Ein Besuch bei der Antifa im griechischen Teil Nikosias

Antifa am Grenzstreifen

Bei einem Spaziergang durch das geteilte Nikosia wird die ethnisch-religiöse Aufladung des Zypern-Konflikts deutlich. Man findet aber auch eine junge, linke Szene, die Solidarität hochhält.

Wer derzeit durch die zyprische Hauptstadt Nikosia spaziert, begegnet immer wieder auffälligen schwarzen Plakaten. »Gegen Rassismus, Ausbeutung von Migranten und die Militarisierung der Stadt« ist dort auf Englisch und Griechisch zu lesen. Unterschrieben sind die Poster von der »Antifa Nikosia«. Man findet sie vor allem in den engen Gassen der Altstadt, nahe der Grenze, die den zyprisch-griechischen Teil der Insel vom türkischen Nordzypern trennt. Der Zypern-Konflikt begann in den sechziger Jahren; die sogenannte »grüne Linie« zur Trennung der Bevölkerungsgruppen sollte damals einen Krieg zwischen der Türkei und Griechenland verhindern. Seit 1964 ist die United Nations Peacekeeping Force in Cyprus (UNFICYP) im Land. Durch den Einmarsch der türkischen Armee in den Nordteil Zyperns im Jahr 1974 und das darauf folgende Waffenstillstandsabkommen wurde sie jahrzehntelang undurchlässig.

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Auf griechischer Seite wird die Vorgeschichte dieser Invasion oft vergessen. Die damals in Griechenland herrschende Militärjunta war innenpolitisch unter Druck geraten und wollte bei den Nationalisten punkten, indem sie einen Putsch unterstützte, der sich gegen den damaligen Präsidenten Zyperns und Erzbischof der griechisch-orthodoxen Kirche, Makarios III., richtete. Der Plan der Putschisten, Zypern an Griechenland anzuschließen, scheiterte jedoch und die türkische Regierung nutzte die Gelegenheit zur Besetzung Nordzyperns und Ausrufung eines eigenen Staats, der international nicht anerkannt ist.

Beim Spaziergang an der innerstädtischen Grenze hat man an manchen Stellen den Eindruck, der Konflikt könne jederzeit erneut ausbrechen.

Die beiden Seiten näherten sich in den nuller Jahren an, seit 2008 gibt es in der Ledrastraße im Zentrum Nikosias einen Übergang. Wegen der Covid-19-­Pandemie ist dieser derzeit allerdings geschlossen. Froh darüber sind Nationalisten auf beiden Seiten, die kein Interesse an einer Entspannung der Situation haben. Auf großen Tafeln, die in der Nähe der mit Fässern markierten innerstädtischen Grenze aufgestellt sind, ist Nordzypern in tiefrotes Blut getaucht. In englischer und griechischer Sprache wird an die Leser appelliert, niemals zu vergessen, dass ein Teil des zyprischen Heimatlands von fremden Truppen besetzt ist.

Beim Spaziergang an der innerstädtischen Grenze hat man an manchen Stellen den Eindruck, der Konflikt könne jederzeit erneut ausbrechen. Hausruinen sind so erhalten, wie sie vor Jahrzehnten verlassen wurden. Auf den Balkonen verrosten Fässer, die vor ­Beschuss aus dem türkischen Teil der Stadt schützen sollten. Den eingefro­renen Konflikt im Gedächtnis zu bewahren, gehört auch zu einer Strategie der nationalen Einstimmung der Bevölkerung. Eine Familie bleibt vor einer ­Ruine stehen und der Großvater erklärt seinen minderjährigen Enkeln, wie an dieser Stelle gegen den Feind auf der anderen Seite gekämpft wurde.

Doch vor allem bei vielen jüngeren Menschen herrscht eine andere Stimmung, die sich nur wenige Hundert Meter weiter im Straßenbild ausdrückt: Man sieht an Mauern die eingangs ­erwähnten Plakate sowie Anarchiesymbole und politische Parolen gegen Staat, Rassismus und Kapital. Wie einst in Westberlin im Schatten der Mauer hat sich auch in Nikosia in der Nähe der Grenze eine linke Jugendszene ­etabliert.

Die Gründe sind ähnlich: Auch in ­Nikosia finden sich in Grenznähe unsanierte alte Häuser. Viele sind im Krieg beschädigt worden, man sieht noch die Einschusslöcher. Doch auch viele der Gebäude, die damals verschont blieben, sind mittlerweile renovierungsbedürftig. In manchen dieser Häuser sind kleine Ateliers oder Restaurants entstanden, die derzeit jedoch geschlossen sind.

Auf einem großen Platz treffen sich abends Jugendliche der linken Szene. Manche tragen Symbole an ihrer Kleidung, die sich den Anarchisten zuordnen lassen. Laute Punkmusik schallt über den Platz. Die Symbole an den Wänden machen deutlich, dass hier die Antifa Nikosia ihre Basis hat. Plakate und Flugblätter, die in englischer Sprache gezielt auch Touristen ansprechen sollen, rufen zur Solidarität mit den in der Stadt lebenden Migranten. Viele von diesen kommen aus asiatischen und afrikanischen Ländern und leben in der Nähe der innerstädtischen Grenze in beengten Verhältnissen.

Die Antifa Nikosia prangert an, dass Migranten aus Cafés, Restaurants und Parks vertrieben werden und bei der Arbeit besonderer Ausbeutung ausgesetzt sind. Während auch in Nikosia die Gentrifizierung voranschreitet, sollen Migranten aus dem Stadtbild verschwinden, kritisiert die Antifa. Ausdrücklich wird auch die in Zypern einflussreiche griechisch-orthodoxe ­Kirche beschuldigt, Migranten zu vertreiben. Damit rührt die linke Szene in Nikosia an ein Tabu.

Beide Seiten laden den Konflikt auch religiös auf. So wurde im türkischen Teil Nikosias ein Minarett errichtet, der Ruf des Muezzins schallt auch in den griechischen Teil. Dort sind an Kreuzen griechische Fahnen befestigt, die auch im anderen Teil der Insel gut zu sehen sind.

»Wir wachsen tagtäglich mit dieser nationalistischen Stimmung auf. Viele Jugendliche wollen damit nichts mehr zu tun haben«, sagt Hesione, eine 17jährige Schülerin, die regelmäßig auf dem Platz in Grenznähe Zeit verbringt. Vor der Pandemie nutzten viele Jüngere die Möglichkeit des Grenzübertritts und haben mittlerweile auch im anderen Teil der Stadt Freunde. Als wegen der Grenzschließung Besuche nicht mehr möglich waren, wurden die Kontakte ins Internet verlegt.