Rezension von Eckart Conzes Buch »Schatten des Kaiserreichs«

Kein Grund zur Nostalgie

Der Historiker Eckart Conze beschäftigt sich in seinem neuen Buch »Schatten des Kaiserreichs« mit der Reichsgründung vor 150 Jahren. Seine Darstellung zeigt einmal mehr, warum die preußisch-deutsche Nationalgeschichte als politischer Bezugspunkt für die Gegenwart nicht taugt.

Monarchien haben einen feinen Sinn für Symbolik. Um ihre Legitimität von einem göttlichen Willen ableiten zu können, gestalten sie ihre Repräsentation entsprechend. Das gilt erst recht für die Gründung des Deutschen Reichs 1871. Die Tradition dieses Staats musste erst nachträglich geschaffen werden. Die Legitimation des Anspruchs eines protestantischen Hohenzollernfürsten auf die Kaiserwürde erschloss sich nicht einmal diesem selbst. Wilhelm I. war mit dem Titel des »Deutschen Kaisers« unzufrieden, »König von Preußen« wog in seinen Augen schwerer.

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Die Interpretation des preußischen Malers Anton von Werner in der Gemäldereihe »Proklamierung des deutschen Kaiserreichs« legte in den folgenden Jahren fest, wie das Geschehen vom 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Versailler Schlosses erinnert werden sollte: »So gut wie ausschließlich Militärs und Uniformträger – die anwesenden Fürsten und Vertreter der deutschen Dynastien tragen Gardeuniformen – sind zu sehen, die wenigen Zivilisten, Abgeordnete des Norddeutschen Reichstags, sind ganz in den Hintergrund gedrängt.«

Wie stark sich die Idee der nationalen Einigung mit der Reichsgründung von einer »linken« Strömung zu einer »rechten« transformierte, sollte mit Verweis auf Conzes Darstellung allen in Erinnerung gerufen werden, die die Nation mit Verweis auf diese Vergangenheit wieder links zuordnen wollen.

Mit diesen Worten beschreibt der Marburger Historiker Eckart Conze die berühmte Darstellung des Festakts, um im Weiteren nicht das Bild, sondern das Reich selbst einer genauen Betrachtung zu unterziehen. In seinem kürzlich erschienenen Buch »Schatten des Kaiserreichs« zieht er zum 150. Jahrestag der Reichsgründung eine Bilanz des 1918 untergegangenen Imperiums. Gekonnt knapp und mit dem notwendigen Biss geschrieben, ruft das Buch in Erinnerung, was derzeit dringend erinnert werden muss. War das Kaiserreich einst ein umkämpftes historisches Forschungsgebiet, wurde es nach der deutschen »Wiedervereinigung« vernachlässigt. Das rächt sich nun. Anstelle geschichtlicher Analyse konnten sich Nostalgie und Verharmlosung breitmachen, die beredten Ausdruck in der Wiedererrichtung des Berliner Stadtschlosses finden. Hier bietet Conzes Buch die notwendige Korrektur eines einlullenden Geschichtsgefühls.

Conze präsentiert ein »doppeltes Verständnis« der Reichsgründung, das nur zu einem Teil die unmittelbare Formierung des Nationalstaats im Zuge des deutsch-französischen Kriegs 1870/1871 betrifft. Als bedeutender sieht er die politischen und gesellschaftlichen Dynamiken an, die nicht nur zur Gründung führten, sondern auch den Aufbau des Reichs prägen sollten. Die gravierendsten Mängel des Gesamtgefüges waren bereits früh angelegt und wurden vor allem nie wirksam korrigiert. In drei Hauptkapiteln rekapituliert er den Gründungsprozess, die Konstruktion und das Erbe des Reichs. Bereits in der Vorgeschichte zeigt sich die »Janusköpfigkeit« der deutschen Nationalbewegung, mit einem »Völkerfrühling« der Selbstbestimmung auf der einen und der aggressiven Sammlung gegen »innere« und »äußere Feinde« auf der anderen Seite. Die unterschiedlichen Ziele der Nationalbewegung seit 1848 sind mit den drei Stichworten »Einheit, Freiheit, Macht« umrissen.

Der preußische Ministerpräsident und spätere deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck hatte erkannt, dass die Zeit im Zeichen der nationalen Einigung stand. Die Reichsgründung war sein Mittel zur Rettung des preußischen Modells im Rahmen des deutschen Nationalstaats, »obrigkeitlich, mit einem Primat der Exekutive« (Conze), ohne reale parlamentarische Kontrolle. Der Prozess vollzog sich daher nach dem erfolgreichen Modell der Modernisierung Preußens: »Die Revolution, auch die nationale, sie konnte nur von oben kommen«, schreibt Conze. Ein immer mehr auf das preußisch-nationale Ziel ausgerichteter Liberalismus war geeignet, Bismarcks machtpolitischen »Realismus« bis zur Selbstaufgabe mitzutragen. Der mitunter zynische Kult Bismarcks um Macht und Tat besorgte ein Übriges.

Wie stark sich die Idee der nationalen Einigung mit der Reichsgründung von einer »linken« Strömung zu einer »rechten« transformierte, sollte mit Verweis auf Conzes Darstellung allen in Erinnerung gerufen werden, die die Nation mit Verweis auf diese Vergangenheit wieder links zuordnen wollen. Das »revolutionäre« Element der nationalen Idee lag im antimonarchischen Impuls und der Überwindung der Kleinstaaterei. Beide Fragen stellen sich heutzutage nicht mehr.

Das wilhelminische Reich war in dieser Form nur durch Kriege möglich geworden. Schon die Abstimmung der deutschen Armeen aufeinander, wesentliches Element des Erfolgs gegen Frankreich, war ein Resultat des Kriegs gegen Österreich und das mit ihm verbündete Bayern. Preußen war durch und durch Militärstaat, ein Charakter, der nun das vereinte Deutschland ohne Österreich prägen sollte. Mit vollem Kalkül wurde die Proklamation Wilhelms I. zum Kaiser in Versailles, dem Hauptquartier der preußisch-deutschen Streitkräfte, in die Tradition von friderizianischen und römischen Heeresfürsten gestellt; der bayerische König Ludwig II. nahm übrigens nicht teil. Diese Symbolpolitik bestimmte die Kultur des Kaiserreichs, die eine »Kriegsmentalität« der »konservativen Machteliten« und der »radikalnationalistischen Kräfte« prägte. Das blieb nicht ohne Folgen. Die Glorifizierung des Sieges über Frankreich 1871, die das Elend der Schlachtfelder überlagerte, wurde zu einer »entscheidenden Voraussetzung« für die Mobilisierung von 1914.

Der mittlere Teil des Buchs, in dem Conze die politische Konstruktion des autoritären Nationalstaats seziert, führt die politischen Strukturdefi­zite deutlich vor Augen. Das Deutsche Reich war ein Fürstenbund, keine Staatenföderation. Es wurde sorgsam am Reichstag vorbei konzipiert, den der Kaiser etwa im Fall von Haushaltsstreitigkeiten kurzerhand auflösen konnte. Die Verfassung war ein Rückschritt gegenüber bereits bestehenden Landesverfassungen, anders als die Paulskirchenverfassung der gescheiterten Revolution von 1848 kannte sie keinen Grundrechtekatalog. Im Zentrum der politischen Ordnungsvorstellungen, schreibt Conze, stand »nicht die Idee einer Gesellschaft freier Bürger, sondern ein starker Staat«. Dessen Organe unterlagen keiner parlamentarischen Kontrolle, federführend war die preußische Beamtenschaft, hinter deren Ideal des »Unpolitischen sich eine dezidiert politische Haltung verbarg«.

Vor allem hatte das Reich keine Regierung und auf »nationaler Ebene« bildete »mit dem Kaiser allein der Reichskanzler die Exekutive«. Das Fehlen eines Außenministers – das Auswärtige Amt war eine preußische Institution, die als Reichsbehörde unter Leitung lediglich eines Staatssekretärs weiterarbeitete – sollte den Weg in den Krieg von 1914 administrativ ebnen. Kompensiert wurden diese Mängel mit einem bemerkenswerten Populismus, Ausdruck jener Modernität jenseits der Demokratie, die die deutsche Geschichte prägen sollte.

Generationen von Historikern haben die Reichsgründung als einzig mögliches Ergebnis der Zeitläufe interpretiert. Daher wendet sich Conze am Ende auch der Geschichtsschreibung des Reichs zu. Die Lektüre ruft in Erinnerung, was kritische Geschichtswissenschaft vor allem in den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts zu leisten vermochte, wobei Hans-Ulrich Wehlers »Das Deutsche Kaiserreich« (1973) prägend war – und wie wenig sich davon im Zuge von Berlin-Euphorie und Kaiserschloss-Restauration und des Wunsches, die deutsche Geschichte zu normalisieren, im gesellschaftlichen Gedächtnis verankern konnte.

»Geschichte«, merkt Conze gegen das Pathos der Historisierung an, »ist immer Gegenwart.« Er geht auf die unterschiedlichen Deutungen der Geschichte des Kaiserreichs mitsamt der Hintergründe ein, von der »Fischer-Kontroverse« in den sechziger und siebziger Jahren, die nach der deutschen Verantwortung für den Kriegsausbruch 1914 fragte, über Thesen zum deutschen Sonderweg und zum Sozialimperialismus bis zur Debatte über das 2012 erschienene Buch des australischen Historikers Christopher Clark, »Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog«. Trotz der Fehler in der Gesamtarchitektur des Reichs, so betont Conze, war weder der Weg in den Ersten Weltkrieg vorgezeichnet noch das »Dritte« Reich vorbestimmt. Dass jedoch de facto kein anderer Weg beschritten wurde, bleibt der unverrückbare Ausgangspunkt seiner Reflexion: »Was immer möglich gewesen sein mag, es ist nicht geschehen.«

»Schatten des Kaiserreichs« ist das richtige Buch zur 150. Wiederkehr der Reichsgründung. Das Jubiläum fällt in eine Zeit, in der das »Reich« wieder zum politischen Bezugspunkt geworden ist. Die Schilderung des fatalen Zusammenspiels von Illiberalität, Populismus, Nationalismus und Autoritarismus im wilhelminischen Staat liest sich als deutliche Warnung. Zu den geschichtspolitischen Restaurationsversuchen der AfD, den Restitutionsforderungen der Hohenzollern heutzutage und neurechten Umdeutungen Wilhelms II. zum »Friedensfürsten« findet der Autor klare Worte. Sicher wird das Buch niemanden bekehren, der heutzutage auf Demonstrationen schwarz-weiß-rote Fahnen schwenkt. Allen anderen vermag es in Erinnerung zu rufen, warum es zur Nostalgie keinen Grund gibt.

Eckart Conze: Schatten des Kaiserreichs. Die Reichsgründung von 1871 und ihr schwieriges Erbe. DTV, München 2020, 288 Seiten, 22 Euro