exporte gehen zurück, Touristen bleiben aus, zahlreiche Arbeitsplätze fallen weg, die Weltmarktpreise für Nahrungsmittel steigen teilweise dramatisch, viele Rohstoffe – nach wie vor Hauptexportgut vieler Nationalökonomien im globalen Süden – werden billiger.

Mitte Dezember veröffentlichte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ihre Berechnungen für die drei ersten Quartale vergangenen Jahres. Demnach ist die Wirtschaftsleistung weltweit zwar im dritten Quartal im Vergleich zum zweiten Quartal um 9,2 Prozent gestiegen, doch insgesamt erwartet die OECD für 2020 eine globale wirtschaftliche Rezession von 4,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, in den G20-Staaten dagegen nur einen Rückgang um 2,4 Prozent.

Was solche Zahlen für die Armen und prekär Beschäftigen bedeuten, zeigt sich vielleicht am deutlichsten in der Textilindustrie. Ein Bericht der US-amerikanischen Nichtregierungsorganisation »Worker Rights Consortium« machte im November auf die Verelendung der Näherinnen in neun Ländern aufmerksam. Darin heißt es: »Marken und Handel ist es gelungen, die wirtschaftliche Not der Pandemie in die Lieferketten zu drücken und auf den Rücken der Lieferanten und Arbeiterinnen abzuwälzen.« Wie dramatisch die Si­tuation ist, wird schon am Titel der Studie deutlich: »Hunger in der Bekleidungslieferkette«. Von Indonesien über Bangladesh und Indien bis nach Äthiopien, Haiti und El Salvador ähnelten sich demnach die Entwicklungen: Mehr als ein Viertel der Arbeiterinnen hätten ihre Arbeitsplätze und damit ihr Einkommen verloren, von diesen hätten 40 Prozent nicht einmal eine Abfindung erhalten, obwohl sie ihnen gesetzlich zugestanden hätte.

Rund 60 Prozent der Befragten hatten demnach Lohneinbußen zu be­klagen. Beschäftigte, die ihren Arbeitsplatz nicht verloren hatten, gaben an, ihr monatliches Durchschnittseinkommen sei in der Pandemie von 187 auf 147 US-Dollar gesunken. Durch die Entlassungen und Lohnverluste ist auch die Ernährungssicherheit der Arbeitenden und ihrer Familien gefährdet. 77 Prozent der Haushalte seien seit März zumindest zeitweise nicht ausreichend mit Lebensmitteln versorgt gewesen, in ein Fünftel sei täglicher Hunger zurückgekehrt. Diese Entwicklung sei sehr beunruhigend, vor allem, da der Hunger auch bei Menschen zunehme, die noch Arbeit hätten, fasst Genevieve LeBaron, Professorin für Politologie an der Universität in Sheffield und Mitverfasserin der Studie, deren Ergebnisse zusammen.

Kürzlich warnte die Asiatische Entwicklungsbank (ADB), die Eindämmung der Pandemie werde allein in Asien 2020 bis zu 166 Millionen Arbeitsplätze gekostet haben. Vor allem in vielen subsaharischen Ländern ­Afrikas dürfte die Situation noch dramatischer sein. Nach Angaben der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) vom Oktober wurden allein im März und April vergangenen Jahres 100 Milliarden US-Dollar an Investitionen aus Entwicklungsländern abgezogen – dreimal so viel wie in den Jahren der großen Krise nach 2008.

Die Weltbank geht davon aus, dass die Überweisungen von Geflüchteten und Migranten, die vielen Familien in den Herkunftsländern die Existenzgrundlage sichern, in Länder mit einem niedrigen oder mittleren durchschnittlichen Einkommen im Jahr 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 40 Milliarden US-Dollar zurückgehen werden – auch dies ein stärkerer Rückgang als in der weltweiten Rezession von 2008 und den Folgejahren. Die Bedeutung dieser Überweisungen für die Empfängerländer wird dagegen eher wachsen, da sie mittlerweile den Wert der Direktinvestitionen aus dem Ausland übertreffen.

Nach Schätzungen der Weltbank vom Oktober dürfte die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, im vergangenen Jahr wegen der Pandemie um 88 bis 115 Millionen gestiegen sein – der erste Anstieg seit 20 Jahren. Die Grenze zur extremen Armut liegt bei einem Einkommen von 1,90 US-Dollar pro Tag und Person. Im laufenden Jahr dürfte die Gesamtzahl der Menschen, die wegen der Pandemie zusätzlich unter diese Grenze fallen, demnach auf 150 Millionen steigen.

Das WFP hat deshalb seine Zahlen für die von ihm so bezeichnete »Hunger­pandemie« nochmals nach oben korrigiert. Im April gingen die Experten noch davon aus, dass zu den 135 Millionen Menschen, die auch vor der Pan­demie bereits unter akuter Nahrungsmittelknappheit gelitten hätten, wei­tere 130 Millionen Hungernde hinzukämen. Bei der Verleihung des Friedensnobelpreises an die Organisation im Oktober warnte Beasley, 270 Millionen Menschen seien vom Hungertod bedroht. Er kritisierte in seiner Dankesrede, dass das Vermögen auf der Welt selbst während der Pandemie binnen 90 Tagen um 2,7 Billionen US-­Dollar gewachsen sei, und appellierte an die sogenannte internationale Gemeinschaft, dass das UN-Welternährungsprogramm nur fünf Milliarden US-Dollar bräuchte, »um 30 Millionen Menschenleben vor dem Hungertod zu retten«. Der Friedensnobelpreis sei ein Aufruf zum Handeln. Dass dieser Ruf gehört wird, ist jedoch eher zu ­bezweifeln.