Rückblick auf 20 Jahre Wikipedia

Der Traum vom unbegrenzten Wissen

Seit 20 Jahren gibt es die Online-Enzyklopädie Wikipedia, die kostenlos Informationen zur Verfügung stellt. Die Verbreitung von Verschwörungsmythen ist dadurch nicht zurückgegangen.

Die Lexikonbände kamen mit der Post. Nicht alle auf einmal, sondern in alphabetischer Reihenfolge, jeweils nach ihrer Fertigstellung. Und weil es so ­etwas wie uninteressante Buchstaben nicht gab, war jeder neue Band eine wundervolle und aufregende neue Welt, voller wissenswerter Sachen. Als Kind konnte man Stunden damit zubringen, sich Worte zu überlegen, die mit »Ha bis In« oder »Ra bis Sc« begannen, und dann die entsprechenden Einträge zu lesen. Und natürlich die Bilder und Grafiken dazu anzuschauen.

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Im Prinzip macht man also genau das, was man heutzutage auch tut, wenn man sich stundenlang in dem vor 20 Jahren gegründeten Online-Lexikon Wikipedia verliert. Vielleicht wollte man nur kurz nachgucken, warum in Morbier­-Käse eine Ascheschicht ist, und stellt irgendwann fest, dass man ausgehend von dieser Frage bei den Besonderheiten des japanischen parlamentarischen Systems gelandet ist. Nur dass man bei den gedruckten Lexika meist auf alte Ausgaben oder aber die bislang erschienenen Bände beschränkt war – bis der Band »Vo bis ZZ« geliefert wäre, würde es schließlich noch viele, viele Monate dauern. Und auch der wäre im Moment seines Erscheinens bereits veraltet, wie man aus Zeitungsberichten wusste, in denen aufgelistet wurde, welche neuen Begriffe und Ereignisse seit der Abgabe des Lexikons dazugekommen waren. Aber daran war eben nichts zu ändern, das wichtige neue Wissen würde nachgeliefert werden, in ebenso schnell veraltenden Zusatzbänden.

Am 19. August 2001 gab es bei de.wikipedia.org schon 1 000 Ein­träge, rund ein Jahr später kam der Brockhaus zum ersten Mal in digitaler Form heraus.

So war die Nachricht, dass es in den USA ein richtiges und noch dazu kostenloses und ständig aktualisiertes Lexikon namens Wikipedia im Internet gab, wie die Erfüllung eines großen Traums: Womöglich müsste man nicht mehr in eine Bibliothek fahren, um mehr über irgendetwas Spezielleres zu erfahren. Damals schien plötzlich alles möglich: Unbegrenztes Wissen würde der Menschheit in nahezu jeder Sprache kostenlos zur Verfügung stehen, zu umfassender Bildung und letztlich zum Weltfrieden führen. Es kam anders, inzwischen ziehen Millionen Menschen den Fakten Verschwörungs­mythen vor. Hätte man das ahnen können? Vielleicht, schließlich muss die Fähigkeit, Informationen selbständig zu filtern und zu gewichten, erlernt werden. Es ist nun mal bequemer, an irgendwelche Lügengeschichten über geheime Umtriebe und Weltherrscher zu glauben, als sich in einer komplizierten Welt zu informieren und um Verstehen zu bemühen.

In der Wikipedia selbst findet sich eine Menge interessanter Einzel­heiten zu den Anfängen ihrer deutschsprachigen Ausgabe, zum Beispiel, dass deren älteste erhalten gebliebene Artikelversion von dem Kölner Bio­chemiker Magnus Manske stammt und von der Polymerase-Kettenreaktion handelt. Am 19. August 2001 gab es bei de.wikipedia.org schon 1 000 Einträge, rund ein Jahr später kam der Brockhaus, dessen Name damals als Synonym für Lexika gelten konnte, zum ersten Mal in digitaler Form heraus. Fast 1 000 Euro kosteten die beiden CD-ROMs. Die letzte gedruckte Ausgabe des Nachschlagewerks, 30 Bände umfassend und 70 Kilo schwer, erschien von 2005 bis 2006.

Über Unstimmigkeiten und etwaige Grabenkämpfe zwischen den Lexikon-­Autoren hatte man nie gehört, bei Wiki­pedia war das anders. Zu den interessanteren Diskussionen gehörte die über das Kreuz, mit dem Sterbedaten gekennzeichnet wurden. Warum das christ­liche Symbol auch in den Einträgen verstorbener Nichtchristen verwendet wurde, ist nicht wirklich nachvollziehbar, zumal in anderen Länder-­Wikipedias die Form »von … bis« gewählt wurde. Mittlerweile scheint sich das Thema aber erledigt zu haben, über den ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, heißt es beispielsweise: »gestorben am 13. August 1999«, ohne Kreuz.

Natürlich ließen sich nun diverse Medienberichte über Skandale bei Wikipedia aufzählen, aber wenn man sich nur dunkel an irgendwelche Vorkommnisse erinnert, kann man es auch gleich lassen. So ist das nämlich, wenn man in der Wikipedia eine meistens sehr praktische Seite findet, die man häufig nutzt, sich aber nicht für das ­interessiert, was sich hinter den Kulissen abspielt. Man liest, was man lesen wollte, klickt dann noch hierhin und dorthin und ist plötzlich bei den Einzelheiten des ­japanischen Parlamentssystems, ohne auch nur einmal nach­geschaut zu ­haben, wer das alles geschrieben hat.

Nur hin und wieder muss man mal Versionsgeschichten von Beiträgen gucken, weil irgendwo stand, dass dieser oder jener Eintrag böswillig verändert worden sei. Ein bisschen ist es mit Wikipedia nämlich wie mit einem Auto: Es soll funktionieren, aber warum es das tut, will man gar nicht wissen. Aber bei Wikipedia kann man bei Bedarf auf die Einträge in anderen Sprachen ausweichen. Das ist sowieso empfehlenswert, wenn man wirklich viel über ein Thema erfahren möchte oder herausfinden will, welche Bedeutung einem Thema anderswo beigemessen wird.

Das war früher bei den gedruckten Lexika anders. Anderssprachige Enzy­klopädien waren in Bibliotheken zugänglich, meistens aber älter und ­deshalb nicht immer nützlich. Diese Nachschlagewerke waren schließlich Anschaffungen fürs Leben, sie in mehreren Sprachen vorzuhalten oder alle paar Jahre zu ersetzen, kam im Bildungskonzept der meisten Haushalte nicht vor. Vielleicht galt Wissen dadurch aber jedoch als wertvoller, auch wenn Enzy­klopädien oft nur zum Angeben prominent im Bücherschrank platziert wurden. Letzteres bezeugt die erstaunliche Menge als unbenutzt angepriesener älterer Lexika, die von Antiquariaten und bei Ebay angeboten werden. Darunter sind auch Kinder- und Jugendlexika, die früher massenhaft verschenkt wurden und mit deren Hilfe schon früh gelernt werden sollte, wie das mit der selbständigen Wissensbeschaffung funktioniert.

Womit wir dann doch wieder, wenn auch nur kurz, zum Thema Verschwörungsmythen kommen. Auch über Wikipedia kursieren selbstverständlich so einige, denn die Zeiten sind nicht so, dass nicht hinter allem und jedem das Wirken finsterer Mächte vermutet würde. Ein schönes Beispiel ist eine sehr aparte Kleine Anfrage mit dem Titel »Wikipedia in Sachsen-Anhalt abschaffen«, die die fraktionslose, ehemals der AfD angehörende Landtagsabgeordnete Sarah Sauermann im vergangenen Jahr stellte. In der Vorbemerkung heißt es, Wikipedia sei eine »Plattform in Deutschland und Sachsen-Anhalt, in denen (sic!) unbekannte Personen Eingaben machen«. Diese Eintragungen seien »in vielen Fällen nicht richtig oder aktuell«. Niemand sehe, »wer dahinter steckt«, zudem werde »ID (…) gekonnt verwischt«. Sauermanns erste Frage lautete: »Wer steckt hinter Wikipedia in Sachsen-Anhalt und wo haben betroffene Personen, die dort Eintragungen machen, ihren Firmensitz?«

Für die Landesregierung antwortete im Februar vergangenen Jahres das Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung mit einer ausführlichen Beschreibung der Arbeitsweise von Wikipedia, die Sauermann natürlich leicht hätte selber googeln können – wie eigentlich auch die Antwort auf ihre zweite Frage, inwieweit Autoren von Beiträgen für etwaige Fehlinformationen haftbar seien. Eigentlich eine interessante Frage, weil anonyme Autoren im Falle von Beleidigungen und Urheberrechtsverletzungen nicht so leicht zu ermitteln sind, wie das Ministerium in seiner Antwort ausführt. Solche Einträge haben aber wohl kaum Aussicht darauf, längere Zeit ungelöscht zu bleiben.

Die zentrale Frage Sauermanns dürfte allerdings die abschließende gewesen sein: »Wie viele wurden hier schon durch das Landeskriminalamt verurteilt, auch weil sie in anderen sozialen Netzwerken anonym offiziell falsche Eintragungen machen?« Die Antwort fiel knapp aus: »Die Frage kann nicht beantwortet werden, da ›Verurteilungen‹ nicht Aufgabe des Landeskriminalamts sind.«