Die Professorinnen Sandra Hofhues und Julia Schütz im Gespräch über digitale Hochschullehre

»Klicks messen nicht, wie gelernt wird«

Über Fernstudium und digitale Lernformate, inklusive online Lehrangebote und die Gefahr, dass die Hochschullehre durch die Pandemie noch deut­licher nach neoliberalen Maßstäben ausgerichtet wird.
Interview Von

Frau Schütz, Sie forschen seit April vergangenen Jahres zur digitalen Hochschullehre in der Covid-19-Pandemie. Was haben Sie bislang herausgefunden?
Julia Schütz: Die Umstellung von Präsenz- auf digitale Lehre hat die Hochschullehrenden unter Handlungsdruck gesetzt. Teilweise wurde das durch ungenügende Kommunikation der Hochschulleitungen verstärkt. Die Lehrenden sind engagiert, aber die Studie zeigt, dass vielfach nicht mehr festgestellt werden kann, wie die Studierenden mit der neuen Situation zurechtkommen. Das liegt unter anderem daran, dass nonverbale Kommunikation im digitalen Arbeitsbündnis zwischen Lehrenden und Studierenden unzureichend erlebt wird.

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Sie lehren und forschen beide an einer Fernuniversität. Wer studiert dort und was macht die Fernuni­versität für Ihre Studierenden zu­gänglicher als andere Hochschulen?
Sandra Hofhues: Ein Fernstudium richtet sich grundsätzlich an alle Interessierten. Aber sicherlich ist es so, dass an der Fernuniversität in Hagen vor allem solche Menschen studieren, die in unterschiedlicher Art und Weise eingebunden sind, beispielsweise in Familie und Beruf.
J. S.: Manche möchten sich auch beruflich sowie persönlich neu orientieren und entsprechend weiterbilden. Unsere Studierenden sind durchschnittlich ­älter als an klassischen Präsenzuniversitäten, rund 80 Prozent sind bereits berufstätig und viele, fast die Hälfte, verfügen bereits über einen Hochschulabschluss. Das bildungs- und gesellschaftspolitische Ideal der Fernuniversität in Hagen ist seit ihrer Gründung, durch ein zeit- und ortsunabhängiges Studium Chancengerechtigkeit zu fördern.

Hochschulgebäude sind für viele, etwa für Menschen mit Behinderung, schwer zugänglich, auch der Weg dorthin hält Hindernisse bereit. Wie inklusiv oder barrierearm sind die Lehrangebote, die derzeit von zu Hause wahrgenommen werden können?
J. S.: Wir versuchen, Inklusion und Barrierefreiheit zu gewährleisten: auf dem Campus in Hagen, in unseren Studienzentren in ganz Deutschland sowie in der Ausgestaltung der virtuellen Lernumgebungen und Lehrmaterialen.
S. H.: Mein Wechsel von ­einer Präsenz- an die Fernuni liegt noch nicht lange zurück. Vor allem im Vergleich der Universitäten und Hochschulen kann ich sagen, dass inklusive Lehre an der Fernuni fest verankert ist. Das zeigt sich unter anderem daran, dass alle Lehrmaterialien auf ihre Barrierefreiheit geprüft werden.

»Es ist wichtig, sich von dem Gedanken zu verabschieden, dass digitale Lehre weniger Ressourcen kostet als Lehre in Präsenz.«
Julia Schütz

Was unterscheidet aus Ihrer Sicht ein Fernstudium von digitalisierten Lernformaten?
S. H.: Digitale Lernformate, wie sie derzeit an vielen Unis genutzt werden, wurden aus unterschiedlichen Gründen vielfach eins zu eins vom Analogen ins Digitale überführt. Die Fernuni geht hier einen Schritt weiter: Das gesamte Studium ist so konzipiert, dass von überall gelernt werden kann. Es gibt also sehr viele Lehrmaterialien und Unterlagen, die Studierenden zur Ver­fügung gestellt werden, sowie üblicherweise begleitende Online-Kurse.
J. S.: Die Studierenden werden aus der Ferne unterstützt, sowohl im digitalen Lernformat als auch durch Lerngruppen-Apps, virtuelle Studienberatungen und außercurriculare Angebote wie eine Schreibberatung. Vielleicht besteht darin der Unterschied: Die Lehrenden an Präsenzunis, die jetzt durch die Pandemie zur Digitalisierung ihrer Lehre gewissermaßen gezwungen wurden, haben diese zusätzlichen Unterstützungsangebote häufig nicht.

Öffnen sich die Hochschulen mit den neuen Lehrformaten für diejenigen, die derzeit an der Fernuniversität studieren?
J. S.: Nein, das denke ich nicht. Eher umgekehrt ist es für mich vorstellbar. Vielleicht merken jetzt viele junge Schulabgängerinnen und Schulabgänger, wie gut ihnen das Lernen in digitalen Settings gelingt, und entscheiden sich für die Fernuni.
S. H.: Noch sehe ich das nicht, denn Präsenzunis sind auf sogenannte nicht­traditionelle Studierende eben nicht vorbereitet.

An der wachsenden Verschulung der Universitäten wird bereits seit ­längerem kritisiert, dass Inhalte zugunsten von Methoden auf der Strecke bleiben, also etwa zugunsten des Erwerbs von digitalen Kompetenzen.
J. S.: Ein Hochschulstudium sollte immer mehr sein als reine Wissensvermittlung. Es ist ein Ort, egal ob virtuell oder in Präsenz, für Entfaltung und Persönlichkeitsbildung. Den meisten Hochschullehrenden ist dies sehr bewusst und daran ändert auch die sogenannte Verschulung nicht unbedingt etwas.
S. H.: Die Frage ist doch eher, ob unter digitalen Bedingungen davon ausgegangen werden kann, dass es weiterhin eine Art kanonisiertes Wissen gibt. In­sofern sehe ich die gegenwärtige Situation auch als Option, grundlegend über die Verfasstheit von Universität und Studium unter digitalen Bedingungen nachzudenken.

Einige schätzen Hochschulen als Orte, an denen durch persönliche Kontakte, Begegnungen, Gespräche auf dem Flur und generell Austausch auch Kritik entwickelt werden kann. Liegt in der Digitalisierung der Lehre die Gefahr, dass diese Möglichkeit wegrationalisiert wird und die Hochschullehre noch deut­licher nach neoliberalen Maßstäben ausgerichtet wird?
S. H.: Diese Gefahr sehe ich, insbesondere dann, wenn Digitalisierung falsch verstanden und an Indikatoren gemessen wird, die einfach nicht zum Gegenstand passen. Abrufzahlen oder Klicks messen sicherlich nicht, ob oder gar wie in digitalen Lernumgebungen gelernt wird. Die Betreuung von Studierenden und der soziale Austausch mit ihnen erfordern hohe Investitionen – denn beides ist personalintensiv. Auch Feedback ist eben nur in Grenzen automatisiert möglich. Sparmaßnahmen im Bereich des Personals sind in den Hochschulen daher zum Scheitern verurteilt.
J. S.: Grundsätzlich ist es wichtig, sich von dem Gedanken zu verabschieden, dass digitale Hochschullehre weniger Ressourcen kostet und weniger soziale Interaktionen benötigt als Lehre in Präsenz.

Welche Möglichkeiten bieten digitale Lehrformate, soziale Interaktionen und damit auch das Lernen gleichberechtigter zu gestalten, als es möglicherweise im analogen ­Seminarraum gelingt?
S. H.: Diese Frage setzt voraus, dass Lehrende und Studierende sich auf Augenhöhe begegnen wollen und ihre Lehre so konzipieren, dass gleichberechtigtes Lernen möglich wird. Das lässt sich aber leider nicht voraussetzen. Von den Tücken, die digitale Räume mit sich bringen, will ich da noch gar nicht sprechen. Dass Studierende ihre Bildschirme schwarz stellen, hat nämlich nicht zwingend damit zu tun, dass sie ›keinen Bock‹ aufs Mitmachen hätten, ganz im Gegenteil: Wer weiß schon als Lehrende ganz genau, ob die notwendige digitale Infrastruktur bei allen Studierenden vorhanden ist.Es geht also bei digitalen Lehrformaten genauso wie in der Präsenzlehre darum, Studierende in Lehre und nicht zuletzt in Forschung einzubinden, sie abzuholen, wo sie sind, und auch zuzulassen, dass ihre Zugänge zum Beispiel zu Inhalten eines Seminars unterschiedlich sind. Methodisch können Reflexionsaufgaben und Gruppenarbeit mit anderen Studierenden helfen.
J. S.: Da stimme ich voll zu. Wir widmen uns in unserer Forschung derzeit sehr aufmerksam dem digitalen Arbeitsbündnis. Wie baue ich als Lehrende eine Beziehung zu meinen Studierenden im digitalen Raum auf, die tragfähig ist, die Störungen zulässt und die individuellen Voraussetzungen aller berücksichtigt? Dazu braucht es Professiona­lität und ja, auch Medienkompetenz, also neben dem Wissen, welche unterschiedlichen Medien eingesetzt oder auch eigenständig gestaltet werden können, auch die kritische und reflexive Auseinandersetzung mit der Nutzung und den Wirkungsweisen eben dieser Medien.
 

 

Fernuni


Sandra Hofhues (l.) ist Professorin für Mediendidaktik an der Fernuniversität in Hagen. Sie forscht über die Nutzung digitaler Medien durch Studierende. Julia Schütz (r.) ist Professorin für Empirische Bildungsforschung an derselben Universität. Sie leitet eine Studie über digitale Lehre und Unterricht an Hochschulen und allgemeinbildenden Schulen in der Coronakrise.